Sebastian Prödl

Ein Nutznießer der österreichischen Armut

Von Christian Hackl, Wien

“Ich will keine Ware sein“: Seabstian Prödl

"Ich will keine Ware sein": Seabstian Prödl

06. Februar 2008 Sebastian Prödl ist sich speziell in diesen Tagen der Gnade der späten Geburt bewusst. Kommt einer am 21. Juni 1987 in Graz auf die Welt, ist der 21. Juni 1978 in Córdoba nämlich längst gewesen. „Fußball ist nicht Vergangenheit, Fußball ist Gegenwart und Zukunft“, sagt der Abwehrspieler der österreichischen Nationalelf von heute.

Natürlich hat er als Österreicher die Tore des Hans Krankl zum längst legendären 3:2 gegen Deutschland bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien mehrmals im Fernsehen gesehen; dem entkommt man in Österreich kurz vor dem Länderspiel gegen den großen Nachbarn an diesem Mittwoch in Wien nicht. Der Reporter Edi Finger senior ist damals bekanntlich „narrisch“ geworden, auch das hat Prödl gehört. „Aber ich fange nicht viel damit an.“

„Wir müssen uns Selbstbewusstsein für die Euro holen“

Der Wiener Kultursoziologe Roman Horak sagte unlängst: „Auf der Fußball-Ebene kam nichts Besseres nach. Und dann ist offenbar so eine Dynamik entstanden, dass man glaubt, dass das wiederholbar wäre. Aber es war viel mehr als das. Wenn man dramatisieren will, dann bringt man halt die Cordoba-Geschichte. Vielleicht steckt tief drinnen auch noch ein winziger Rest von diesem Gefühl von Inferiorität gegenüber den Deutschen.“

Prödl möchte am 7. Februar 2008 über den 6. Februar 2008 sprechen. Über eine gute Leistung gegen Deutschland (20.35 Uhr / Live in der ARD und im FAZ.NET-Liveticker). „Wir müssen uns Selbstbewusstsein für die Euro holen. Gelingt das, werden auch die Fans selbstbewusster sein.“ In einem Match gegen den Erzrivalen, sagte er am 5. Februar 2008, „müssen einfach zusätzliche Kräfte und Energien frei werden. Auch wenn wir noch in der Vorbereitung stecken.“

„Ich mag keine Schnellschüsse“

Prödl wirkt entspannt. Er weiß, was auf ihn zukommt, hat die Zukunft geregelt. Vom Sommer an arbeitet er für Werder Bremen, er hat einen Vierjahresvertrag unterschrieben. Es hat ihm geschmeichelt, wie sehr sich Trainer Thomas Schaaf und Sportdirektor Klaus Allofs um ihn bemüht haben. „Das war imponierend. Es existiert dort ein ideales Umfeld. Der Verein gibt jungen Spielern eine Chance.“

Prödl wollte es so, er selbst hat entschieden. Mit seinem Vater, einem Möbeldesigner, hat er sich beraten, da steckte kein Manager dahinter. „Ich mag keine Schnellschüsse“, sagt das Talent, „ich will keine Ware sein, ich bin selbst für mein Handeln verantwortlich.“

„Im Fußball bekommt der Einzelne auch Chancen“

Prödl hätte auch sofort zu Bremen wechseln können, das lehnte er aber ab. Er spielt die Saison für Sturm Graz zu Ende, der Klub ist überraschend Tabellenführer, was natürlich auch an der Schwäche der Konkurrenz liegt. Prödl braucht Praxis, nicht zuletzt im Hinblick auf die Europameisterschaft. Denn nicht einmal in der immer wieder gering geschätzten österreichischen Nationalmannschaft hat man einen Stammplatz sicher.

„Es ist ja nicht so, dass der Prödl bei Werder der Superstar ist.“ Ihm sei klar, dass in Bremen die Konkurrenz in der Innenverteidigung „gewaltig ist“. Per Mertesacker sei sogar ein Vorbild. „Das meine ich nicht, um zu schleimen, sein Weg taugt mir.“ Der 20-jährige Grazer möchte in Bremen niemanden verdrängen, sondern Teil einer Mannschaft sein. „Im Fußball bekommt der Einzelne auch Chancen.“

Haie in der eigenen überdimensionalen Badewanne

Sebastian Prödl hat schon ein anderes, ein besseres Fußball-Österreich kennengelernt. 2007 wurde er mit dem „U20“-Team Vierter bei der Weltmeisterschaft in Kanada. Die jungen Kicker wurden von dem Journalisten zur Mannschaft des Jahres gewählt. „Da war Euphorie, keine Jammerei.“ Die Nachwuchsarbeit, sagt Prödl, sei gar nicht so schlecht wie behauptet.

Als Vierzehnjähriger kam er zu Sturm Graz. „Ich wurde gut ausgebildet.“ Natürlich hatte er auch Glück. Weil der Verein einen verschwenderischen Präsidenten hatte. Hannes Kartnig hielt sich daheim in einer überdimensionalen Badewanne sogar Haie. Der Klub ging jedenfalls in Konkurs, also baden.

„Ich bin froh, dass Sturm für mich eine Ablöse bekommt“

Und weil kein Geld da war, musste man sich mit dem eigenen Nachwuchs begnügen. Prödl nützte diese Armut gern aus und wurde von seinem deutschen Trainer Franco Foda gefördert. „Ich bin froh, dass Sturm für mich eine Ablöse bekommt. Der Verein braucht das Geld.“ Er sehe sich noch lange nicht fertig ausgebildet, stecke mitten in der Entwicklung zum Führungsspieler.

„Ich bin erst zu sechzig oder siebzig Prozent Fußballer. Auch bei Sturm kann ich mich verbessern.“ Vor ein paar Tagen hat Prödl irgendetwas über Córdoba gelesen. „Kann mich nicht erinnern, hat mich nicht wirklich interessiert.“

Text: F.A.Z., 06.02.2008, Nr. 31 / Seite 30
Bildmaterial: dpa

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