Von Michael Horeni, Schanghai
30. September 2007 Während die deutschen Spielerinnen ihren gerade gewonnen Titel feierten, herrschte minutenlang eine unwirkliche Ruhe im Stadion. Die Helfer bauten die Bühne für die Siegesfeier auf, Torhüterin Nadine Angerer und Bundestrainerin Silvia Neid gaben für das Fernsehen schon die ersten Interviews, und hinter der Bühne tanzten und herzten sich die anderen Weltmeisterinnen.
Doch den Zuschauern im Stadion von Schanghai war nicht nach Jubelstimmung zumute, der Internationale Fußball-Verband (Fifa) hielt nicht einmal ein Lied für die alten und neuen Weltmeister des Frauenfußballs bereit, und auch kein Sprecher mochte die deutschen Siegerinnen nach dem 2:0-Sieg im Endspiel durch Tore von Birgit Prinz (52. Minute) und Simone Laudehr (86.) gegen Brasilien entsprechend hochleben lassen.
Riesenfest für den deutschen Fußball
Als dann aber endlich alles gerichtet war für die Frauenfußballmacht aus Deutschland und die langatmige Siegerehrung ihren Lauf genommen hatte, herrschte endlich auch die richtige Atmosphäre für ein einmaliges Team im Frauenfußball, das gleich für zwei märchenhafte Rekorde gut war. Mit dem Triumph von Schanghai ist es einer Frauen-Nationalmannschaft zum ersten Mal gelungen, den WM-Titel zu verteidigen, und nie zuvor hat es eine Mannschaft im Frauen- wie in über siebzig Jahren Männerfußball geschafft, Weltmeister ohne ein einziges Gegentor zu werden.
Dann endlich aber brandete im Stadion der hochverdiente Jubel auf, der goldene Konfettiregen ging auf die Golden Girls des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nieder, und ein Feuerwerk stieg auf in den Nachthimmel von Schanghai. DFB-Präsident Theo Zwanziger, der jede Spielerin einzeln umarmte, schwärmte von einem Riesenfest für den deutschen Fußball, nachdem die Auswahl von Bundestrainerin Silvia Neid ein mitreißendes Finale geliefert hatte. Wir haben eine tolle Mannschaftsleistung gezeigt und super füreinander gearbeitet. In der zweiten Halbzeit haben wir auch nach vorne gute Akzente gesetzt. Nach dem Tor von Birgit wurde ich dann sehr gelassen und wusste, dass uns noch nicht einmal Brasilien stoppen kann, sagte eine strahlende Bundestrainerin, die in China ihr ganz persönliches Meisterstück abgeliefert hatte.
Zunächst dominierten die Brasilianerinnen
Das Endspiel gegen Brasilien war von der ersten Minute an eine energiegeladene Partie, in der die Deutschen mit einer Leidenschaft und Konzentration zu Werke gingen wie nie zuvor in diesem Turnier. Sie boten eine mannschaftlich exzellente Vorstellung, und es war vor allem der herausragenden Torhüterin Nadine Angerer, die in der 64. Minute sogar einen Elfmeter von Marta abwerte, sowie der wild entschlossenen Innenverteidigung mit Ariane Hingst und Annika Krahn zu verdanken, dass die Titelverteidigerinnen gegen die brillanten Brasilianerinnen ihren Titel tatsächlich ohne einen einzigen Gegentreffer verteidigten.
Danach sah es aber lange nicht aus. Die Brasilianerinnen dominierten zunächst die Partie, ihrer technische Extraklasse und der individuellen Klasse von Marta, Daniela und Christiane konnten sich die Deutschen nur gemeinschaftlich und mit allerletzter Anstrengung erwehren. Das Selbstbewusstsein der Weltmeisterinnen war aber gegen den mit Abstand spielstärksten Gegner groß genug, um auch in der Offensive auf die eigenen Qualitäten zu vertrauen.
Nadine Angerer pariert spektakulär
Die Deutschen, die zwei gute Torgelegenheiten vor der Pause nicht nutzten, hatten gehofft, je länger sie gegen den Aufsteiger dieser WM ohne Gegentor bleiben würden, desto stärker würde ihre konditionelle Überlegenheit zur Geltung kommen. Doch von einer Ermüdung der Südamerikanerinnen war auch in der zweiten Halbzeit nichts zu spüren - nicht einmal, als Spielführerin Birgit Prinz ihr Team überraschend in Führung gebracht hatte. Nach einem perfekten Konter hatte Sandra Smisek die Übersicht behalten und ihre Kollegin im Strafraum angespielt, die sich diese Gelegenheit nicht nehmen ließ. Aus rund zehn Metern brachte sie den Ball unter Torhüterin Andreia ins Netz. Die Führung veranlasste die Deutsche bei nun größeren Kontermöglichkeiten ihre massive Defensive mitunter zu lockern. Auf diese Gelegenheit hatte Brasilien nur gewarnt, und so war Christiane in der 63. Minute durch Linda Bresonik nur noch durch ein Foul im Strafraum zu stoppen. Dann kam es zum Duell der besten Spielerin der Welt gegen die beste Torhüterin der Welt.
Nadine Angerer schaffte das Kunststück, den Elfmeter der Brasilianerin abzuwehren. Als sie vier Minuten später dann auch noch einen Freistoß spektakulär parierte, schwanden die Hoffnungen der Südamerikanerinnen zusehends. In der 86. Minuten waren sie dann vollends dahin, als Simone Laudehr nach einem Eckball von Renate Lingor mit dem Kopf aus kurzer Entfernung das 2:0 machte. Danach bereiteten sich die Deutschen auf der Bank schon auf die Party vor. Und der Einschätzung von Nadine Angerer, dem großen Rückhalt, wollten sich danach alle nur noch rückhaltlos anschließen: Wir haben bewiesen, dass wir zu Recht wieder Weltmeister sind.
Deutschland - Brasilien 2:0 (0:0)
Deutschland: Angerer (Turbine Potsdam/28/54) - Stegemann (Wattenscheid 09/29/169), Hingst (Djurgarden Stockholm/28/140), Krahn (FCR Duisburg/22/30), Bresonik (SG Essen-Schönebeck/23/35) - Garefrekes (1. FFC Frankfurt/28/85), Laudehr (FCR Duisburg/21/8), Lingor (1. FFC Frankfurt/31/136), Behringer (SC Freiburg/21/23 - 74. Müller/VfL Wolfsburg/27/62) - Smisek (1. FFC Frankfurt/30/123 - 80. Bajramaj/FCR Duisburg/19/12), Prinz (1. FFC Frankfurt/29/171)
Brasilien: Andreia - Elaine, Aline (88. Katia), Renata Costa, Tania (81. Pretinha) - Formiga, Ester (65. Rosana), Maycon - Marta - Daniela, Cristiane
Schiedsrichterin: Tammy Ogston (Australien)
Zuschauer: 31 000
Tore: 1:0 Prinz (52.), 2:0 Laudehr (86.)
Besonderes Vorkommnis: Angerer (Deutschland) hält Foulelfmeter von Marta (64.)
Gelbe Karten: Bresonik, Garefrekes / Daniela
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, REUTERS