Ausrüsterstreit

Der Fußball-Rosenkrieg

Von Michael Horeni

Balanceakt: Lehmann steht auf Nike und kleidet sich mit drei Streifen

Balanceakt: Lehmann steht auf Nike und kleidet sich mit drei Streifen

21. März 2007 Theo Zwanziger hat sich ein paar schöne Tage in den Bergen gemacht. Wenn er an diesem Mittwoch an seinen Schreibtisch in der Zentrale des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zurückkehrt, wartet alles andere als alltägliche Arbeit auf den Präsidenten: Die Causa Adidas/Nike geht in die entscheidende Phase - und es gibt kaum ein Thema, das den Verband in den letzten Jahren so stark beschäftigte und in seinem Selbstverständnis berührte wie die juristische Auseinandersetzung mit dem langjährigen Partner und dem möglichen Wechsel zu dessen amerikanischem Konkurrenten. „Das ist eines der schwierigsten Themen, seit ich beim DFB bin - und da bin ich schon seit fast zwanzig Jahren“, sagt Wolfgang Niersbach. Das will etwas heißen.

Der als künftiger Generalsekretär gehandelte Niersbach hat als Vizepräsident des Organisationskomitees mitgeholfen, die Weltmeisterschaft zu einem Erfolg zu machen. Er hat als Medienchef die Entlassung von Berti Vogts erlebt, die tiefe Krise unter Erich Ribbeck und das Chaos um Christoph Daum. Die großen Krisen also, die das Fußball-Land bewegten. Aber die pikante Melange DFB-Adidas-Nike, die öffentlich viel geringere Wellen schlägt, ist beim Verband intern dennoch von außergewöhnlicher und polarisierender Qualität.

Streit der Finanzen und Emotionen zusammenbringt

Der Ausrüsterstreit: Für DFB-Präsident eine heikle diplomatische Angelegenheit

Der Ausrüsterstreit: Für DFB-Präsident eine heikle diplomatische Angelegenheit

„Bis zum Sommer wollen wir das Thema geklärt haben. Das liegt in beiderseitigem Interesse“, sagt Zwanziger, nachdem sich Adidas in der vergangenen Woche für das Schiedsgerichtsverfahren entschieden hat. Um zu klären, ob im vergangenen Sommer eine Vertragsverlängerung bis 2014 stattgefunden hat, hat das Unternehmen aus Herzogenaurach am vergangenen Freitag seinen „Schiedsrichter“ berufen. Nun hat der DFB Zeit bis Ende des Monats, um seinen Kandidaten zu benennen. Die beiden Vertreter müssen sich dann innerhalb von vierzehn Tagen auf einen neutralen Richter verständigen.

„Das ist nicht ganz so einfach“, sagt Zwanziger voraus. Falls sich die beiden seit rund fünfzig Jahren verbundenen Partner nicht einmal mehr darauf einigen können, was manche Beobachter erwarten, ginge der Fall vor den Präsidenten des Oberlandesgerichts in Frankfurt, dem dann die Aufgabe zufiele, den Vorsitzenden für das Schiedsgerichtsverfahren zu benennen. Aber das sind nur die formalen Dinge und nächsten Schritte in einer Auseinandersetzung, die beim DFB die Themen Finanzen und Emotionen zusammenbringt, wie man das sonst nur bei einer Scheidung in besten Kreisen kennt.

„Nett mit Herrn Hainer zusammengesessen“

„Da hat man gerade goldene Hochzeit gefeiert, und dann liegt auf einmal etwas dazwischen“, sagt der als kommender DFB-Generalsekretär gehandelte Niersbach. Schon seit Uwe Seelers Zeiten, als die großen Stars des Landes mit einem Vertrag bei Adidas ihre Karriere über den Schlusspfiff hinaus vergoldeten, sind Beziehungen und auch Seilschaften zwischen dem Sportartikelgiganten und dem deutschen Fußball gewachsen. Beim FC Bayern ist Adidas mit zehn Prozent beteiligt, und beim DFB heißt es seit Jahren immer wieder ganz jovial, wie nett man „mit dem Hainer zusammengesessen hat“. Gemeint ist Herbert Hainer, der Vorstandsvorsitzende des Drei-Streifen-Imperiums.

Die letzten Feinheiten des Vertrags im Jahr 2002, als Nike schon mit einem besseren Angebot vorgesprochen hatte, wurden unter dem damaligen DFB-Präsidenten Mayer-Vorfelder noch im engsten Kreis abgesegnet. „Es gibt lange Lohnlisten“, sagt Zwanziger zum engen Beziehungsgeflecht zwischen Adidas und dem deutschen Fußball, „aber ich stehe auf keiner.“

Diplomatisch heikle Angelegenheit

Der Fußball-Rosenkrieg ist auch deswegen für den DFB so kompliziert, weil, bei allen Trennungstendenzen, der alte deutsche Partner nicht einfach aus dem Leben verschwindet - aber auch nicht der mit einer halben Milliarde Euro lockende amerikanische Charmeur. „Adidas bleibt immer im deutschen Markt“, sagt Zwanziger. Aber auch Nike arbeitet längst erfolgreich mit Bundesligavereinen und einzelnen deutschen Stars zusammen. „Es ist die Pflicht des DFB, sauber mit beiden zusammenzuarbeiten. Es geht auch um die Zukunft“, sagt Zwanziger.

Den DFB und Adidas verbindet eine über 50 Jahre alte Zusammenarbeit

Den DFB und Adidas verbindet eine über 50 Jahre alte Zusammenarbeit

Die Einladung von Nike-Vorstandschef Mark Parker, dem Nachfolger des legendären Gründers Phil Knight, in die Zentrale nach Beaverton in Oregon wird beim DFB als diplomatisch heikle Angelegenheit betrachtet. Zum einen möchte der DFB den Amerikanern, die Zwanziger nun wiederholt eingeladen haben, deutlich machen, „dass wir ihr Vertragsangebot als Ehre empfinden“. Andererseits könnte sich schon in ein paar Wochen das Schiedsgericht der Sicht von Adidas anschließen. Dann wäre das amerikanische Angebot hinfällig - und der alte und neue Partner Adidas „not amused“ über den DFB-Ausflug zum schärfsten Konkurrenten auf dem Weltmarkt.

„Gewisse Restunsicherheit“

500 Millionen Euro bietet Nike als Ausrüster für acht Jahre. Es ist ein Kampfpreis, für den Analysten keine rationale Begründung mehr ausmachen können. Adidas hat sein Angebot pro Jahr auf 22 Millionen Euro verdoppelt - die Differenz bleibt gewaltig. „Das ist ein Kampf, der weltweit stattfindet“, sagt Zwanziger, „und wir können der Nutznießer sein.“ Die Einmischung von Adidas durch einen Deal mit der NBA auf dem amerikanischen Markt, in die inneren Angelegenheiten von Nike, spielt dabei für Analysten eine Rolle - und die Übernahme von Reebok 2005 durch die Herzogenauracher.

Adidas-Boss Herbert Hainer hat sein Angebot verdoppelt - und liegt noch weit hinter der Nike-Offerte

Adidas-Boss Herbert Hainer hat sein Angebot verdoppelt - und liegt noch weit hinter der Nike-Offerte

Ein solches Angebot, glauben viele beim DFB daher, werde nie mehr kommen. „Jetzt haben wir die Möglichkeit, erstmals ganz tief an die Basis vorzustoßen“, sagt Zwanziger angesichts der finanziellen Perspektiven. „Das darf ich nicht verraten.“ Das Nike-Angebot gilt aber nur, wenn die DFB-Adidas-Connection im Jahr 2011 endet - wovon der Verband überzeugt ist. Aber eine „gewisse Restunsicherheit“, wie es in der DFB-Zentrale heißt, besteht gleichwohl. Manchem wäre es auch ganz recht, wenn sich der starke Präsident an diesem Thema ein paar blaue Flecken holt - im Oktober sind Wahlen. Schon die Meinungsumfrage im Auftrag Zwanzigers, die mit suggestiven Fragen einen Wunsch der deutschen Bevölkerung zum Ausrüsterwechsel ermittelte, kam nicht gut an.

Zwanziger will die Mitglieder bestimmen lassen

Wenn nötig, sollen nun die Gremien und der DFB-Bundestag im Oktober den Deal mit Nike absegnen. Zwanziger will die Entscheidung auf „eine breite Basis“ stellen. „Die Mitglieder haben im Verband das Sagen, nicht der Präsident.“ Bei zentralen Fragen müssten laut Vereinsrecht die Mitglieder gefragt werden. Zwanziger will das tun. „Führungsstärke bedeutet, wenn man weiß, wem man die Entscheidung zu überlassen hat“, sagt der DFB-Präsident.

Mischling

Mischling

Anders als früher „werden solche Entscheidungen bei uns nicht mehr im stillen Kämmerlein getroffen. Da sind wir weiter“, sagt Zwanziger. Als Führungsschwäche in der schwierigsten Frage seiner Amtszeit will der Präsident die Basisdemokratie mit Blick auf seine Kritiker aber nicht missverstanden wissen: „Ich weiß, was ich will.“

Text: F.A.Z., 21.03.2007, Nr. 68 / Seite 31
Bildmaterial: AP, ddp, dpa

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