Von Dirk Schümer
24. April 2007 Es ist kein abwegiger Gedanke, beim Halbfinale der diesjährigen Champions League die Gedanken ins ferne Jahr 1978 zurückschweifen zu lassen. Beim AC Mailand, der an diesem Dienstagabend bei Manchester United antritt, kickte damals schon ein zehnjähriges Talent namens Paolo Maldini. Der Knirps aus der aktiven Zeit von Pelé und Beckenbauer hat seither niemals den Verein gewechselt, steht auch in Manchester in der Verteidigung der Italiener und ist im Laufe von knapp dreißig Jahren zu einem der Weltstars des Fußballs gereift.
Gereift? Für den jungen Defensivspieler war das eigentlich schon immer das verkehrte Wort. Am 20. Januar 1985 gab er im verschneiten Udine sein Debüt in der Serie A - mit gerade einmal sechzehn Jahren. Sein Trainer Liedholm rühmte sogleich die fußballerische Reife, die taktische Übersicht des halben Kindes. Alle späteren Fußball-Lehrer, darunter sein eigener Vater Cesare, konnten sich da nur anschließen. So begann eine Karriere sehr früh, die nun einen kaum glaublichen Spätherbst erlebt.
Fast alle Rekordmarken gebrochen
Für heute aktive Stars der Champions League sind die achtziger Jahre verstaubte Fußballhistorie, in der Maradona, van Basten oder Baresi für die Geschichtsbücher kickten. Paolo Maldini jedoch hat mit solchen Stars Karriere gemacht. Jahrgang 1968, war er der bewunderte Jungstar bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland, stand 1994 mit Italien im Finale der Weltmeisterschaft und verlor damals nur im Elfmeterschießen gegen Brasilien.
Längst hat der 1,86 Meter lange Modellathlet mit weit über 500 Einsätzen in der Serie A so gut wie alle Rekordmarken des italienischen Fußballs gebrochen. Die Schwelle von 100 Partien in der Champions League überschritt er im Februar, und mit 126 Berufungen ist er mit Abstand Rekordnationalspieler Italiens. Einzig diese Grenze kann Maldini nicht mehr in neue Dimensionen hinausschieben, denn er trat 2002 nach dem enttäuschenden WM-Turnier in Japan und Korea als Kapitän der "Azzurri" zurück.
Schwereloser Bewegungsablauf
Hätte der Mann, ein sportliches Vorbild ohne schwere Verletzungen, Unfairness und Skandale, noch vier Jahre länger durchgehalten, wäre Maldini wohl auch mit Italien in Berlin Weltmeister geworden; so hat er in den Landesfarben nie etwas Nennenswertes gewonnen. Stattdessen blickt Maldini auf eine einzigartige Titelserie bei seinem ewigen Verein zurück: 1989, 1990 und 1994 sowie 2003 holte er mit dem AC Mailand den Europapokal der Landesmeister beziehungsweise die Champions League, siebenmal den nationalen "Scudetto", das Titelschild in den grünweißroten Landesfarben.
Erst jenseits der 35 Lebensjahre machten dem eleganten, in seinem schwerelosen Bewegungsablauf an Franz Beckenbauer erinnernden Verteidiger die Knie zu schaffen, weshalb seine Sturmläufe über Außen seltener wurden und er in die Innenverteidigung ging. In diesem Winter durch seine Standardverletzung behindert, kam Maldini gerade rechtzeitig zum Viertelfinale gegen Bayern München zurück.
Spieler mit dem größten Sex-Appeal
Einen fast 39 Jahre alten Abwehrstrategen gegen die wieselflinken Youngster von heute als Abseitsfallensteller einzusetzen - ein solches Ansinnen käme vielleicht Alex Ferguson, dem Coach von Manchester United, abenteuerlich vor. Nicht so dessen Mailänder Kollegen Carlo Ancelotti, der mit seinem Kapitän Maldini selbstredend noch auf dem Feld gestanden hat, wenn man dies dem Körperbau des Trainers auch kaum mehr ansieht.
Zwar wurde dem Ausnahmekönner durch seinen Vater Cesare - Europapokalsieger mit Milan, Nationalspieler und nach 1986 Italiens Nationaltrainer - viel Talent in die Wiege gelegt, doch anders als der impulsive Papa glänzte Filius Paolo durch eine quasi maschinelle Verlässlichkeit. Gerade einmal alle 77 Minuten wird dieser Dressman unter den Rustikalen zu einem Foul gezwungen, was neben seinen unergründlichen Augen und seinem markanten Lockenkopf die Vorliebe der Damenwelt für den Toreverhinderer erklären mag.
Alt, aber nie gealtert
Bei diversen Turnieren wählten Damenjurys Maldini zum Spieler mit dem größten Sex-Appeal, was den stillen, eigentlich nur an Fußball und Popmusik interessierten Beau allerdings nicht daran hinderte, das venezolanische Mannequin Adriana Fossa zu ehelichen und zum braven Familienvater mit inzwischen zwei Söhnen zu werden.
Gegen pfeilschnelle Stürmer wie einen Wayne Rooney, der biologisch sein Sohn sein könnte, wird der alte, aber nie gealterte Paolo Maldini in Old Trafford noch einmal alles geben, denn es ist ein offenes Geheimnis, dass er seine Karriere nach dieser Saison in voller spielerischer Pracht beenden will. Am liebsten beim Endspiel der Champions League am 23. Mai in Athen und noch einmal mit dem Pokal in der Hand.
Text: F.A.Z., 24.04.2007, Nr. 95 / Seite 32
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