31. Mai 2007 Fifa-Präsident Joseph Blatter vor seiner Wiederwahl im F.A.Z.-Interview über die WM in Südafrika und die Bedrohungen für die glänzende Fassade des Fußballs.
1998 waren Sie der Herausforderer und besiegten den Favoriten Lennart Johansson nach hartem Wahlkampf im Duell um die Präsidentschaft im Internationalen Fußball-Verband; 2002, als Sie wiedergewählt wurden, war Ihr Gegenspieler Issa Hayatou chancenlos. Muss man es so sehen, dass sich jetzt in der Fifa niemand mehr traut, gegen Sie anzutreten?
Ich bin erfreut, dass ich nach neun Präsidialjahren die Zustimmung und das Vertrauen der Familie für die nächsten vier Jahre habe, nochmals die Fifa führen zu dürfen und sie dahin zu bringen, wohin ich sie bringen möchte: in die soziale Verantwortung des Fußballs. Ich glaube, es wird für mich in dieser dritten Amtsperiode einfacher werden. Insbesondere, weil ich jetzt an der Spitze der Europäischen Fußball-Union (Uefa) mit Michel Platini einen Mann an meiner Seite habe, der ähnlich denkt wie ich.
Es gab, als Sie erstmals gewählt wurden, große Auseinandersetzungen mit der Uefa, deren damaliger Präsident Johansson nicht nur 1998 in Paris Ihr Antipode war. Im Laufe der letzten Jahre aber hat sich das Verhältnis schon unter Johansson entspannt.
Für mich ist das eine Bestätigung dafür, dass das, was ich gemacht habe, richtig war. Man hat wohl zu schätzen gelernt, dass da noch jemand in Zürich ist, der dem Fußball auf die Finger schaut und darum bemüht ist, die große Schere zwischen den Reichen und den Armen des Fußballs wieder ein Stück zu schließen. Die Fifa, der ich seit immerhin 32 Jahren diene, ist in den letzten Jahren ungemein schnell gewachsen. Als ich erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, kam immer mehr Geld ins Spiel, wurden die Ansprüche von allen Seiten immer größer. Das waren schwierige Jahre, zumal ich in den ersten Jahren meiner Präsidentschaft mit vielen Störmanövern zu leben hatte. Inzwischen aber ist der Führungsanspruch der Fifa im Fußball wieder unbestritten, und das macht vieles leichter.
Trotzdem wird die Autorität der Fifa oft genug von oben herab wahrgenommen. Muss sich nicht auch der Weltverband den Diskussionen und Strömungen öffnen und mehr Transparenz herstellen?
Wir brauchen ein Weltforum des Fußballs. Auch darin bin ich einig mit Platini, der ein europäisches Fußballforum zum gegenseitigen Austausch von Ideen und Ansichten anstrebt. Das Gemeinschaftsgefühl im Fußball wächst seit einiger Zeit wieder. Alle, die Verantwortung haben, merken ja, was nicht stimmt und sie gleichermaßen berührt. Das galt in der Uefa auch schon zu Zeiten des von mir persönlich geschätzten Johansson. Wichtig ist es, den Fußball zu vertreten, wie ich das tue und auch Platini, mit dem ich keineswegs in allen Fragen derselben Meinung bin.
Wo stand die Fifa 1998, als Sie vom Generalsekretär zum Nachfolger João Havelanges wurden, und wo steht sie heute?
Die Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich war ja fast noch der Weltcup der Armen, wenn man sieht, wie üppig die Budgets für die WM 2006, 2010 und 2014 waren, sind und sein werden. Mit Havelange, der 24 Jahre an der Spitze der Fifa stand, hat sich der Fußball universalisiert, in der ganzen Welt gefestigt und institutionalisiert dank der vielen Wettbewerbe, die die Fifa ausrichtet. Das Bewusstsein, dass der Fußball aus der "kolonialen" Herrschaft der Europäer und Südamerikaner ausgebrochen ist, ist inzwischen stark. Gerade unser Goal-Projekt, also die Aufbauhilfen für die Verbände, hat sich als segensreich erwiesen. In den ersten Jahren meiner Regierungszeit mussten wir vieles stabilisieren, haben wir auch Geld ausgegeben, das wir noch nicht eingenommen hatten. Dazu mussten wir eine Anleihe aufnehmen, die jetzt vollumfänglich zurückbezahlt ist und zudem einen Überschuss eingebracht hat. Die Fifa konnte im Weltmeisterschaftsjahr 2006 ihr Eigenkapital auf 752 Millionen Schweizer Franken steigern. Neben den finanziellen Segnungen ist aber auch das Gemeinschaftsgefühl gestärkt worden - etwa durch die inzwischen jährliche Abhaltung von Fifa-Kongressen. Auch dass wir die WM 2010 erstmals in Afrika, in Südafrika, veranstalten werden, hat ganz wesentlich dazu beigetragen.
Wo sind Ihre Sorgen am größten?
Die zuletzt wieder aufgekommene Gewalt im Fußball ist ein Krankheitssymptom, gegen das wir gemeinsam mit den staatlichen Autoritäten vorgehen müssen. Die wunderbare Weltmeisterschaft in Deutschland war wohl zu schön, um wahr zu sein. Der Fußball hat keine Polizeigewalt, aber um eine Katastrophe in den nächsten Jahren zu vermeiden, müssen wir darauf achten, dass nur noch in sicheren, komfortablen Stadien gespielt wird. Italien ist ein negatives Paradebeispiel, denn die haben seit 1990 fast nichts an ihren inzwischen vielerorts heruntergekommenen Stadien getan. Großbritannien ist das positive Gegenbeispiel, dort hat man aus den Katastrophen der Vergangenheit gelernt.
