Von Roland Zorn
30. November 2007 Wenn es im Topf der Töpfe eher nach Garküche als nach Haute-Cuisine duftet, steht der Geschmackssinn des Kochs in Frage. Die Europäische Fußball-Union (Uefa) aber, die seit dem Jahr 2000 mit den Ko-Ausrichtern Belgien und Niederlande dem Trend frönt, ihr bedeutendstes Turnier lieber an zwei kleinere als an ein großes Fußballland zu vergeben, denkt in einer vergleichbaren Situation nicht daran, sich an die eigene Nase zu fassen.
Dabei hätte sie allen Grund dazu, erscheint doch die Setzliste, nach der die vermeintlich sehr guten von den vermutlich nicht ganz so guten Mannschaften getrennt werden, ausgerechnet in der mutmaßlichen Delikatessabteilung des kontinentalen Fußballs nicht gerade appetitanregend. Drei von vier Plätzen sind vor der Luzerner Auslosung zur EM-Endrunde des kommenden Jahres besetzt und längst vergeben: an die Ausrichterländer Schweiz (oberes europäisches Mittelfeld), Österreich (irgendwo unterm europäischen Qualitätsstrich) und an Titelverteidiger Griechenland (in Anerkennung vergangener Spitzenleistungen). Dazu kommt bei der Lotterie am Sonntagmittag im Kultur- und Kongresszentrum der schönen Stadt am Vierwaldstätter See noch die Niederlande als bestes europäisches Team bei der vergangenen WM- und EM-Qualifikation
Holländer in der ungeliebten Poleposition
Wenn also anders als bei Weltmeisterschaften, wo nur der in der Regel einzige Ausrichter von vornherein gesetzt ist, honoris causa drei von vier Ehrenkarten für die besten Losplätze reserviert sind, stimmt etwas nicht an der gesamten Auswahlmechanik. Kein Wunder, dass sich gegen Ende des europäischen Qualifikationsturniers die in Frage kommenden Mannschaften nicht gerade mit letzter Kraft um die einzig freie Stelle in der Lostrommel eins bemühten.
Den Niederländern nutzte letztlich auch die 1:2-Niederlage in Weißrussland nichts. Da der bis dahin härteste Konkurrent Deutschland zum Abschluss der EM-Qualifikationsrunde nur 0:0 gegen Wales spielte, behielten die Holländer den höchsten europäischen Koeffizienten - und blieben so in der ungeliebten Poleposition.
Österreich im Kreise der Happy few
Dass das Setzsystem der Uefa unter diesen Umständen nach Reformen ruft, ist schon damit zu begründen, dass auch beim übernächsten Endrundenturnier im Jahr 2012 wieder zwei Gastgeber am Empfang für ganz Europa stehen: die Ukraine und Polen. Auch diese beiden sind, mit Verlaub, nicht gerade Übermächte ihres Sports. Da sich diesmal sogar Österreich für einen kleinen Moment im Kreise der Happy few des Fußballs heimisch fühlen darf, sehnen sich die lostechnisch unter Austria angesiedelten Großen des Kontinents geradezu danach, es mit der Alpenrepublik in Erwartung von drei sicheren Punkten zu tun zu bekommen.
Die Deutschen fielen durch das mausgraue Remis gegen Wales aus der zum Greifen nahen Güteklasse eins in die dritte europäische Losreihe zurück. Schlimmstenfalls treffen sie nun bei der EM auf die Niederlande, Italien und Frankreich (erst in Topf vier). Doch da es die Deutschen sind, die traditionell eine enge Liaison mit dem Losglück pflegen, wie erst am vergangenen Sonntag bei der Ermittlung der Qualifikationsgruppen für die WM 2010 bewiesen, ist eine angenehmere Konstellation wahrscheinlich.
Warum sollten am Ende also nicht Österreich, Schweden und Polen die Gruppengegner beim Fußballfest in der europäischen Nachbarschaft sein? Bundestrainer Joachim Löw sagt: Wir machen keine Rechenspiele oder Spekulationen." Warum auch? Das Gute kommt schließlich sowieso zu dem, der bis Sonntag warten kann.
Text: F.A.Z., 01.12.2007, Nr. 280 / Seite 31
Bildmaterial: dpa