Es gibt ein Datum im Leipziger Fußball, das sich Ricardo Schulz von der Leipziger Staatsanwaltschaft ins Gedächtnis eingegraben hat: Es ist der 10. Februar 2007, als es beim Spiel Lok Leipzig gegen Erzgebirge Aue II zu schweren Ausschreitungen kam. Bei der Randale zwischen rund 800 Lok-Anhängern und 300 Polizisten wurden dreißig Randalierer verhaftet. 14 Gewalttäter wurden später verurteilt, zum Teil zu Gefängnisstrafen, alle auf Bewährung. Ricardo Schulz hält das auch heute noch für angemessene Urteile, und er sagt in Leipzig bei einer Diskussion des Instituts für Deutsches und Internationales Sportrecht über Gewalt im Fußball, dass bis heute von den Verhafteten nur zwei Täter rückfällig geworden seien. Er kann jedoch immer noch nicht recht verstehen, wer damals alles ungehemmt seine Aggressionen auslebte und mit Steinen warf. Auch ein Soldat der Bundeswehr war dabei.
Wie konnte es so weit kommen? Oder besser: Wie wird aus einem unauffälligen Jugendlichen ein Hooligan? Das war die Frage, der Rico Kauerhof, der Vorstandsvorsitzende des Instituts und sein Team in ihrem seit 2007 gestarteten Gewaltpräventionsprojekt nachgegangen sind. Sie veröffentlichten am Mittwoch erste Teilergebnisse ihrer einjährigen Studie unter rund vierhundert Leipziger Jugendlichen im Alter von 12 bis 16 – und können nun erste Hinweise liefern, unter welchen Bedingungen die Gewaltbereitschaft entsteht, die sich bei Jugendlichen dann in und um die Fußballstadien entlädt.
Anders als gemeinhin vermutet, liefert die Studie keinen Beleg dafür, dass Arbeitslosigkeit der Eltern oder fehlende Freizeitangebot eine entscheidende Bedeutung für Gewaltbereitschaft spielen. Das gängige Argument – Nix los und keine Kohle“ – taugt demnach nicht, um die Entstehung von Gewalt zu erklären. Die Jugendlichen, die in der Umfrage angaben, Gewalttaten verübt zu haben (Beleidigungen, Beschimpfungen und Graffiti fielen auch in diese differenziert gefasste Kategorie), unterscheiden sich in diesen beiden Aspekten nämlich überhaupt nicht von den verhaltensunauffälligen Jugendlichen.
Die politische Einstellung spielt dagegen eine gewisse Rolle“, sagt Kauerhof zu der Untersuchung. Der Leipziger Studie ist überraschenderweise kein signifikanter Unterschied zwischen linker und rechter Gewalt zu entnehmen, obwohl der rechte Einfluss auf den Fußball in der Stadt erheblich ist. Die NPD etwa bemüht sich hartnäckig, Anhänger von Lok Leipzig an sich zu binden, auch gegen den Widerstand des Klubs. 58 Prozent der gewaltauffälligen Jugendlichen ordneten sich in der Studie der Kategorie links/rechts“ zu, nur 30 Prozent der Mitte“.
Hooligans fallen nicht vom Himmel“, sagt Kauerhof. Neben der politischen Haltung fällt noch stärker auf, dass vor allem solche Jugendliche zur Gewalt neigen, die Regeln als starke Einschränkung empfinden und diese nicht akzeptieren wollen. Die Studie spricht von einer Regelresistenz“. Es bestehen Auffälligkeiten zwischen der Regelresistenz in der Schule und Gewaltbereitschaft“, sagt Kauerhof. Jugendliche, die sich in ihrer Schule wohl fühlten, in ihr eine Heimstatt“ fänden, neigten deutlich weniger zur Gewalt. Für Kauerhof wurde im Zuge der Studie außerdem deutlich, dass es für gefährdete Jugendlichen im Alter von 12 bis 16, die noch nicht aktenkundig sind, ein Loch“ in der Betreuung gebe. Keine Institution fühle sich zuständig. Man kann aber nicht warten, bis sie in die Gewalttäterkategorie A, B oder C eingeteilt werden und erst dann von den Fanprojekten aufgefangen werden.“
Kauerhof und sein Team schlagen als Konsequenz eine Mischung aus Prävention und Repression vor. Sie wollen in Pilotprojekten die Wirkung von regelgeleiteter Gewalt“ bei Ringen, Judo oder Boxen mit den Jugendlichen erproben – andererseits fordern sie, die konsequente Durchsetzung zivilrechtlicher Ansprüche gegen Störer“. In dieser Woche wurde diese Forderung von den Stuttgarter Kickers schon durchgesetzt, die auf einen überführten Becherwerfer“ die finanziellen Konsequenzen des Spielabbruchs übertrugen. Die Kickers waren vom Deutschen Fußball-Bund zu einer Geldstrafe von 10.000 Euro und zu einem Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit verurteilt worden. Den Einnahmeausfall bezifferte der Verein auf rund 3500 Euro. Auch für sämtliche Verfahrenskosten muss der Täter nun aufkommen. Der Tiger muss auf der anderen Seite stehen“, sagt Kauerhof, ein Titel bleibt 30 Jahre gültig.“ Wenn Jugendliche wüssten, dass sie gleich mit ihrem ersten Gehalt für den angerichteten Schaden aufkommen müssten, dann könnte dies Wirkung zeigen.
Wenn Strafen als gerecht empfunden werden, dann werden sie auch akzeptiert“, sagt Wolfgang Schild, der in Bielefeld den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Strafrechtsgeschichte sowie Rechtsphilosophie innehat. Ein fünfjähriges bundesweites Stadionverbot für ein geringes Delikt dagegen produziere Aggressionen. Schild beklagte in der Diskussion, dass die Gewalt, die sich im Fußball auslebe, von Medien und Gesellschaft als besonders gravierendes Problem“ wahrgenommen werde. Gemessen am hohen Gewaltpotential in der Gesellschaft, ist das ein Teil, der sich eingliedert – es ist nicht Besonderes.“ Es sei auch falsch, die Jugend als Verursacher der Gewalt zu sehen. Wild führte dafür die zahlreichen Vorfällen bei Jugendspielen an, bei denen Kinder ihre brüllenden und schlagenden Eltern zurückhielten. Man muss die Gewalt dort zuordnen, wo sie herkommt.“
Schild machte in Leipzig jedoch auch deutlich, dass die Gewalt im Fußball zwanzig Jahre nach dem Mauerfall weiterhin unterschiedliche Befindlichkeiten in Ost und West ausdrückt – und da spielen materielles Gefälle und unterschiedliche Lebenschancen dann eben doch eine Rolle. Gewalt in den neuen Bundesländern ist mehr Selbstbehauptung, in den alten Bundesländern Selbstdurchsetzung.“ Im Osten drücke sich in der Gewalt vornehmlich die Unterschicht aus, die verzweifelt um ihre Identität kämpfe. Im Westen dagegen habe man es mit der Übertragung eines anerkannten Gesellschaftstyps“ zu tun, der rücksichtslos seine Interessen auf Kosten anderer durchsetze. Auch an Beispielen mangelt es dem Juristen und Fan von Arminia Bielefeld nicht: Manager und Dieter Bohlen.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa