23. September 2008 Deutsche Fußballfans haben mehr Interesse am DFB-Pokal als Engländer am FA-Cup. Warum das so ist, wie der Deutsche Fußball-Bund das Interesse weiter steigern will, und weshalb es im Gegensatz zur Bundesliga keine Probleme mit dem neuen Fernsehvertrag gab, erklärt DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach.
So viel DFB-Pokal war nie – alle 63 Spiele dieses Wettbewerbs bei Premiere live im Fernsehen. Wie ist diese Neuheit zu Beginn dieser Saison angekommen?

Premiere-Vorstand Carsten Schmidt: der Sender zahlt für vier Jahre Pokalübertragungen 72 Millionen Euro
Es war fast eine kleine Sensation, dass in der ersten Runde alle 32 Spiele auf technisch höchstem Standard übertragen wurden. Das war das Format der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich. Und das bei einigen Stadien, aus denen noch nie live übertragen wurde. Das hat mit Hilfe von Sportcast, der Bundesliga-Produktionsgesellschaft, bestens geklappt. Dazu kam wie bisher die gewohnte Liveübertragung einer Begegnung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, so dass der Pokalwettbewerb rundum wunderbar abgebildet wurde.
Was auffiel, war, wie konzentriert die Bundesligaklubs ihre Erstrundenaufgaben lösten. Alle gewannen ihre Auswärtsspiele. Warum hat die früher oft genug stiefmütterlich behandelte DFB-Pokalkonkurrenz inzwischen an Reiz gewonnen?
Der Verein, der den DFB-Pokal gewinnt, bekommt in der neuen Ausstattung nur vom Fernsehen 5,8 Millionen Euro. Das ist schon eine gewaltige Summe. Die Fernsehgelder pro Pokalrunde werden, basierend auf einem Vorschlag des Ligaverbandsvorstands, paritätisch aufgeteilt. Das begann bei 97.942 Euro pro Teilnehmer in der ersten Runde und setzt sich mit erheblichen Steigerungsraten fort von der derzeit gespielten zweiten Runde, dotiert mit jeweils 227.133 Euro, bis zum Finale, in dem der Gewinner, der ja Erfolgsprämien an die Spieler zahlt, 2.560.960 und der Verlierer 1.707.307 Euro bekommt.
Was halten Sie von diesem Paritätsprinzip?
Ich halte das für eine außergewöhnlich gute Entscheidung und ein Zeichen der Solidarität der Liga. So bekommen nun auch die Vereine, die das Livespiel in ARD oder ZDF bestreiten, kein Extrahonorar mehr. Der einzige Unterschied zu den anderen Pokalspielen ist, dass die Bande bei den öffentlich-rechtlich ausgestrahlten Live-Pokalspielen zentral vermarktet wird. Da bleibt dann noch ein spezieller Betrag übrig. Die zentrale Bandenwerbung für alle Spiele haben wir im Übrigen ausgeschrieben. Sie soll von der nächsten Saison an eingeführt werden.
Der alte Pokalvertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) lief ja noch bis 2009. Wie kam es, dass ARD und ZDF mitspielten, als mit Premiere schon in diesem Jahr ein neuer Fernsehpartner an Bord drängte?

Konzentrierte Bundesligaspieler: auch Schalke 04 (Nationalspieler Jermaine Jones, l., gegen Romuald Houlle) gewann in der ersten Runde sicher mit 3:0 beim FC Homburg
Das war nicht ganz einfach. ARD und ZDF hatten das Erstverhandlungsrecht für eine Verlängerung des Vertrages von 2009 an. Beide Sender haben immer gesagt, dass sie dann ein Angebot abgeben wollten. Wir haben geantwortet, dass wir im Sinne der Klubs zu einer Ausschreibung verpflichtet seien. ARD und ZDF haben dann ein Angebot für drei Jahre, beginnend mit dem 1. Juli 2009, abgegeben. Dieses Angebot für einen Vertrag – in dem unter anderem die Länderspiele, die Pokalspiele, die dritte Liga und die Frauen-Bundesliga enthalten ist – basierte im Prinzip auf den gleichen Zahlen wie bisher. ARD und ZDF erklärten sich aber bereit, ihre Exklusivität bei der Übertragung der Pokalspiele aufzugeben und so die Tür für einen weiteren Partner zu öffnen. Da habe ich gesagt, so kommen wir nicht zusammen. Was ist, wenn wir die Öffnung schon zu dieser Saison vollziehen? Premiere war dazu sofort bereit, ARD und ZDF nach einigem Zögern auch. Das Ganze haben wir erstaunlich schnell innerhalb eines Monats hinbekommen – mit Zustimmung des Kartellamts.
Und so konnten Sie im Gegenzug auf eine Ausschreibung verzichten?
In der Tat. ARD und ZDF kamen uns entgegen, indem sie im letzten Vertragsjahr auf ihr Exklusivrecht im Pokal verzichteten; erhalten haben sie eine Vertragsverlängerung bis 2012 ohne Ausschreibung. Von 2012 an werden die Rechte dann ausgeschrieben.
Was zahlt denn Premiere für sein neues DFB-Pokalübertragungsrecht?

