Nationalspieler auf der Zielgeraden

Postweltmeisterliche Malaise an Leib und Seele

Von Michael Horeni, Herzogenaurach

31. Mai 2007 Vor einem Jahr befand sich die deutsche Nationalelf in der Endphase ihrer Vorbereitung auf das WM-Eröffnungsspiel. Die Spieler waren in bester Verfassung, zwei Trainingslager lagen hinter ihnen, Kondition, Anspannung und Hoffnungen wuchsen von Tag zu Tag. Am Dienstagnachmittag hat sich nun die Elite des Fußball-Landes wieder versammelt, um sich auf den Abschluss der Saison 2007 vorzubereiten.

Zum Auftakt stand ein sehr individuelles Programm. Zu viel wollte der Bundestrainer vielen Profis nicht mehr zumuten. Aus gutem Grund. Denn nach kraftstrotzenden und energiegeladenen Nationalspielern wie im Vorjahr sucht man derzeit ziemlich vergebens in der Nationalelf. Das ist auch kein Wunder, hinter zahlreichen Profis liegt die längste Saison ihres Lebens - wenn sie es überhaupt geschafft haben, sich noch auf die Zielgerade mit den Qualifikationsbegegnungen am Samstag gegen San Marino und vier Tage später gegen die Slowakei zu schleppen.

Endlose Liste der Kranken, Verletzten und Erschöpften

Ein Blick ins Mittelfeld gefällig? Für Kapitän Michael Ballack kam der Abpfiff für die Saison 06/07 schon im Vormonat, auch Bastian Schweinsteiger gehört längst nicht mehr zum spielenden Personal, Tim Borowskis letzter Einsatz im Nationalteam datiert sogar aus der Auftaktbegegnung des Jahres 2007. Sie alle gehören zu einer schier endlosen Liste der Kranken, Verletzten und Erschöpften - die tiefen Spuren, die die WM an Leib und Seele der Athleten hinterlassen hat, lassen sich jedenfalls nicht leugnen. (Siehe: Brüche, Risse, Operationen: Schon 16 deutsche WM-Spieler verletzt).

Neun WM-Spieler fehlen beim Saison-Abschluss 07, auf das Sommermärchen folgten bei 16 Spielern Verletzungen, mehr als ein Dutzend langwierig. Seit dem Beginn des Jahres 2006 hatten die Stammspieler der Nationalmannschaft in den vergangenen achtzehn Monaten gerade einmal rund drei Wochen Pause im vergangenen Sommer und dann noch ein paar Tage um den Jahreswechsel. Ein Witz angesichts der ständigen Belastungen.

„Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht“

Mit Blick auf die EM soll nun die Prophylaxe verbessert werden, sagt Bundestrainer Joachim Löw. Manager Oliver Bierhoff wünscht sich bei den Klubs eine strukturierte Saisonplanung für die Nationalspieler. Die Klubtrainer kontern. „Es wird von den Verbänden überhaupt nicht dafür gesorgt, dass die Spieler zur Erholung kommen. Wo soll das noch hinführen?“, sagte der Bremer Trainer Thomas Schaaf in dieser Woche zum Abschied seiner Nationalspieler. Irgendwann ging seinen Bremer international Auserwählten, so Schaafs Analyse der Saison, dann doch die Puste aus.

Am Beispiel Bremen lässt sich die postweltmeisterliche Malaise exemplarisch beschreiben. Nach dem Turnier fielen Per Mertesacker und Borowski über Monate aus. Auch WM-Torschützenkönig Miroslav Klose funktionierte nach der Winterpause irgendwann nicht mehr wie gewohnt. Ob nun körperliches Tief, verdrehter Kopf oder ob bei dem Werder-Stürmer beide Malheurs zusammenkamen - in jedem Fall landete Klose im Leistungsloch. Nur Torsten Frings blieb als Marathonmittelfeldspieler davon weitgehend verschont.

Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf

„Die Grenze der Belastbarkeit ist erreicht. Es wird zu viel. Man kann nicht alle drei Tage ein Spiel ansetzen und verlangen, dass man Topleistung bringt. Das schafft der Körper nicht. Es fehlt die Zeit für Erholung, die Leistung geht runter. Unter den ständigen Belastungen leiden alle: die Spieler und die Zuschauer - aber vor allem die Mannschaft, weil man die Ziele, die man sich setzt, unter diesen Bedingungen gar nicht mehr erreichen kann“, sagte Frings schon während der Saison. Außer Frings blieben als Feldspieler nur Hitzlsperger, Lahm und Schneider von Verletzungspausen verschont.

Angesichts des Mammutprogramms vor allem der Nationalspieler im Millionengeschäft und der unübersehbaren Folgen der chronischen Überbelastung stellt sich in diesen Tagen auch die Frage nach unerlaubten Mitteln. „Ich bin seit zehn Jahren Profi und weiß auch, wie man sich verhalten muss, um sich schnell zu erholen und wieder in Form zu kommen“, sagte Frings nach seiner kurzen Schwächephase zu Saisonbeginn dazu. Das Rezept von ihm lautet: „abschalten“ und „viel schlafen“. Das klingt so schön wie aus dem Sportmärchen von Tausendundeiner Nacht: Den Seinen gibt's der Herr im Schlaf.

Doping „nicht vorstellbar“

Wie Frings hält auch der Bundestrainer Doping in der deutschen Nationalmannschaft „für nicht vorstellbar“, wie er am Mittwoch sagte. Löw sieht jedoch „grundsätzlich“ die Möglichkeit, dass auch im Lieblingssport der Deutschen manipuliert werden könnte. „Man könnte den Muskelaufbau beschleunigen. Möglicherweise kann man auch die Regeneration positiv beeinflussen“, sagte der Bundestrainer am Wochenende im Zuge des Dopingskandals im Radsport.

Denn der Nutzen, den Doping bringen könnte, ist offensichtlich: „Die Erholungsphase könnte verkürzt werden. Spieler könnten trotz starker Belastung nach zwei, drei Tagen schneller wieder hohe Leistungen bringen.“ Zur Erinnerung: Beim WM-Trainingslager auf Sardinien wurde gar keine Trainingskontrolle genommen, beim Trainingslager in Genf eine. Manager Bierhoff allerdings mag an Doping im Fußball, an systematisches gar, auch aus einem ganz pragmatischen Grund nicht glauben: „Dass wir im Fußball auf der wissenschaftlichen Seite im Sport nicht ganz vorne sind, ist da ausnahmsweise mal ein Vorteil.“



Text: F.A.Z., 31.05.2007, Nr. 124 / Seite 32
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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