07. Juli 2006 Als Trainer der deutschen U-21-Nationalmannschaft hat sich Dieter Eilts zahlreiche WM-Spiele angeschaut und analysiert. Denn bei der A-Mannschaft von Jürgen Klinsmann waren gleich acht Spieler im Kader, die altersmäßig noch in seinem Nachwuchsteam hätten spielen dürfen. Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht Eilts über die WM, die Methoden des Bundestrainers und die Arbeit mit dem Nachwuchs.
Sie haben viele Spiele für den Deutschen Fußball-Bund beobachtet. Was sagen Sie zum Niveau dieser WM?
Es waren tolle Spiel dabei, allerdings auch einige, die sehr von der Taktik geprägt waren. Trotzdem war das Niveau im allgemeinen hoch.
Früher galten defensive Mittelfeldspieler, wie Sie einer bei Werder Bremen waren, als unauffällige Dauerläufer, heute prägen einige dieser Spieler die WM: Pirlo, Vieira oder Frings etwa. Ist das Spiel anders geworden, oder sind es die Spieler?
Von der Öffentlichkeit mag diese Position inzwischen anders wahrgenommen werden. An ihrer Wichtigkeit aber hat sich seit meiner Zeit als Profi nichts geändert.
Die U21 gilt als Nachwuchsreservoir für die A-Nationalmannschaft. Acht Ihrer Spieler waren bei der WM dabei: Lahm, Podolski, Schweinsteiger, Odonkor, Mertesacker, Huth, Jansen, Hanke. Würden Sie sagen, mehr geht nicht?
Acht von dreiundzwanzig WM-Spielern: Ob da noch mehr machbar ist, weiß ich nicht. Ich glaube es aber nicht. Es gab jedenfalls nicht viele Mannschaften bei dieser WM, die mehr U-21-Nationalspieler im Kader hatten als wir. Natürlich wollen alle, die bei mir spielen, nach oben. Aber es ist auch klar, daß nicht jeder den Sprung in die A-Mannschaft schaffen kann.
Rechnen Sie in der nächsten Saison mit Rückkehrern?
Von diesen acht dürfen sechs in der nächsten Saison noch bei mir spielen. Man wird von Fall zu Fall entscheiden müssen, ob es tatsächlich so weit kommt. Allzu viele werden es aber sicher nicht sein.
Hat sich Ihre Arbeitsweise bei der U21 verändert, nachdem Jürgen Klinsmann als Bundestrainer angefangen hatte?
Nein, so wie ich heute mit der U21 trainiere, habe ich auch schon mit der U19 gearbeitet. Natürlich bin ich offen für neue Erkenntnisse. Allerdings muß man sehen, daß die Voraussetzungen bei der A-Nationalmannschaft nicht eins zu eins auf die U21 übertragen werden können. Wir werden kaum die gleiche Anzahl an Trainern und Betreuern haben können. Ich habe auch nicht so viel Zeit zur Vorbereitung auf ein Turnier wie die A-Mannschaft. Bei der Europameisterschaft in Portugal waren es zum Beispiel gerade einmal zehn Tage.
Das heißt, von DFB-Mitarbeitern wie Chefbeobachter Urs Siegenthaler oder den amerikanischen Fitnesstrainern werden Sie nicht profitieren können?
Man muß abwarten, was machbar ist. Es ist noch keine Entscheidung gefallen, weil sich derzeit natürlich alle mit der WM beschäftigen. Wir werden danach sehen, was sinnvoll ist. Außerdem wird sich Matthias Sammer als neuer Sportdirektor gerade mit solchen Fragen beschäftigen und altersgerechte Maßnahmen für die U-Mannschaften entwickeln.
Wenn alle Auswahlmannschaften eines Verbandes gleich spielten, wäre es am besten, heißt es oft. Lassen Sie so spielen wie Jürgen Klinsmann?
Wir haben zuletzt immer mit drei Spitzen gespielt, das ist schon einmal ein Unterschied. Man muß sehen, welche Spieler man hat. Auch Jürgen Klinsmann läßt auf einzelnen Positionen unterschiedlich spielen. Entscheidend sind die Ziele, also zum Beispiel viel Ballbesitz und offensive Spielweise, wie es Jürgen Klinsmann vorgegeben hat. Das taktische System ist dann zweitrangig, denn es gibt verschiedene Möglichkeiten, ans Ziel zu kommen. Ich halte jedenfalls nichts davon, junge Spieler zu früh in ein bestimmtes Schema zu pressen. Bei der Frage, welche Spielphilosophie wir zukünftig vertreten, wird natürlich Matthias Sammer mitentscheidend sein, der gemeinsam mit uns DFB-Trainern diese Entscheidung treffen wird.
Christoph Metzelder sagt, er habe noch nie so trainiert wie unter Klinsmann. Können Sie als langjähriger Profi von Werder Bremen diesen Satz übernehmen?
Ich habe persönlich keine einzige Trainingseinheit während der WM gesehen. Ich kann nur sagen, daß ich zu meiner aktiven Zeit relativ selten Krafttraining gemacht habe. Das gilt auch für individuelles Training.
Werden bis zur Europameisterschaft 2008 ganz neue Namen im deutschen Kader auftauchen?
Ich denke, es werden Spieler dazukommen, die bisher noch nicht bei der A-Nationalmannschaft waren.
Sie kennen alle, die in Frage kommen: Wer soll das sein?
Ich will keinen Spieler dadurch belasten, daß ich ihn jetzt nenne. Dann wächst der Druck, und das muß nicht sein. Man hat bei David Odonkor gesehen, wie schnell und positiv es laufen kann.
Bei der U-21-EM ist die deutsche Mannschaft trotz hoher Erwartungen relativ früh gescheitert. Was hatten die Besten Ihrer Mannschaft voraus?
Daß fast alle mit ihren besten Mannschaften antreten konnten. Außerdem waren wir vor dem Tor nicht effektiv genug.
Deutet sich da ein deutsches Stürmerproblem ab? Man fragt sich, wer einmal auf Miroslav Klose folgen soll?
Schauen Sie sich doch mal an, wer bei der WM aus meiner Mannschaft im Offensivbereich noch für die U21 spielberechtigt gewesen wäre: Mike Hanke, David Odonkor, Lukas Podolski, Bastian Schweinsteiger. Ich sehe auf dieser Position kein Problem.
Jürgen Klinsmann sagte, daß seine Arbeit auch ein anderer machen könne, daß es nur darum gehe, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Hat es Sie überrascht, daß er auch Ihren Namen als möglichen Nachfolger genannt hat?
Ich habe das von ihm persönlich noch gar nicht gehört. Wenn es so ist, dann freut es mich, daß er mir zutraut, seine Arbeit weiterzuführen. Selbstverständlich hoffe ich aber, daß er den eingeschlagenen Weg selbst mit der Mannschaft weitergeht.
Die Fragen stellte Uwe Marx.
Text: F.A.Z., 08.07.2006, Nr. 156 / Seite 35
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