Und wo sonst sehen Sie die heile Welt des Fußballs in Unordnung?
Bei den Nationalmannschaften sind die Unterschiede zwischen den Teams im Laufe der Jahre eher kleiner geworden, bei den Klubmannschaften ist es genau umgekehrt. Wir sollten versuchen, da wieder einiges zusammenzubringen. Die Klubs sind vielerorts sehr professionell organisiert, die Verbände oft nicht genug. Auch dieses Missverhältnis gilt es zu beheben. Ein Fußballverband kann nicht mehr ehrenamtlich geführt werden.
Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben für die nächsten vier Jahre?
Über allem steht die gesellschaftliche Verantwortung des Fußballs. Wir haben ein Projekt unter dem Titel "Football for a better future" ins Leben gerufen. Damit soll die Familie des Fußballs unter anderem dazu gebracht werden, dass der Fußball nicht abdriftet, dass es nicht zwei Arten von Fußball gibt, den Fußball für die Reichen und den Fußball für die Armen. Dazu gibt es Themen wie den internationalen Kalender, also die Anzahl der Spiele, die der Fußball maximal verkraftet. Im Moment gibt es in einigen Ländern wie in Spanien, Italien und England zu viele Daten vor allem in den Pokalwettbewerben. Ligen mit 20 Klubs können so bleiben, wenn auf der Pokalebene Ballast abgeworfen wird. Dann verfolge ich seit langem die unter dem Stichwort "6 plus 5" bekannt gewordene Vorstellung, in Zukunft den Einsatz von sechs im jeweiligen Land ausgebildeten Spielern verbindlich zu machen und pro Mannschaft nur noch maximal fünf Ausländer zuzulassen. Wir sehen uns in dieser Frage auch in den Gesprächen mit der Europäischen Union auf einem guten Weg, welche die Spezifizität des Sports anerkennt.
Die Fifa ist nach schweizerischem Recht immer noch ein Verein - der mächtigste und reichste Verein der Welt. Wird das so bleiben?
Wir könnten auch eine Aktiengesellschaft werden oder eine Stiftung. Nicht zu vergessen, dass sich die Fifa sehr starke Corporate-Governance-Strukturen gegeben hat. Im Moment sind wir ein Verein wie das ebenfalls in der Schweiz angesiedelte Internationale Olympische Komitee.
Schafft es Südafrika, den Kraftakt WM 2010 zu stemmen?
Es wird ein großes Stück Arbeit, aber es wird kein extremer Kraftakt. Die Hauptprobleme derzeit sind afrikanischer Natur. Dort braucht man vielleicht eine längere Anlaufzeit, um etwas umzusetzen. Aber wenn einmal damit angefangen wird, etwas umzusetzen, dann geht es dalli, dalli. Ich glaube, die afrikanische Seele etwas zu kennen. Die Unterstützung aus ganz Afrika und vielen anderen Ländern der Welt, erwähnt seien China und Japan, ist so groß, dass wir nicht einmal alle berücksichtigen können.
Sollte es bei der Vergabe von Weltmeisterschaften bei der derzeit verbindlichen Rotation zwischen den Kontinenten bleiben, oder ist in Zukunft auch ein anderes Prinzip denkbar?
Ende dieses Jahres wird in Durban die WM 2014 vergeben, dann wollen wir die Diskussion über die Rotation neu eröffnen. Ich persönlich wäre eher dafür, dass wir die Rotation beibehalten, aber vielleicht so, dass man Ozeanien und Asien zusammennimmt und vielleicht auch Süd-, Mittel- und Nordamerika, damit es nicht mehr so große Zeitintervalle gibt, bis wieder eine WM auf einen Kontinent zurückkommt. Darüber entscheidet aber das Exekutivkomitee.
Sie haben inzwischen zwei große Fußballstars als Mitstreiter: Platini, der schon seit 1998 dabei ist, und Franz Beckenbauer, der im Januar beim Düsseldorfer Uefa-Kongress ins Fifa-Exekutivkomitee gewählt worden ist. Was soll er dort bewegen?
Mit Angel María Villar, dem spanischen Verbandspräsidenten, haben wir einen dritten ehemaligen Profi und Nationalspieler in der Fifa-Exekutive. Damit einhergegangen ist auch eine kleine Verjüngung in der Exekutive. Ich freue mich auf Franz, der nach diesem Fifa-Kongress in die Exekutive einzieht. Er hat ja seine Liebe zu Afrika zu Protokoll gegeben und gesagt, dass er gern an humanitären Projekten mitarbeiten würde. Da nehme ich ihn gern beim Wort.
Sie sind mit 71 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Ist dies also die letzte Amtszeit, in der Sie der Fifa vorstehen wollen, und könnte Platini einmal Ihr Nachfolger werden?
Wann ich gehen will oder muss, da möchte ich mich noch nicht festlegen, zumal ich jetzt erst einmal für weitere vier Jahre gewählt werden will. Natürlich ist es immer eine gute Vorbereitung für ein noch höheres Amt, wenn man wie Michel eine Konföderation führt. Im Augenblick genieße ich jeden Tag als Fifa-Präsident.
Das Gespräch führte Roland Zorn.
Text: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite 32
Bildmaterial: dpa, REUTERS