Michael Ballack

Zum Weltstar gereift

Von Peter Heß, Moskau

21. Mai 2008 Michael Ballack fühlt sich stark. So stark, dass er über den letzten Makel seiner Karriere bereitwillig Auskunft gibt. In seiner zehnjährigen Karriere als Erstligaprofi hat der 31 Jahre alte Sachse noch nie ein Finale außerhalb von Berlin gewonnen. Dreimal wurde der Mittelfeldspieler mit den Bayern im Olympiastadion deutscher Pokalsieger. Als Chelsea 2007 den englischen Cup gewann, fehlte er wegen einer Verletzung. Ansonsten blickt Ballack auf vier deutsche Meistertitel zurück und auf viele verpasste Chancen.

Als 23 Jahre alter Jungprofi verhinderte er 2000 mit einem Eigentor im letzten Saisonspiel gegen Unterhaching den Leverkusener Titelgewinn. Im Jahr 2002 verlor Ballack mit Bayer ebenfalls recht knapp das Titelrennen gegen Dortmund, das Champions League-Finale gegen Real sowie den DFB-Pokal gegen Schalke. Und im WM-Endspiel gegen Brasilien schaute er wegen einer Gelbsperre zu. Das verlorene Liga-Cup-Finale in diesem Frühjahr mit Chelsea gegen Tottenham ist die frischeste schlechte Erinnerung, aber sie tut im Vergleich zur Vergangenheit kaum weh.

„Es ist die goldene Gelegenheit“

An diesem Mittwoch kann Michael Ballack mit Chelsea in Moskau die Champions League gewinnen. Es wäre die Revanche gegen den alten Rivalen Manchester United, der dem Londoner Klub gerade die englische Meisterschaft weggeschnappt hat. Aber vor allem wäre es endlich die Vollendung einer Spielerkarriere, der dann kein Zweifler mehr das Attribut groß vorenthalten könnte.

„Es ist die goldene Gelegenheit, mit den Versäumnissen der Vergangenheit fertig zu werden“, sagte Ballack vor dem Abflug nach Moskau zu englischen Journalisten. „A golden opportunity“, formulierte es der Sachse in seinem mittlerweile fließenden Englisch. Und der Deutsche scheute sich nicht, die Einzelheiten seiner traurigen Finalgeschichten aufzuzählen. Die Gegenwart gibt ihm die Stärke und das Selbstvertrauen dazu. Er hat geschafft, was ihm viele deutsche Experten nicht zugetraut haben. Er hat sich im Fußballklub mit der größten Stardichte der Welt durchgesetzt, ist zu einem der Führungsspieler geworden und hat im schon fortgeschrittenen Alter von 31 Jahren das Angebot bekommen, seinen Vertrag vorzeitig bis 2012 zu verlängern.

Der Deutsche machte sich unentbehrlich

Dabei gab es zu Dienstantritt in London noch große Zweifel: „Wo soll Ballack denn spielen?“, fragten viele Experten angesichts einer Belegschaft mit Florence Malouda, Claude Makelele, Obi Mikel, Michael Essien, Joe Cole und Shaun Wright-Philipps, die unter der uneingeschränkten Regentschaft von Frank Lampard schon vor Ballacks Ankunft in England jeden erdenklichen Aspekt eines erstklassigen Mittelfeldspiels abdeckte. Die Antwort lautet im Mai 2008: Ballack spielt, was und wo er immer spielte, und die anderen scharen sich um ihn. Das bedeutet für Lampard, dass er ein wenig nach hinten rücken musste, nachdem sich zuerst seine und Ballacks Laufwege zu häufig gekreuzt hatten.

Nach seiner achtmonatigen Verletzungspause eroberte sich Ballack im Januar seinen Lieblingsplatz im Mittelfeld. Trainer Avram Grant blieb kaum eine andere Wahl, als den Deutschen in die Verantwortung zu nehmen, da sein Mittelfeld durch Verletzungen ausgedünnt war. Und der Deutsche machte sich unentbehrlich. Wie bei den Bayern auf die für viele Zuschauer unauffällige, für die Mitspieler aber äußerst dankbare Art: als Anspielstation hinter den Spitzen, die einfach da ist, wenn andere Wege versperrt sind; als Passgeber, der den Ball schnell und präzise weiterspielt, so dass der Kollege auch etwas mit der Kugel anfangen kann; als Mittelfeldarbeiter, der bei gegnerischem Ballbesitz sofort eine defensive Haltung einnimmt, stört, bremst, den Gegner zumindest zu Umwegen zwingt.

„Er ist einer der besten Spieler der Welt“

Es sieht manchmal etwas seltsam aus, wenn Ballack mit dem schaukelnden Laufstil eines Seemanns auf Landurlaub über das Feld trabt, während die dynamischeren Kollegen wie Essien oder Malouda oder Drogba um ihn herumpfeilen. Aber Ballack gleicht die mangelnde Schnelligkeit durch seine Antizipationsfähigkeit weitgehend aus. „Er ist einer der besten Spieler der Welt“, lobte ihn sein Kollege Essien kürzlich. Der Ghanaer bewundert vor allem dessen Passgenauigkeit und dessen Blick für die Situation. „Ich laufe gerne einmal für ihn mit.“

Der deutschen Sehnsucht nach einem neuen Netzer und Overath wollte und konnte Ballack nie gerecht werden, dazu ist er und fühlt er sich viel zu sehr als Mannschaftsspieler. Die Engländer nehmen den Deutschen einfach, wie er ist, und mögen ihn dafür. Vor allem für den Extrabonus, der ihn auszeichnet und zu einem der wertvollsten Mittelfeldspieler Europas macht: seine Torgefährlichkeit. Wie ein Gerd Müller mit langem Anlauf taucht er urplötzlich im und am Strafraum auf, die Lücke erkennend, in die er stoßen muss, bevor sie sich anderen erschließt.

Netzers einstige Lieblingstheorie hat ausgedient

Acht Tore hat Ballack in 26 Pflichtspielen für Chelsea erzielt, fast immer sehr wichtige. Während er in Deutschland lange gegen das Vorurteil ankämpfen musste, in wichtigen Spielen unterzutauchen, gilt er in England als Prototyp des Profis, der am besten ist, wenn es wirklich gilt. Seine beiden Tore zum 2:1 über Manchester United in der Premier League im April, die den Meisterschaftskampf bis zum letzten Spieltag spannend hielten, machten ihn endgültig zum Liebling der Chelsea-Fans.

Günter Netzers einstige Lieblingstheorie, Ballack tauge nicht zum Führungsspieler, weil er in der früheren DDR sozialisiert worden sei und deshalb zu wenig initiativ wäre und zu wenig egoistisch denke, würde in England für Gelächter sorgen. Der Deutsche schnappt sich den Ball zu Freistoß und Elfmeter und hält dabei ganz cool den Streit mit dem Platzhirsch und Torjäger Didier Drogba aus.

Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft zeigte dem theatralischen Spielführer der Auswahl der Elfenbeinküste einfach die kalte Schulter und setzte sich damit durch. Kein Zweifel, Ballack hat dazugelernt. Selbst wenn es auch in Moskau mit dem Titel nicht klappen sollte, seine Entwicklung zur Spielerpersönlichkeit hat er vollendet.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa

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