"Der Endspielort Berlin - ein Markenzeichen" (Aufnahme aus dem vergangenen Jahr vor dem Finale 1. FC Nürnberg - VfB Stuttgart)
In diesem Jahr 14 Millionen, insgesamt über vier Jahre 72 Millionen Euro. Der Betrag von ARD und ZDF für den Pokalwettbewerb bleibt trotz der Aufgabe der Exklusivität gleich. Das sind pro Jahr 45 Millionen Euro an Fernsehhonoraren für den DFB-Pokal. Europaweit wird nur in England etwas mehr für den Pokalwettbewerb gezahlt.
Was ist denn mit den übrigen Kennziffern in dem Vertrag, den DFB auf der einen und ARD/ZDF auf der anderen Seite geschlossen haben?
Der DFB hat, was das Länderspielhonorar angeht, auf höhere Forderungen verzichtet. Wir kriegen weiterhin 4,1 Millionen Euro pro Heimspiel. Wir hätten diesen Betrag auf Grund der Einschaltquoten und der Popularität der Nationalmannschaft leicht nach oben verändern können, aber wir haben uns sportpolitisch ganz klar dazu bekannt, den DFB-Pokal im Sinne der Vereine aufzuwerten und auch die dritte Liga zu bedenken. Da gibt es, Extrahonorare für Liveübertragungen nicht eingerechnet, angesichts von 625.000 Euro pro Verein in der ersten Saison natürlich Stimmen, die sagen: Das ist zu wenig. Aber das ist ein weitaus höherer Betrag als der, den erstklassige Eishockey-, Handball- oder Basketballklubs aus der Fernsehvermarktung erhalten. In der nächsten Saison erhöht sich das TV-Honorar für jeden Drittligisten voraussichtlich auf über 800.000 Euro.
Warum hat der DFB seinen neuen Fernsehvertrag in Rekordzeit abschließen können, wenn die Deutsche Fußball Liga (DFL) Monate braucht, um ihren neuen TV-Deal voranzubringen?
Das kann man nicht vergleichen. Die Vergabe der Bundesliga-Fernsehrechte ist eine viel kompliziertere Angelegenheit. Da sind höhere Beträge im Spiel, und das Kartellamt redet mit. Aus meiner Sicht machen die Kollegen von der DFL einen Superjob. Dass das Kartellamt nach acht oder neun Monaten der Prüfung die Zentralvermarktung an die Frage koppelt, um wie viel Uhr die Spiele gezeigt werden müssen, ist erstaunlich. Das hätte man auch schon im vergangenen Herbst sagen können. Ich kenne ja noch die Zeiten, als in der Sportschau“ nachmittags nur drei oder vier Bundesligaspiele in Ausschnitten gezeigt wurden. Da gab es keine Behörde, die gesagt hätte, um 18 Uhr müsst ihr aber alle neun Spiele zeigen.
Es gibt eine seriöse Studie, in der das Faninteresse am deutschen Pokalwettbewerb mit 83 Prozent sogar höher eingestuft wird als die Begeisterung der Engländer für den FA-Cup mit 81 Prozent. Wie erklären Sie sich diesen Popularitätsschub?
Wir haben früher mit Andacht auf den heiligen Rasen von Wembley gestarrt, wenn auch die Queen zum Cup Final erschien. Dass Deutschland inzwischen gleichgezogen hat, hat sicher viel mit unserem Endspielort Berlin zu tun. Ein Markenzeichen. Das ist fast so wie bei den Wagner-Festspielen. Sagst du Wagner, sagst du Bayreuth. Sagst du Pokal, sagst du Berlin. Berlin als Kulminationspunkt des Pokalwettbewerbs, das hat sich phantastisch entwickelt. Wir sind gerade dabei, den Vertrag mit dem Senat bis 2015 zu verlängern. Wir zahlen dort Miete für die Überlassung des Olympiastadions, erwarten aber in Zukunft auch, dass für die Fans im Umfeld noch etwas gemacht wird. Zum Beispiel mit der Einrichtung eigener Zonen für die Fans beider Mannschaften – unter anderem mit der Möglichkeit zum Public Viewing. Es kommen ja immer mehr Anhänger der beteiligten Klubs nach Berlin, die keine Eintrittskarte für das Spiel haben.
In England wird schon das Halbfinale des FA-Cups an neutralen“ Orten ausgetragen. Ist daran auch im DFB-Pokal gedacht?
Wir haben gerade eine Arbeitssitzung mit der Liga gehabt, in der wir zu dem Ergebnis gekommen sind, möglichst wenig bis nichts zu ändern. Das Format ist so wie es ist anerkannt.
Dieser Tage ist auch von der Einführung eines neuen Ligapokal-Wettbewerbs mit den 36 Profimannschaften die Rede. Was hielten Sie von einem solchen Konkurrenzunternehmen?
Wir müssen alle aufpassen, dass wir den Markt nicht überreizen. Die Bundesliga wird akzeptiert mit großartigen Zuschauerzahlen, und auch der Pokalwettbewerb hat seinen festen Platz gefunden. Ob in die Fan- und Fernsehlandschaft ein weiterer Wettbewerb passt, das sollte man sich sehr sorgfältig überlegen.
Das Gespräch führte Roland Zorn
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, picture-alliance/ dpa