Champions League

Meisterstück von Markt-Designern

Von Christian Eichler

01. Mai 2008 Zwei rote Armeen auf dem Roten Platz: Diese Schreckensvision bleibt Moskau fürs Endspiel der Champions League erspart. Statt der „Reds“ aus Liverpool mit ihrem auch 23 Jahre nach der Heysel-Tragödie noch misstrauisch beäugten Anhang treffen die Londoner Nobelfans der „Blues“ von Chelsea mit denen von Manchester United zusammen. Einen entspannten Abend wird Europas Fußball am 21. Mai dennoch nicht unbedingt erleben. Immer noch sind Finals mit englischer Beteiligung ein Fall für Alarmstufe Rot. Erst recht gilt das fürs erste rein englische Finale im Europapokal der Landesmeister.

Das ist zwar neu, aber überfällig, seit diese Veranstaltung Champions League heißt. Der kommerzielle Erfolg des 1992 als Mix von Liga- und Pokalmodus neu erdachten Wettbewerbs geht einher mit der anderen damals reformierten Traditionsveranstaltung, der aus der englischen First Division hervorgegangenen Premier League. Beide, Champions und Premier League, wurden gegründet und gestaltet mit einem Ziel, das heute erreicht ist: die Macht großer Marken auch im Fußball durchzusetzen; verlässlich reproduzierbare, verwertbare Angebote auf höchstem Level zu schaffen. Anders gesagt: Wettbewerbe zu kreieren, die das Unwägbare des Fußballs auf ein marktverträgliches Minimum reduzieren.

Eine Milliarde Euro in fünf Jahren

Zwei Ligen als Meisterstücke von Markt-Designern. Sie wurden so entworfen, dass die Großen und Reichen dominieren können. Das tun sie, nicht immer, aber immer öfter. Da die Premier League die beim Weltpublikum inzwischen begehrteste Fußballware bietet, ist der europäische Erfolg ihrer Vertreter konsequent. Im Finale der Champions League stehen die beiden Klubs, die in den letzten fünf Jahren das meiste Geld für neue Spieler ausgaben, zusammen fast eine Milliarde Euro. Beide erwarben dabei, was englischen Teams früher fehlte: Stilvielfalt. Manchester, sonst offensiv geprägt, besiegte Barcelona in der Abwehr. Chelsea, sonst ein Kontrollkollektiv, schlug Liverpool stürmisch.

Aus Sicht des Fußballfreundes ist es eine zwiespältige Entwicklung. Einerseits haben die „Kleinen“ Europas, zu denen schon die Bundesliga gehört, gegenüber Kadern aus zwei Dutzend Weltklassespielern, gepäppelt mit Gehaltsbudgets von jährlich hundert Millionen Euro und mehr, immer seltener eine Chance. Andererseits gelingt es der Champions League, dem Publikum zu bieten, was andere Wettbewerbe nie schafften: den regelmäßigen Vergleich der weltbesten Fußballer. Und das, ohne im Resultat vorhersehbar zu werden: Auch im 16. Jahr wird es einen anderen Sieger als im Vorjahr geben.

Bei der Weltmeisterschaft dauerte es 72 Jahre, ehe Brasilien und Deutschland erstmals aufeinandertrafen. Champions und Premier League dagegen bringen die Top-Stars, wie ein guter Promoter, in fast jedem Jahr auf dieselbe Bühne, oft mehrmals. Chelsea und Liverpool etwa maßen sich am Mittwoch zum 16. Mal binnen vier Jahren. Leider kennt man einander irgendwann zu gut. Fürs Finale ist deshalb kein Feuerwerk zu erwarten. Aber vielleicht kommt alles anders: ein Lustspiel im Luschniki-Stadion. Und Ruhe auf dem Roten Platz.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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