Champions-League-Finale

Das Spiel der Systeme

22. Mai 2007 FC Liverpool gegen AC Mailand, Teil 2. Ein Champions-League-Finale als Neuauflage: 2005 in Istanbul gewann der FC Liverpool nach einem 0:3-Halbzeitrückstand noch 6:5 nach Elfmeterschießen. Wie geht's diesmal in Athen (Mittwoch, 20.45 Uhr) aus? Der Fußball-Versteher und Nationalmannschafts-Spielebeobachter Urs Siegenthaler im F.A.Z.-Interview über Stärken und Schwächen der beiden Finalisten - und über deutsche Defizite.

Rein taktisch gesehen: Wer ist Favorit im Champions-League-Finale zwischen dem FC Liverpool und dem AC Mailand?

Da gibt es keinen Favoriten. Milan zeichnet die Erfahrung aus und die taktische Kompetenz, die die Mannschaft über Jahrzehnte durch ihr ständiges Training erworben hat. Liverpool verfügt dagegen nicht über die gleiche taktische Kompetenz, besitzt aber die Jugend und die Fähigkeit, kleinere Mankos mit Leistungsbereitschaft zu kompensieren.

Milan-Trainer Ancelotti hat nach dem 3:0 im Halbfinalrückspiel gegen Manchester von einer perfekten ersten Halbzeit gesprochen - sind Sie auch so ins Schwärmen geraten?

Bei diesem Spiel wurde ich an die Aussage eines englischen Trainers erinnert, der gesagt hat, dass seine Mannschaft immer viel von ihrem Engagement verliert, sobald sie die Insel verlässt. Wenn man wie Manchester gegen einen solchen Gegner mit einem Abstand von fünf, sechs Metern zum Gegner versucht, die Räume zu schließen, läuft man direkt in ein solches Debakel. Eine der ersten Szenen von Christiano Ronaldo war für mich schon spielbestimmend - wo er versucht hat, mit dem Absatz den Stürmer einzusetzen. Wenn man das in einem solchen Spiel sieht, muss man als Trainer eigentlich sagen: „Ich habe verloren.“

An einer solchen Szene machen Sie Ihr Urteil fest?

Ja. Ich versuche das einmal am Beispiel meines zweiten Berufs zu erklären. Ich führe ein Ingenieurbüro, und wenn ich morgens mit meinem Elektroingenieur die Arbeit bei einem Projekt beginne und ganz viele Fragen im Raum stehen, dann merke ich, dass es an der Vorbereitung gehapert hat. Aber wenn er mit Lösungen kommt, dann ist damit der Businessplan für den Tag schon aufgestellt - beim Fußball nennt man das Matchplan. Im Fußball sieht man das einem Spieler an der Körpersprache an. Manchmal kommt man aber an einen Spieler nicht richtig heran, das muss nicht an der mangelnden Vorbereitung eines Trainers liegen.

Das Durchschnittsalter von Milans Mannschaft ist deutlich höher als das von Liverpool. Ist Erfahrung in taktischen Fragen ein oder sogar der entscheidende Faktor?

Man sieht das auch bei Prominentenspielen, wenn Spieler, die mal richtig gut Fußball spielen konnten, sagen: „Heute zeigen wir mal, was wir können“, heißt das mit anderen Worten: Wir schöpfen unsere Möglichkeiten vollständig aus. Bei Milan mit seinen 36 oder 38 Jahren alten Spielern bedeutet das: in der Defensive nicht auf Laufduelle einlassen und den Ball direkt spielen - damit kann man das Manko fehlender Jugend wettmachen.

Wo sehen Sie die taktischen Stärken der beiden Finalisten - und die Schwächen?

Das Spiel von Liverpool gegen Chelsea hat gezeigt, was wir in Zukunft vom Fußball erwarten dürfen. Wenn Liverpool es wieder schafft, dieses Engagement zu zeigen, diese Fähigkeit, nie nachzulassen, dann wird Milans ältere Generation irgendwann ein geistiges Manko erleben. Sie werden dann nicht mehr diese Präsenz haben. Das „Alter“ ist dann ihre Schwäche. Aber wenn man sie spielen lässt, machen sie kaum Fehler.

Wie wichtig ist in einem solchen Endspiel die Taktik? Individuelle Klasse, technische Qualitäten, Tagesform und Psychologie kommen ja noch dazu.

