Südafrika 2010

Blatter und deutsches Know-how sorgen am Kap für Hoffnung

Von Thomas Scheen, Johannesburg

Baumeister Blatter: öffentliches Grummeln

Baumeister Blatter: öffentliches Grummeln

19. Juni 2007 Der Meister kam, sah und war zufrieden. Nur noch „eine Naturkatastrophe“ könne Südafrika daran hindern, die WM 2010 auszutragen, befand Fifa-Chef Joseph Blatter nach einem Besuch des im Umbau befindlichen Soccer-City-Stadions in Johannesburg am Montag – und dem Leiter des Organisationskomitees, Danny Jordaan, fiel ein Stein vom Herzen. War es doch der gleiche Blatter, der vor kurzem noch laut über Alternativstandorte wie Deutschland und England nachgedacht hatte, weil Jordaan mit den Vorbereitungen nicht vorankam.

Immerhin kann Jordaan seit einigen Wochen auf die vielen Baukräne und Bulldozer verweisen, die sich überall im Land anschicken, alte Stadien zu renovieren und neue aus dem Boden zu stampfen. Ob Blatters öffentliches Grummeln über die ausgesprochen entspannte Herangehensweise der Südafrikaner an das größte Bauvorhaben in der Geschichte des Landes dafür ursächlich war, sei dahingestellt. Gleichwohl hatte der Schweizer damit für eine regelrechte Wallfahrt südafrikanischer Minister an den Zürichsee gesorgt, um den Herrscher über alle Fußballverbände gnädig zu stimmen. Schließlich steht mit der WM nicht weniger als die Glaubwürdigkeit des Landes auf dem Spiel.

Beweis für die Zukunftstauglichkeit des Kontinents?

Bühne frei: Präsident Blatter und das Organisationskommitee

Bühne frei: Präsident Blatter und das Organisationskommitee

Das globale Fußballfest soll nämlich zweierlei beweisen: zum einen, dass Afrika einem solchen Großereignis gewachsen ist, und zweitens, dass Afrika ein verlässlicher Partner ist, der sich über die WM hinaus als Ziel für Auslandsinvestitionen empfiehlt. Diese Imagewerbung lässt sich die Regierung einiges kosten. Alleine 2,7 Milliarden Euro sind an Investitionen in Sportstätten vorgesehen. Insgesamt wird das Großereignis Südafrika knapp vier Milliarden Euro kosten. Gut angelegtes Geld, meinen die Entscheidungsträger am Kap, weil mit der WM der Beweis für die Zukunftstauglichkeit des Kontinents geliefert werden soll.

Doch Blatters Absolution kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Südafrika mit der Vorbereitung heillos überfordert ist und sich mit massivem Import von ausländischem und insbesondere deutschem Know-how aus der Malaise zu retten sucht. Die Stadien in Kapstadt, Port Elizabeth und Durban gehen auf Entwürfe deutscher Architekten zurück. Die Schnellbahn Gautrain, die den Flughafen von Johannesburg mit der Innenstadt verbinden soll, entsteht zwar unter französischer Bauführung, die Controller aber kommen aus Deutschland. Und glaubt man deren Aussagen, wird die Bahn sogar fristgerecht fertig. Zwar nicht die ganze Strecke vom Flughafen bis nach Pretoria, wohl aber bis Midrand, womit das größte Problem – nämlich der Transport der erwarteten 400.000 bis 500.000 Besucher in die Johannesburger City – sichergestellt sein dürfte. Ob die dann aber ein Hotelzimmer finden, ist angesichts der Unterkunftsknappheit eine ganz andere Frage.

Nicht enden wollende Diskussionen

In Kapstadt wiederum waren es Feuerwehrspezialisten aus Bayern, die der Stadt den Entwurf von Notfallplänen angeboten hatten, nachdem die eigene Feuerwehr regelrecht kaputtgespart wurde. Die südafrikanische Polizei will sich von ihren deutschen Kollegen erklären lassen, wie man die Feier von Tausenden Fans in geregelte Bahnen lenkt – und schließlich wurde mit DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt so etwas wie ein hauptamtlicher Problemlöser ans Kap geholt.

Mit welchen Problemen die Spezialisten häufig zu kämpfen haben, verdeutlicht das Beispiel Kapstadt. Dort klagen die deutschen Architekten, dass sie für jede Kleinigkeit auf die Baustelle gerufen werden. Die Vertreter des Bauherrn, die Stadt, wollen keine Entscheidungen treffen. In Kapstadt regiert nämlich mit Hellen Zille als Bürgermeisterin die Oppositionspartei „Democratic Alliance“ – und die Regierungspartei „African National Congress“ lauert darauf, jeden Fehler Zilles sofort in politisches Kapital umzumünzen. Zudem haften die Stadtverantwortlichen notfalls mit ihren Pensionsansprüchen für Fehlentscheidungen beim Bau des Greenpoint-Stadions.

Selbst Zement muss importiert werden

Ein leitender Angestellter der ausführenden Baufirma Murray und Roberts stöhnte unlängst über nicht enden wollende Diskussionen um das endgültige Aussehen der Kapstädter Schüssel, die zudem verkleinert werden musste, um den Anteil der Stadt an den Gesamtkosten drastisch zu reduzieren. Zudem haben die südafrikanischen Baukonzerne kaum Erfahrung mit der termingerechten Fertigstellung von Großprojekten.

Der Volkstribun: Nur noch „eine Naturkatastrophe“ könne die WM in Südafrika verhindern

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Die Liste der offenen Baustellen ließe sich beliebig fortsetzen, von der uferlosen Kriminalität über fehlenden Personennahverkehr bis hin zu einem neuen Gesetzesvorhaben, wonach jeder, der in Südafrika ein ausländisches Mobiltelefon benutzen will, am Flughafen erst einmal seine persönlichen Daten hinterlegen muss, damit die Behörden nicht so viel Arbeit haben beim Zuordnen der abgehörten Gespräche. Nach wie vor ungeklärt ist auch, wie viele der drei Millionen WM-Tickets für Südafrikaner reserviert werden sollen – und vor allem: zu welchem Preis. Die Rede ist von 700 Rand (rund 75 Euro). Das stellt für die überwiegende Mehrheit der Südafrikaner ein halbes Monatseinkommen dar, ein kleines Vermögen also.

Ein Leben auf Pump

Dabei ist der Zugang der südafrikanischen Fans zu den Stadien von fundamentaler Bedeutung nicht zuletzt für eine fristgerechte Fertigstellung der Arenen. Schließlich zahlen die „kleinen Leute“ schon jetzt einen hohen Preis für die Ambitionen ihrer Regierung, der schnell in massiven Protest umschlagen kann, wenn sie auf dem Umweg über den Ticketpreis von der WM im eigenen Land ausgeschlossen werden.

Es geht voran? „Soccer City”-Stadion in Soweto

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Südafrika importiert nämlich so ziemlich alles, was für die Bauvorhaben nötig ist, und die Inflation hat längst die Hemmschwelle von sechs Prozent erreicht. Selbst Zement muss importiert werden, womit das Handelsdefizit Südafrikas in nie gekannte Höhen getrieben wurde. Die Folge für die Bevölkerung ist ein empfindlicher Kaufkraftverlust, der umso schwerer wiegt, als der Großteil der Südafrikaner ein Leben auf Pump führt. Zu einem Generalstreik, der die Planung der Baustellen um Wochen zurückwerfen könnte, ist es unter diesen Umständen nur ein kleiner Schritt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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