Patient Maradona

Argentinien betet um die Hand Gottes

Von Josef Oehrlein, Buenos Aires

Sein Zustand bleibt kritisch: Maradona

Sein Zustand bleibt kritisch: Maradona

20. April 2004 "Gott, reiche ihm die andere Hand!" schrieb eine unbekannte Hand auf einen jener vielen Zettel mit Gesundungswünschen für den im Schweizerisch-Argentinischen Krankenhaus in Buenos Aires liegenden Diego Maradona. Gottes Hand wird von den argentinischen Fußballfans, den "hinchas", wieder einmal arg beansprucht. Den Eingang zu der Klinik haben sie mit ähnlichen Sprüchen und Wünschen zugekleistert. Seit Maradona in das Spital eingeliefert worden ist, hält eine je nach Tageszeit bis auf mehrere Hundert anschwellende Zahl von Anhängern vor dem Gebäude Krankenwache.

Die Avenida Pueyrredon ist an der Einmündung zur Geschäftsstraße Santa Fe schon zu normalen Zeiten für Autofahrer ein Nadelöhr. In diesen Tagen droht der Verkehr an jener Engführung, an der das Krankenhaus liegt, immer wieder zu kollabieren, vor allem wenn die "hinchas" im Chor Hymnen auf ihr Idol zu singen beginnen und in ihrer Begeisterung auf die Fahrbahn drängen. Hin und wieder muß die Pueyrredon an der neuralgischen Stelle, an der auch die Übertragungswagen zahlreicher in- und ausländischer Fernsehsender die Fahrbahn einengen, ganz gesperrt werden.

Anfeuerungsrufe und Trommelrhythmen

Als die Diego-Fans zu Trommeln greifen, um ihr Idol mit dröhnenden Durchhalterhythmen aufzumuntern, wird es einigen Patienten zu viel, vor allem mancher werdenden Mutter in der Klinik, deren Spezialität Geburtshilfe ist. Angehörige gehen auf die Straße und bitten um Rücksicht. Das Trommeln verstummt. Zu Maradona, der noch immer auf der Intensivstation im vierten Stock des modernen Gebäudes liegt, dringen die Anfeuerungsrufe ohnehin nicht.

Sein Zustand habe sich nach seinem Zusammenbruch am Sonntagabend leicht gebessert, heißt es in den medizinischen Bulletins. Der Blutdruck habe sich wieder den Umständen entsprechend normalisiert. Doch nach wie vor wird Maradona künstlich beatmet. Die Bluthochdruckprobleme, die den Kollaps verursachten, sind begleitet von einer Lungenentzündung. Sie war entstanden, als Erbrochenes in die Lunge geriet.

Die Ereignisse überstürzten sich

Den Verdacht, Maradona sei, wie schon vor vier Jahren, Opfer einer Überdosis Rauschgift geworden, verweist der Leibarzt des Fußballers, Alfredo Cahe, in das Reich der unseriösen Spekulationen. Auch einen Herzstillstand habe Maradona nicht erlitten, trotz aller Herzprobleme. Diego habe schon am vergangenen Samstag erkältet gewirkt, das habe ihn besorgt gemacht, sagt der Doktor. Am Sonntag überstürzten sich die Ereignisse. Diego sei übel gewesen, er habe erbrochen, sein Blutdruck sei extrem gestiegen. Umgehend habe er seinen Patienten in einer Ambulanz in die Klinik bringen lassen, berichtet Doktor Cahe.

In der argentinischen Presse erläutern Fachärzte die Erkrankung, sie erklären, warum Diegos Herz geweitet ist und die Kreislaufprobleme entstehen konnten. Daran sei natürlich auch der frühere Genuß von Kokain schuld, der den Herzmuskel schädige. Wenn dann Bluthochdruck entsteht, "ist das so, wie wenn 15 Personen in ein Auto einsteigen, das Probleme mit dem Motor hat; das Herz versagt", erläutert ein Herzspezialist. Und ein Internist erklärt, warum sich die Lunge entzündet, wenn in sie Fremdpartikel geraten.

Maradona soll zurück nach Kuba

Auch drei Tage nach Maradonas Einlieferung in die Klinik ist sein Zustand trotz der Anzeichen leichter Besserung noch immer kritisch. Der jüngste Zusammenbruch sei schwerwiegender gewesen als jene von der Überdosis Kokain verursachte Krise, die Maradona vor vier Jahren in Uruguay erlitt, darin sind sich die Mediziner, die sich mit dem Krankheitsbild beschäftigt haben, weitgehend einig.

Während Genesungswünsche von Fußballkollegen aus aller Welt in Buenos Aires eintreffen, hat sich auch der argentinische Botschafter in Kuba, Raul Taleb, zu Wort gemeldet. Er mahnt, Maradona müsse auf die Insel zurückkehren, um dort seine Behandlung unter Aufsicht kubanischer Ärzte fortzusetzen, die er nach dem Drogenmißbrauch Anfang 2000 begonnen hatte. Jedesmal, wenn Maradona Kuba verlasse, wie zuletzt Ende März, als er in sein Heimatland Argentinien kam, fühle er sich ein wenig freier, und vielleicht habe die Mißachtung der einen oder anderen ärztlichen Vorschrift die aktuelle Gesundheitskrise mit heraufbeschoren, mutmaßt der Diplomat. Aber einstweilen sei nicht vorgesehen, daß die kubanischen Ärzte, die Maradona behandelt hatten, nach Buenos Aires reisen.

„Du hast Gott geboren"

Während vor dem Schweizerisch-Argentinischen Krankenhaus der Medientroß auf ein aktuelles Kommunique der Ärzte wartet, beten Frauen in gestandenem Alter einen Rosenkranz für die Gesundung des Idols. Sie haben dazu eigens eine Marienfigur mitgebracht. Auch der "Gauchito Gil", die angeblich wundertätige Figur argentinischer Volksfrömmigkeit, wird angerufen, um Diego beizustehen. Unter den Familienangehörigen, die zur Intensivstation vorgelassen werden, gehört auch die Mutter Maradonas, "Dona Tota". Einer der vielen Zettel, die an der Klinikwand kleben, gilt ihr. Darauf steht: "Danke, Dona Tota, Du hast Gott geboren."

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: REUTERS

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