Fußball ist eine der Sportarten, die in der taktischen Entwicklung weit zurückhängen. Das klingt vielleicht besserwisserisch, aber wir haben im Fußball ja schon Mühe, dass alle elf Spieler auf dem Platz kleinste taktische Veränderungen akzeptieren oder realisieren. Es braucht immer wieder von außen Hinweise: „Passt auf, der ist schnell, staffelt mehr, und, und, und . . .“ Wenn man den großen Trainern zuhört, dann haben sie alle einen Satz gemeinsam, obwohl sie verschieden arbeiten. Ihre Kernaussage lautet: Es sind die Kleinigkeiten, die ein Spiel entscheiden.

Liverpool-Trainer Benítez kann mit zwei taktisch ganz verschiedenen Systemen spielen lassen - welche Variante ist nun erfolgversprechender?

Die zwei Systeme sind ihre Stärke, und ich bin überzeugt, dass sie gegen Milan mit ihrem 4-4-2 spielen werden. In dieser Saison gibt es keine Mannschaft, die das konsequenter umsetzen kann als Liverpool. Mit dem 4-4-2 werden die Räume für Kaká sehr eng, aber sobald hinten drei Mann spielen, wird er in der Lage sein, diese Räume zu nutzen. Seine Schnittstellen sollte Liverpool so wenig offen wie nur möglich zeigen. Denn genau dort liegt die offensive Stärke von Milan.

Welche Spieler besetzen taktisch gesehen die Schlüsselpositionen?

Milans Präsenz in der defensiven Achse ist außergewöhnlich. Maldini, Nesta, Pirlo und Gattuso haben insgesamt etwa 500 Länderspiele bestritten und unzählige Finalteilnahmen erlebt. Ein Finale ist für sie so etwas wie für andere ein Meisterschaftsspiel. Die bringt man nicht so rasch aus der Ruhe - man hat das auch im WM-Halbfinale gesehen. Unsere Mannschaft war angespannt, die Italiener waren konzentriert - weil sie es gewohnt sind.

Gibt es taktisch starke Länder - oder haben einzelne Trainer wie Benítez, Ancelotti, Capello, Mourinho oder Ferguson den größeren Einfluss auf die internationale Entwicklung?

Ich möchte das global beantworten. Die besten Trainer verfügen auch über die besten Mitarbeiter. In meiner Firma ist der Elektroingenieur auch wesentlich gescheiter als ich. Erfolg hat man nur mit sehr guten Leuten um sich herum. Talente wie Xavier Alonso werden auch nicht jahrelang nur von Benítez, sondern von hervorragenden Mitarbeitern betreut. Da gibt es Konzepte, bei denen Spieler, Trainer, Mannschaft und das Präsidium wissen, um was es geht. Dann können Spieler gedeihen. Das große Fehlverhalten ist aus meiner Sicht, wenn man denkt: Ich hole mir ein Talent, und dieses Talent entwickelt sich von alleine - dem ist nicht so.

Was haben Sie in dieser Saison von europäischen Spitzenmannschaften an taktischen Entwicklungen gesehen, was heißt das für Deutschland?

Ich will nicht populistisch sein und sagen: „Die Spitze läuft uns weg.“ Aber es geht in diese Richtung. Das Automatisieren, das individuelle Verhalten, die Flexibilität im System - da haben europäische Spitzenmannschaften noch einmal einen Schritt nach vorne getan. Die Verantwortlichkeit eines Spielers gegenüber der Mannschaft und seinem Mitspieler - nicht gegenüber dem Verein - ist enorm groß.

Auf welche taktische Entwicklung müsste im deutschen Fußball mehr Wert gelegt werden?

In frühester Jugend müssen mehr Trainingseinheiten auf engstem Raum angeboten werden, so dass die Spieler im kognitiven, mentalen Bereich gefordert werden. Solche Trainingseinheiten muss man im Alter zwischen acht und zwölf einführen - mit achtzehn oder zwanzig ist es zu spät.

Auf schnelle Besserung ist also nicht zu hoffen?

Das sagen Sie. Man kann aber auch als Erwachsener noch lernen, Klavier zu spielen. Dann muss man jedoch sehr viel mehr tun, als wenn man schon als Kind angefangen hätte.

Und wer gewinnt das Finale?

Die Tagesform entscheidet, aber ich glaube: Liverpool wird's machen.

Das Gespräch führte Michael Horeni



Text: F.A.Z., 22.05.2007, Nr. 117 / Seite 35
Bildmaterial: AP

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