Von Daniel Meuren, Unterhaching
19. Juli 2008 Der Beruf des Botschafters ist an sich eine angesehene Beschäftigung. Nur hin und wieder leidet das Renommee des Auslandsvertreters unter dem Makel, dass einem erfahrenen Mann des diplomatischen Dienstes ein Berufspolitiker vorgezogen wird.
Dann wird der vermeintlich ehrenwerte Traumberuf zum Abschiebeposten für in Ungnade gefallene Gestalter des parlamentarischen Spiels, die der politische Betrieb weitaus lieber in einer fernen Hauptstadt weiß als ihr in der eigenen Hauptstadt tagtäglich begegnen zu müssen.
Eine von drei WM-Botschafterinnen
Ein wenig lag dieser Gedanke auch nah, als Renate Lingor vor einigen Monaten in den diplomatischen Corps der Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2011 berufen wurde. Lingor ist eine von bislang drei sogenannten Botschafterinnen, die Steffi Jones, der Präsidentin des Organisationskomitees, als Repräsentantin bei der Werbung für das Turnier im eigenen Land helfen sollen.
Böse Mäuler kommentierten Lingors Beförderung auf den Botschafterinnen-Sessel derart, dass die 32 Jahre alte Spielmacherin der Frauenfußball-Nationalmannschaft auf diese Weise davon abgehalten werden könnte, ihre lange Karriere doch noch mal zu verlängern.
Große Probleme in der vergangenen Spielzeit
Ihr Verein 1. FFC Frankfurt hätte sich dann eine weitere Spielzeit mit der Verletzungsanfälligkeit der offenkundig unter den Strapazen ihrer Laufbahn leidenden Fußballspielerin arrangieren müssen, was in der vergangenen Saison zu der erstaunlichen Situation führte, dass die in der Nationalmannschaft unter der Leitung von Bundestrainerin Silvia Neid stets unangefochtene Lingor im Bundesligaalltag wochenlang mit dem Platz auf der Bank vorlieb nehmen musste.
Die wohl spielintelligenteste Akteurin im deutschen Frauenfußball war nach verschiedenen gesundheitlichen Problemen im Anschluss an die gewonnene Weltmeisterschaft 2007 einfach nicht in der körperlichen Verfassung, um ihren Vereinstrainer Hans-Jürgen Tritschoks genauso von ihren Qualitäten zu überzeugen wie die in Nibelungentreue zu ihr haltende Neid. Am Ende der Spielzeit handelte sich Lingor auch noch im DFB-Pokalendspiel gegen den 1. FC Saarbrücken nach einem gemeingefährlichen Foul eine Schultereckgelenkssprengung ein.
Lingor: Mit den Negativerfahrungen wollte ich nicht abtreten
Damals im April schien es endgültig an der Zeit, die verdiente Spielgestalterin auf den Posten der DFB-Botschafterin abzuschieben. Doch gerade Hohn und Spott scheinen Lingor motiviert zu haben, ihren Kritikern die Stirn zu bieten. Mit den Negativerfahrungen aus dem vergangenen Jahr in Frankfurt wollte ich nicht abtreten, sagte Lingor nun nach dem 3:0 (1:0)-Sieg der deutschen Frauenfußball-Nationalmannschaft vor 9185 Zuschauern im letzten Test auf deutschem Boden vor dem am 6. August mit der WM-Revanche gegen Brasilien beginnenden olympischen Fußballturnier.
Deshalb kämpfte sich die Mittelfeldspielerin tapfer zurück mit dem großen Ziel, ihre dreizehnjährige Nationalmannschaftskarriere mit dem einzigen Titel zu krönen, der in der Sammlung von Lingor und der DFB-Auswahl fehlt: dem Olympiasieg. Sie spulte mit aller Härte gegen sich selbst ein Konditionsprogramm ab, dem sie nun eine körperliche Verfassung verdankt, in der sie sich lange nicht mehr befunden hat. Ich fühle mich in meinem Körper derzeit richtig gut, sagte sie nach ihrem 142. Auftritt für Deutschland.
Auswechslung verhindert perfekten Abschied
Das sah man Lingor während des Spiels gegen die derzeit drittbeste europäische Mannschaft an, als sie bemerkenswert lauffreudig agierte, auf der Position im defensiven Mittelfeld zusammen mit Simone Laudehr die Gegnerinnen im Spielaufbau stellte und auch den ein oder anderen gefährlichen Angriff initiierte. Vor allem aber sah man Lingor nach dem Spiel im Unterhachinger Sportpark bestens aufgelegt. Sie verteilte stapelweise Autogrammkarten, so als ob sie in ihrem letzten Fußballspiel auf deutschem Boden die Restposten aus der Spielerkarriere zu verteilen versuchte, ehe sie künftig im staatstragenden Ornament der WM-Botschafterin auf vergleichbaren Produkten erscheint.
