Von Christian Eichler
26. Dezember 2005 Das Jahr 2005 begann mit einem Arbeitstag: am 1. Januar um 13.45 Uhr gegen den FC Chelsea (0:1). Es wird mit einem Arbeitstag enden: am 31. Dezember gegen 17 Uhr, kurz nach dem Schlußpfiff gegen West Bromwich Albion. Glücklich, wer einen solchen Kalender hat: Er kommt nicht auf dumme Gedanken.
Viele Menschen wenden in der gefährlichen Muße dieser festlichen Tage den Blick zurück; suchen, was blieb; fragen: Was habe ich gemacht mit diesem Jahr? Die Profis des FC Liverpool wissen es. 365 Tage: 33 Spiele Premier League, vier Ligapokal, eins Pokal, 19 Champions League, eins europäischer Supercup, zwei Weltpokal - zusammen sechzig Partien in sechs Wettbewerben. Plus drei Testspiele im Sommer. Plus sechs bis acht Länderspiele, die die meisten mit ihren Nationalteams absolvierten. Plus die drei Ligaspiele, die noch kommen bis Neujahr: am zweiten Feiertag gegen Newcastle, Mittwoch Derby gegen Everton, schließlich West Brom. Dann endlich, Silvester ab 17 Uhr, kann das unglaublichste Team des Jahres das unglaubliche Jahr endlich feiern. Aber bitte nicht zuviel, wird der Trainer sagen: Am 2. Januar steht Bolton vor der Tür.
Geschenke werden auch nicht verteilt
Wer immer dieser Tage "Weihnachtsstress" beklagt, schließe auf dem warmen Sofa neben dem glitzernden Tannenbaum kurz die Augen und male sich aus, Fußballer in England zu sein: Schraubstollen statt Zimtstollen, Schweißgeruch statt Kerzenduft. Und Geschenke werden auch nicht verteilt.
Willkommen beim FC Liverpool, der fleißigsten Mannschaft der Welt. Daß sie soviel tun mußte in diesem Jahr, war nicht geplant, das hat sich so ergeben: durch den Sensationssieg in der Champions League. Er bescherte Europa einen unvergeßlichen Fußballabend, einen der Momente des Jahres, der Momente fürs Leben. Jedenfalls den Glücklichen, die nicht, mangels Wunderglaube, bei 3:0-Führung für Milan, abschalteten. Es wird nie ganz zu ermitteln sein, wie viele Tausende, vielleicht Millionen die erstaunlichste Final-Wende der Europacup-Geschichte verpaßten, weil sie nach der ersten Halbzeit dachten, es gebe Sinnvolleres, als auch die zweite zu sehen.
Das Wunder von Istanbul
Das Gezappel von Torwart Dudek, der Milan-Star Schewtschenko im Elfmeterschießen entnervte, bescherte den "Reds" eine Verkürzung der Sommerpause auf unter vier Wochen - als Titelverteidiger schafften sie doch noch den Sprung in die nächste Champions League, mußten dafür aber schon Anfang Juli in der ersten Qualifikationsrunde ran. So bekam der Sieg von Istanbul eine halbjährige Zugabe: sechs Qualifikationsspiele, das Supercup-Finale gegen ZSKA Moskau (3:1) und die neuntägige Reise nach Tokio, von der die Liverpooler am Montag heimkehrten - nach einer 0:1-Niederlage im Weltpokal-Finale gegen Sao Paulo.
Das Wunder von Istanbul war ein Glück für alle, die nicht zur Pause abschalteten - und ein Glück für den FC Chelsea. Denn die Mehrbelastung im Sommer kostete den potentiellen Rivalen in den ersten Saisonwochen viele Punkte mangels Frische. Während die alten Mächte der Liga straucheln, Manchester und Arsenal mit den Trainer-Ikonen Ferguson und Wenger, hat Chelseas Trainer Jose Mourinho in Benitez den eigentlichen Herausforderer erkannt. Wie der Portugiese mit Porto und Chelsea, hat der Spanier mit Valencia und Liverpool schon als Anfangvierziger die Champions League, den Uefa-Pokal und Meistertitel in großen Ligen gewonnen.
Immer müssen sie hinterherrennen und nachsitzen
Wie sehr der Spanier Liverpool mit seinem Neuaufbau (und sechs Landsleuten im Kader) schon verwandelt hat in Richtung auf kontinental geprägten Kontrollfußball Marke Chelsea, zeigte sich in den letzten Wochen. In 17 von 21 Partien in Premier und Champions League blieb die Abwehr mit dem neuen Torwart Giuseppe Reina ohne Gegentor. Die letzten sieben Premier-League-Partien gewannen sie alle, Bilanz: 15:0 Treffer. Chelsea bleiben 15 Punkte Vorsprung, Liverpool kann sechs davon in zwei Nachholspielen wettmachen. Immer müssen sie hinterherrennen und nachsitzen, die fleißigen Lieschen von Europas Fußball.
Den Trainer erwartet Extra-Stress, den andere an Weihnachten hinter sich haben: Geld ausgeben. Das Transfer-Fenster öffnet sich am 1. Januar, Benitez kann für 15 bis 20 Millionen Euro einkaufen; Entlastung für die Marathonmänner im Kader. Gesucht sind: ein schneller Innenverteidiger und ein Mittelfeldmann für die rechte Seite. Das Richtige zu bekommen ist eine Kunst, ob im Transfermarkt oder im Baumarkt: "Wenn du einen Tisch mit drei Beinen hast, brauchst du ein viertes, das exakt paßt", sagt Baumeister Benitez. "Dann kommen die Leute und sagen: Nimm doch dieses, das ist billiger und besser. Aber du mußt das richtige erwischen. Wenn du ein Fußballteam baust, ist das genauso." Ob er Erfolg hat beim Aufmöbeln? Nicht immer hat der Spanier da gute Erfahrungen gemacht. In Valencia bekam er mal nicht den Spieler, den er von der Klubführung wollte. So warf er ihr vor, sie hätte "ein Sofa versprochen und eine Lampe gekauft". Da ging es wohl manchem unterm Weihnachtsbaum auch nicht anders als Rafael Benitez.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.12.2005, Nr. 51 / Seite 19
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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