Baris Özbek und Serkan Calik

Die beiden deutschen Türken von Istanbul

Von Alex Westhoff, Istanbul

26. März 2008 Istanbul. Montagnachmittag, Treffpunkt im Café. Baris Özbek und Serkan Calik reden über Fußball. Ihre Handys liegen auf dem Tisch, eins klingelt immer. Sie sprechen mal türkisch, mal deutsch und mal einen deutsch-türkischen Kauderwelsch hinein. Dann wieder über Fußball. „Cool, wie du gegen Fenerbahce dem Roberto Carlos da rechts vorne vier Meter abgenommen hast“, sagt Baris. Der sei aber auch nicht mehr so schnell wie früher, entgegnet Serkan. Baris Özbek und Serkan Calik haben im vergangenen Sommer die Fußballwelt gewechselt, haben sich den Traum unzähliger Türken in Deutschland verwirklicht.

Aus der deutschen Fußballprovinz zu einem der großen Istanbuler Klubs. Der Oberhausener Trainer von Galatasaray Istanbul, Karl-Heinz Feldkamp, holte den 21 Jahre alten Castrop-Rauxeler Özbek und den 22 Jahre alten Dinslakener Calik im Doppelpack von Rot-Weiss Essen. Ein Ruhrgebiets-Triumvirat, das seitdem gemeinsam auf dem „Jupp-Derwall-Trainingsplatz“ bei Galatasaray übt. Er habe sich bei der Verpflichtung der beiden gegen viele Stimmen im Verein durchsetzen müssen, erzählt Feldkamp. „Viele sagten: Von diesen Jungs haben wir auch in der Türkei genug.“ Ihre sportliche Empfehlung geriet nämlich etwas mager: Mehr oder weniger Stammspieler bei RWE in der Zweitligarückrunde 2006/07, an deren Ende der Abstieg in die Regionalliga stand. Dazu einige Spiele für die deutsche „U 21“-Nationalmannschaft.

„Es gefällt ihm sehr gut, wie wir im Moment spielen“

Wie auf ein geheimes Kommando springen Baris und Serkan von ihren Sitzen auf. Der Tisch erzittert. Die beiden begrüßen einen etwas rundlichen Mann, der mit Kind und Kegel vorbeischlendert. „Das ist Suat Kaya, eine Galatasaray-Legende“, flüstert Baris. Was er uns gesagt hat? „Dass es ihm sehr gut gefällt, wie wir im Moment spielen.“

Es ist noch nicht lange her, da buhlten die beiden noch in der A-Jugend bei RWE um einen Profivertrag, nun stehen sie in der ersten Garde des türkischen Fußballs, im medial dauerhaft befeuerten, von Millionen Fans heißen Herzens geliebten Fußballbetrieb Galatasaray. Wie Super Mario im gleichnamigen Computerspiel bewegen sich die beiden Jungs von Level zu Level in diesem großen Abenteuer, das jetzt erst so richtig losgeht.

„Alle im Presseraum haben lauthals gelacht“

Baris Özbek hat sich unter Feldkamp aufgrund seiner starken Physis und Variabilität einen Stammplatz im Mittelfeld erobert, und auch der kleine und enorm schnelle Serkan Calik bekommt gegen die hochkarätige Konkurrenz im Angriff immer mehr Einsatzzeiten. Özbek muss heute noch ungläubig schmunzeln, wenn er daran denkt, wie er bei seiner Ankunft in Istanbul am Flughafen von vier Kamerateams empfangen wurde.

„Bei meiner ersten Pressekonferenz auf Türkisch hätte ich gerne einen Dolmetscher neben mir gehabt“, erinnert sich Calik. Zu Hause bei der Familie hätten beide bis dahin eher einen deutsch-türkischen Mischmasch gesprochen; das Wort, was einem als Erstes einfällt, nimmt man halt. „Ich wollte erklären, dass ich bei einem 4-4-2-System auch im Mittelfeld spielen kann“, sagt Serkan Calik, „da ist mir das deutsche Wort ,offensiv' rausgerutscht. Alle im Presseraum haben lauthals gelacht.“

„Der Kleine von Galatasaray mit der Nummer 61“

Mittlerweile hat er sich Anerkennung von höchster Stelle verdient. Als der brasilianische Nationaltrainer Dunga nach dem Pokalderby gegen Fenerbahce gefragt wurde, welcher Spieler ihm besonders aufgefallen sei, sagte er: „Der Kleine von Galatasaray, der mit der Nummer 61.“ Die 61 steht an türkischen Autokennzeichen für die Stadt Trabzon, die Heimat von Caliks Eltern. Nachdem ihm im Ligaspiel bei Trabzonspor kurz vor Schluss der 1:0-Siegtreffer glückte, wurde das Haus seiner Großeltern „zwei Wochen von Reportern belagert“, berichtet er - und verabschiedet sich. Arzttermin, die schmerzende Hüfte. „Baris kann auch für mich sprechen. Wir sind wie Brüder.“

Seit drei Jahren sind die beiden fast jeden Tag zusammen, teilten sich in Istanbul zunächst sogar eine Wohnung, derzeit sind sie Nachbarn. Nur in der Nationalmannschaft trennen sich nun ihre Wege: Serkan Calik hat sich, nachdem er von „U 21“-Trainer Eilts zuletzt nicht mehr berücksichtigt wurde, für eine mögliche Länderspielkarriere in der Türkei entschieden. Baris Özbek, der am Dienstag im Aufgebot der „U 21“ gegen Luxemburg steht, will sich „als erster türkischstämmiger Spieler in der deutschen A-Nationalmannschaft durchsetzen“.

„Gattuso“ geht dem Gegner „richtig auf den Sack“

Damit hat er seine Position am Bosporus nicht gerade gestärkt. Verband und Medien warfen ihm vor, nicht für das Vaterland spielen zu wollen, hoben die Entscheidung sofort auf eine emotionale Ebene. „Ich will doch einfach nur erfolgreich Fußball spielen“, sagt Özbek. In Istanbul rufen sie ihn oft „den Deutschen“, bei seinen Auftritten hierzulande bezeichnet man ihn als Deutsch-Türken.

Das sei nicht immer leicht, sagt er. Da schätzt er doch schon eher den Spitznamen „Gattuso“, angelehnt an den kampfstarken Italiener. Baris Özbek kann nach eigenen Worten nämlich auch gut „dem Gegner richtig auf den Sack gehen, rennen, früh stören, immer wieder draufgehen“. Deutsche Tugenden eben.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.03.2008, Nr. 12 / Seite 20
Bildmaterial: Hikmet Temizer

 

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