Lingor störte sich da nicht mal mehr an der kuriosen Szene aus der 70. Minute, die ihr den perfekten Abschied von deutschen Fußballplätzen ermöglicht hätte. Nachdem Birgit Prinz im Strafraum der Gäste von Faye White gefoult wurde, legte sich Lingor den Ball zurecht, wartete am Strafstoßpunkt, musste aber noch vor der Vollstreckung ihre schon einige Minuten zuvor von der deutschen Bank beim Schiedsrichterteam angemeldete Auswechslung gegen Celia Okoyino da Mbabi über sich ergehen lassen.
Prinz: Erstaunlich gute Verfassung
Das war eine witzige Situation, beschrieb Bundestrainerin Neid die Szene. Meine Ersatzspielerinnnen haben ja schon vier oder fünf Minuten am Spielfeldrand darauf gewartet, dass das Spiel mal unterbrochen wird. Da wollte ich ihnen nicht noch mehr Warterei zumuten. Lingor trottete also vom Feld, sagte schmunzelnd Das ist jetzt aber ein bisschen blöd und überließ der souverän verwandelnden Melanie Behringer die Freude über das 3:0.
Wichtiger als dieser erste Sieg gegen England nach zuvor zwei torlosen Unentschieden waren aber die Indizien für die Verfassung der deutschen Mannschaft. Birgit Prinz sah das Team beispielsweise in einer erstaunlich guten Verfassung für den jetzigen Zeitpunkt der harten Olympia-Vorbereitung. Am schönsten Beweis für ihre These war die dreimalige Weltfußballspielerin in der 55. Minute selbst beteiligt.
Die unermüdliche Mittelfeldarbeiterin Laudehr vernaschte auf dem rechten Flügel der Reihe nach die Engländerinnen Fara Williams und Casey Stoney, ehe sie den Ball so mustergültig mit dem vermeintlich schwachen linken Fuß vors Tor flankte, dass Nadine Angerer den 121. Länderspieltreffer ihrer Mannschaftskameradin Prinz aus der Perspektive der Torhüterin mit den Worten beschrieb: Das sah aus wie vom Joystick gesteuert.
Für sechs Akteurinnen war Unterhaching Endstation
Eher wie von bösen Geistern geleitet liefen hingegen nach dem Abpfiff jene Handvoll Spielerinnen über den Rasen des Hachinger Sportplatzes, deren Olympiatraum im Südosten Münchens endete. Silvia Neid musste schließlich noch sechs ihrer 24 Akteurinnen aussortieren, da sie lediglich 18 Frauen zum letzten Olympiatest in der kommenden Woche nach Norwegen und auf die Fernreise nach China mitnehmen darf.
17 Spielerinnen hatte sie im vorangegangen Spiel dem Reglement für Testspiele gemäß einsetzen dürfen. Und genau jene 17 plus Ersatztorhüterin Uschi Holl - lediglich die Frankfurterin Conny Pohlers und Celia Okoyino da Mbabi vom SC Bad Neuenahr sind im Vergleich zur Vorjahres-Weltmeisterschaft neu im Kader - durften sich zurecht als die Auserwählten fühlen, während die restlichen Kolleginnen spätestens mit dem Abpfiff ihre Heimreise planen konnten.
Trost für die Aussortierten
Entsprechend benötigte eine bis zuletzt hoffnungsfrohe Kandidatin wie Isabell Bachor aus Bad Neuenahr den Zuspruch ihrer Vereinskollegin Holl, um über den Schmerz der Ausbootung hinwegzukommen. Navina Omilade, Lena Goeßling, Bianca Rech, Torfrau Alisa Vetterlein und die einzige aussortierte Weltmeisterin Martina Müller suchten sich andere Trostspender.
Das ist für mich der härteste Teil meines Jobs, das ich den Mädchen in letzter Minute den Olympiatraum zerstören muss, sagte Neid. Für ihre aus dem internationalen Spielbetrieb ausgeschlossenen Schützlinge hat sie dabei noch nicht einmal einen attraktiven Abschiebeposten im diplomatischen Fußballdienst in der Hinterhand.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AFP, dpa