Von Richard Leipold
05. August 2005 Die Lage in der Fußball-Bundesliga erinnert ein wenig an die Schulzeit. Der Lehrer stellt eine schwierige Frage, und niemand zeigt auf. Die einen fühlen sich nicht angesprochen, andere halten sich bedeckt, um eine Blamage zu vermeiden. Aber wie lautet die Masterfrage, die vor der 43. Saison sogar dem Leistungskurs Fußball in der deutschen Eliteklasse Unbehagen bereitet? Es ist eine ganz einfache Frage: Wer traut sich zu, die Bayern zu verfolgen und ihnen den Meistertitel abzujagen? Die Antwort ist Schweigen. Es mag ein paar Mannschaften geben, die den Münchnern gefährlich werden könnten. Aber sie schleichen sich lieber von hinten an, als dem Rekordmeister (verbal) die Stirn zu bieten.
Vor dem Saisonstart an diesem Freitag ist in der Bundesliga keine richtige Wechselstimmung auszumachen. Die Mehrheit der Trainer sieht den FC Bayern auf seinem Stammplatz an der Spitze; bei den Fans scheint die Stimmung ähnlich zu sein. Handelnde und nicht handelnde Personen haben sich offenbar mit der Dominanz der Münchner arrangiert.
Bremen und Stuttgart wirken wie Außenseiter
Schalke 04, der Meisterschaftszweite des Vorjahres, ist noch der lauteste aus der kleinen (Verfolger-)Gruppe der Leisetreter, in der Klubs wie Werder Bremen und der VfB Stuttgart schon wie Außenseiter wirken. Den allseits vermuteten Status des aussichtsreichsten Mitbewerbers verdanken die Westfalen ihrer ambitionierten Transferpolitik. Kevin Kuranyi vom VfB Stuttgart und Fabian Ernst von Werder Bremen haben das Revier gewechselt. Und die Einkäufer aus Gelsenkirchen sind stolz darauf. "Man muß lange zurückblättern, um zu sehen, wann Schalke schon mal zwei deutsche Nationalspieler verpflichtet hat", sagt Sportdirektor Andreas Müller, der als Redner an Profil gewonnen hat.
Auf die Meisterschaft angesprochen, blickt Müller jedoch in die fernere Zukunft. Der Titel ist in Schalke kein Tabu mehr, aber auch kein Punkt der Agenda 2006. Müller hat gewettet, sein Klub werde die Schale spätestens im Jahr 2008 nach Gelsenkirchen holen. Dieser Zeitrahmen ist großzügig bemessen in einer Branche, die derart auf den schnellen Erfolg fixiert ist wie die Bundesliga. Und wenn die Wette verlorengeht? Müller zuckt mit den Schultern und sagt, im Leben müsse man "auch verlieren können". So spricht jemand, der es gewohnt ist vorzubauen, damit ihm niemand vorwerfen kann, zuviel versprochen zu haben.
Auch Schalke will nicht zuviel versprechen
Auch der ehrgeizige Trainer Ralf Rangnick versucht beizeiten, sich abzusichern. Vordergründig ist seine Position gesichert. Doch sein Verhältnis zu Manager Assauer, dem populären Impresario, ähnelt einem Zweckbündnis. Dessen Geschäftsgrundlage ist allein der Erfolg auf dem Rasen. Um sich abzusichern, wird Rangnick nicht müde, neue Spieler zu fordern. Er benötige dringend noch zwei Verteidiger von Format. Und auch einen fünften Stürmer der Kategorie Nationalspieler würde er nicht verschmähen. Jüngst setzte er sogar Milan Baros, den Torschützenkönig der Europameisterschaft 2004, auf seinen Wunschzettel. Doch die (wirtschaftliche) Vernunft hat in diesem Fall gesiegt. Der Verein ließ sich vom Trainer nicht dazu verleiten, dem FC Liverpool neun Millionen Euro zu überweisen. Auch dieses Ergebnis wird Rangnick im Zweifel für sich zu nutzen versuchen. Jede nicht erfüllte Forderung kann sein Alibi stärken - falls er im Laufe der Saison eins braucht. Für ihn spricht indes, daß er seinen Vorgesetzten wie den Fans nicht vorgaukelt, Schalke sei schon meisterlich besetzt.
Beim Umgang mit Geld ist derzeit nicht der intellektuell veranlagte Trainer Rangnick für die Vernunft zuständig, sondern der Bauchmensch Assauer. Der Manager rät, wenn auch auf hohem Niveau, zur Genügsamkeit. "Wir haben keine Baustellen in der Mannschaft, auch wenn der Trainer das vielleicht sagt und einige es schreiben." Assauer ist ein mutiger Mann; er gilt als Macho der Liga. Aber wenn es um den Wettstreit mit den Münchnern geht, wirkt er seltsam zurückhaltend, fast verschlossen. "Ich werde es noch erleben, daß Schalke die Bayern überholt", sagt er. Da sein Vertrag gerade erst bis 2008 verlängert wurde, klingt dieser Ausspruch aber nicht wie eine Kampfansage für den Augenblick. Schalke hat Zeit oder tut zumindest so. Vorerst dominiert die Angst des Jägers vor dem FC Bayern.
Liga-Macho Assauer zurückhaltend
Anderswo tritt dieses Empfinden noch deutlicher hervor, denn weitere mögliche Verfolger segeln im Windschatten der Schalker und rufen die Teilnahme an der Champions League zum Saisonziel aus, wenn überhaupt. Werder Bremen hat, fast traditionell, zwei seiner besten Spieler verkauft. Valerien Ismael wechselte für eine Ablösesumme von acht Millionen Euro zu den Bayern; auch das ist ein Hinweis auf die Vorherrschaft der Bajuwaren. Die Bremer sind zu stark von den Geistesblitzen ihres französischen Mittelfeldstrategen Johan Micoud abhängig, dessen Auftreten im Kollegenkreis autistische Züge trägt. Seit sein Kumpel Stalteri und sein Landsmann Ismael fortgegangen sind, fühlt sich der unberechenbare Micoud bei Werder noch mehr als vorher allein zu Haus. Dennoch ist Bremen für eine Überraschung gut, eher jedenfalls als Stuttgart. Werder-Trainer Thomas Schaaf hält den Titelkampf, wie sein Kollege Rangnick aus Schalke, immerhin für offen.
Giovanni Trapattoni, der Fußball-Lehrer des VfB Stuttgart, indes gibt sich so defensiv wie am Taktiktisch; er beteiligte sich nicht an der obligatorischen Meisterfrage vor der Saison. Es sei "noch zu früh, eine Prognose abzugeben". Als Nachfolger des oft verkrampft wirkenden Matthias Sammer mag der 66 Jahre alte Italiener den Stuttgartern weltmännisches Flair verleihen. Trapattoni steht für den Anspruch des VfB, international mitzumischen, wenn möglich in der Champions League. Der Startrainer animierte sogar die dänischen Nationalstürmer Jon Dahl Tomasson (zuletzt beim AC Mailand unter Vertrag) und Jesper Grönkjaer (Atletico Madrid) dazu, in Stuttgart anzuheuern. Einen Titelaspiranten par excellence vermag aber auch Trapattoni aus den Schwaben nicht zu machen, zumal sie in Regisseur Aliaksandr Hleb ihren kreativen Kopf an Arsenal London verloren haben.
Die Auswahl ernstzunehmender Bayern-Konkurrenten ist gering. Alle, die genannt werden, haben gemeinsam, daß sie selbst nicht davon überzeugt sind, die Münchner abzulösen. Von Jagdfieber ist kurz vor dem Start nicht viel zu spüren.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb