Von Michael Horeni, Herzogenaurach
01. Juni 2007 Beim Führungspersonal des deutschen Fußballs kursiert ein schöner Witz, der allerdings bitter ernst gemeint. Der Witz geht so: "Fragt eine Stewardess einen deutschen Profi: Kaffee oder Tee? Sagt der Profi: Da muss ich erst mal meinen Berater fragen."
Zurück zur Wirklichkeit, zurück zu den Nationalspielern, zurück zu Miroslav Klose. Der WM-Torschützenkönig entspricht derzeit wie kein anderer Profi dem Bild des unmündigen Sportlers. Aber er ist nicht alleine. Klubpräsidenten und Manager beziffern den Anteil der Profis, die ohne eine eigene Haltung durchs (Berufs-)Leben gehen, mittlerweile auf siebzig bis achtzig Prozent. Das hat Folgen.
Basar der Millionärshelfer
Am vorvergangenen Montag hat da auch Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff wieder seine Erfahrungen gemacht. Er traf sich mit 15 Beratern der Nationalspieler, im Mittelpunkt standen die werblichen und organisatorischen Planungen bis zur Europameisterschaft 2008. Ein Thema war dabei auch, den Film "Deutschland - Ein Sommermärchen" im Ausland zu vermarkten. Daraus wird jedoch nichts. "Die Auslandsvermarktung ist abgelehnt worden, weil ein, zwei Berater gesagt haben: Was springt dabei für uns raus?", sagt Bierhoff.
So geht's zu auf dem Basar der Millionärshelfer, und was als Folge des billigen Geschachers, der Unprofessionalität oder des Eigennutzes herauskommen kann, lässt sich am Imagedesaster von Miroslav Klose eindrücklich beschreiben. Zu Beginn der Saison war der WM-Torschützenkönig auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn angelangt. Er war beliebt und begehrt wie nie zuvor. Vor den letzten beiden Länderspielen in der EM-Qualifikation am Samstag in Nürnberg gegen San Marino und am Mittwoch gegen die Slowakei ist die Lage so düster, dass Miroslav Klose meint, es sei das Beste, sich nur noch im Quartier der Nationalmannschaft zu verstecken.
Fremdgesteuert und hörig
Klose hat jeden öffentlichen Auftritt abgelehnt. Aber ob Klose das selbst entschieden hat, ist fraglich. Vermutlich war es der Rat seines unerfahrenen Beraters Alexander Schütt, aber fragen kann man das Klose ja nicht. In der Fußballbranche wird die Entwicklung des Torjägers mit Skepsis betrachtet, die Beziehung zu seinem Berater sorgt mitunter sogar für Entsetzen. Es fallen Worte wie "fremdgesteuert" und "hörig". Laut sagt das aber im deutschen Fußball keiner.
Die Führung der Nationalmannschaft hat sich auf die Sprachregelung geeinigt, dass sich der Bremer in diesen Tagen auf den Fußball konzentrieren soll - und dass er sich auf die Unterstützung Joachim Löws und Bierhoffs verlassen kann. "Miro wird am Wochenende das eine oder andere Tor schießen. Das wird ihm guttun", sagt der Bundestrainer voraus. Aber Treffer gegen San Marino, das weiß Löw nur zu gut, werden in diesem Fall nicht reichen. "Wir sind für Ratschläge immer da", sagt der Bundestrainer. Er werde mit Klose reden, wenn der das Signal gebe, dass er über seine Zukunft reden wolle. Manager Bierhoff hat angekündigt, dass er in den nächsten Tagen in jedem Fall das Gespräch mit Klose suchen werde.
Es ist noch alles möglich
"Der Kontakt zu Alex Schütt ist gut, sehr offen", sagt Bierhoff, "aber wie die Beratung aussieht, kann ich nicht sagen. Aber Miro war sicher nicht gut beraten, sich zwei Tage vor so einem wichtigen Spiel (dem Halbfinale im Uefa-Pokal) mit den Bayern zu treffen. Das hätte er auch selbst wissen müssen." Aber seither hat auch Kloses Krisenmanagement, falls es das gibt, vollständig versagt. Die Zusage des Bremers, seinen Vertrag bis 2008 zu erfüllen, hat die Zweifel eines vorzeitigen Wechsels nach München trotzdem nicht beseitigen können. Eine eindeutige Aussage jedoch bleibt Klose bis heute schuldig.
"Es ist noch alles möglich", war einer seiner letzten Sätze, aus denen Wankelmütigkeit und Orientierungslosigkeit sprachen. Das gilt noch immer. Die Bayern jedenfalls hätten ihn am liebsten sofort - und vielleicht landet er auch dort schon nach den beiden Länderspielen, wenn sich Bremen und München über die Ablösesumme einigen. "Ich habe in Bremen einen Vertrag bis 2008. Werder hat gesagt, dass sie mich nicht gehen lassen. Was soll ich da noch machen?", fragt Klose hilflos.
Viele halten dem Druck nicht stand
Der Stürmer im schon reiferen Profi-Alter von 28 Jahren ist mit dem Problem der selbstverschuldeten Unmündigkeit jedoch nicht allein. "Jeder Spieler sollte seinem Manager klarmachen, dass er zu tun hat, was der Spieler will. Das ist häufig nicht der Fall. Teilweise liegt das an Unsicherheit und Unwissen - aber auch an der Unlust, Verantwortung zu übernehmen", sagt Bierhoff ganz allgemein zu Defiziten im Profifußball bei Beratern und ihren Klienten.
Viele Berater hätten zudem das Problem, dass sie bei ihren ersten großen Deals dem Druck nicht standhielten, der von den erfahrenen Vereinsmanagern auf sie ausgeübt werde. Viele knickten bei Forderungen ein - aus Sorge, der Transfer könne scheitern oder der Klub werde nicht mehr mit ihnen zusammenarbeiten. "Aber ein guter Berater ist jemand, der alleine die Interessen des Spielers sieht", sagt Bierhoff. Erstaunlich, dies betonen zu müssen. Eigentlich hatte man gedacht, dies sei die Geschäftsgrundlage der Beraterbranche.
Text: F.A.Z., 01.06.2007, Nr. 125 / Seite 31
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS
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