Von Bernd Günther
13. April 2006 Sie sind schwer zu erreichen in diesen Tagen, die Gärtner von Oberrad. Auf den Feldern und in den Gewächshäusern, die sich am Rand des südlichen Stadtteils von Frankfurt staffeln, bringen sie ihre Ernte ein. Ihre Erzeugnisse beanspruchen gerade zur Osterzeit die volle Arbeitskraft: Kräuter und Salate sind in Kühlräumen zu lagern, in Packhallen zum Verkauf vorzubereiten, in Lieferwagen zu Groß- und Wochenmärkten zu transportieren und an Verkaufsständen anzupreisen.
Seit zwei Wochen drehe sich alles um die Grüne Soße, sagt Ursula Weiß. Rund um die Uhr sei er im Einsatz, fügt ihr Sohn Michael hinzu, der den Oberräder Gartenbaubetrieb führt. Sein Arbeitstag endet gegen zehn Uhr. Anderntags - das heißt nur wenige Stunden später, kurz nach Mitternacht - muß die frische Ware ausgeliefert werden.
Beschaulich liegt es da, das Gärtnerdorf, wie Oberrad auch genannt wird. Besucher, die sich von Norden nähern, sehen links und rechts der Wasserhofstraße weitläufige Felder. Oberhalb der Mainniederungen steigt das Gelände leicht an. Dort gruppieren sich Wohnhäuser, zwischen denen ein Kirchturm emporragt. Südlich grenzt der Stadtwald an. Rund 12.000 Menschen leben in dem Stadtteil.
Kräuteranbau
Doch die Idylle hält einem zweiten Blick nicht stand. Die Bomben des Zweiten Weltkriegs haben das 1900 nach Frankfurt eingemeindete Gärtnerdorf zu 90 Prozent zerstört. Die danach errichteten Bauten - darunter auch Wohnhochhäuser - sind wenig ansehnlich. Zudem ist Oberrad von Verkehrswegen eingekeilt: Im Norden, dicht an den Gemüsefeldern, sausen ICE-Züge entlang. Im Osten rauscht der Verkehr der Autobahn 661, und im Süden schweben dröhnend startende und landende Flugzeuge über den Stadtwald.
Der guten Erde wegen habe sich das Quartier einst zum Gärtnerdorf entwickelt, sagt Ortslandwirt Horst Krämer. Sowohl der sandige Boden, der im Frühjahr nach starken Regenfällen schnell trockne, sei gut, als auch die ebenso vorhandenen schweren Böden, die im Sommer besser das Wasser hielten. Heute seien in Oberrad noch rund zwei Dutzend Gärtnereien ansässig - von denen jedoch nicht alle Gemüse und Kräuter anbauten: Einige züchteten Zierpflanzen, andere pflegten Friedhöfe. Rund 15 Gärtnereien würden noch im Vollerwerb betrieben, so Krämer. Zum Kerngeschäft der Oberräder Gärtner gehört aber nach wie vor der Kräuteranbau.
Bis zu 40 Sorten - auch Basilikum und Rosmarin - pflanzten die Betriebe zwischenzeitlich an: im Winter unter dem Glas der Gewächshäuser und im Sommer auf dem freien Feld, so Krämer. Auch die Zutaten für die Grüne Soße seien nicht mehr rein saisonale Kulturen, sondern würden das ganze Jahr angebaut. Mit dem bekannten Oberräder Produkt erzielten die Betriebe zur Osterzeit ihren Hauptabsatz.
Schnittlauch aus Italien
Vor zwei Jahrzehnten hätten noch doppelt so viele Familien in Oberrad von der Gartenarbeit leben können. Und Anfang des vergangenen Jahrhunderts seien im Gemüsedorf weit mehr als hundert Gärtner gezählt worden, sagt Krämer. Die Anbaufläche sei nicht wesentlich kleiner geworden: Rund 80 bis 90 Hektar würden noch bewirtschaftet - ein Drittel der gesamten Fläche von Oberrad. Nur: Während den vielen Gemüsebauern früher kleine Anbauflächen ausreichten, seien diese zwischenzeitlich zu immer größeren Einheiten zusammengefaßt worden. Gab ein Betrieb den Anbau auf, fielen dessen Felder nicht brach, sondern wurden von anderen Gärtnern weiter genutzt.
Nur mit ausreichend großen Anbauflächen könne noch wirtschaftlich gearbeitet werden, bestätigen die verbliebenen Bauern. Etliche sind zwischenzeitlich an ihre Produktionsgrenzen gestoßen - oder haben reagiert wie Klaus Jung, der 1990 den Gartenbaubetrieb von Vater Jakob Jung übernommen hat und das Familienunternehmen in sechster Generation weiterführt. Weil die 18 Hektar großen Äcker nicht mehr ausreichten, faßte Sohn Klaus den Entschluß, den Anbau von Schnittlauch, auf den sich die Familie spezialisiert hatte, ins Ausland zu verlagern. Zunächst auf Felder in Indonesien. Inzwischen bauten Partnerbetriebe in Italien, Marokko, Israel, Südafrika und Indien nach seinen Vorgaben Kräuter an, erzählt Jung.
Die Felder in Oberrad nutzt er jedoch weiter - vor allem zur Produktion von Samen. Allerdings beklagt er wie seine Kollegen die gestiegenen Energiekosten für das Heizen der Gewächshäuser. Zudem werde es immer schwieriger, Saisonarbeitskräfte zu beschäftigen: Deutsche Kräfte seien schwer zu finden, und Hilfsarbeiter aus dem Ausland dürften nur begrenzt eingesetzt werden.
Anbaufläche optimieren
Neben der heimischen Produktion habe sich der Handel mit den im Ausland angebauten Kräutern zum zweiten Standbein des Betriebes entwickelt. Von seinem Schreibtisch, in einem kleinen Anbau des Wohnhauses an der Wasserhofstraße, regelt Jung per Telefon und Fax den Vertrieb: Europaweit beliefert er Großmärkte und Händler, die bevorzugt von Oktober bis Mai - wenn die hiesigen Produkte aus den Gewächshäusern kommen - seine eingeflogenen Kräuter kaufen.
Auf die Stadt ist Jung indes nicht gut zu sprechen: Gerne würde er eines seiner Gewächshäuser durch eine Packhalle ersetzen. Das Vorhaben sei ihm aber nicht genehmigt worden. Auch andere Unternehmen fühlten sich nicht ausreichend unterstützt: Der Betrieb von Michael Weiß etwa, der zu den größten im Gemüsedorf zähle, sei bemüht, die Anbaufläche zu optimieren. Derzeit verteilten sich die Betriebsstätten über den Stadtteil, sagt Ursula Weiß. Der Plan, den Hof auf einer großen Fläche am Rand von Oberrad zu konzentrieren, habe bisher nicht verwirklicht werden können. Die Stadt halte die Flächen für ein mögliches Neubaugebiet zurück, heißt es.
Die Gärtnerei Weiß schaue sich nunmehr nach Flächen an anderer Stelle um. Wird der Traditionsbetrieb abwandern? Ursula Weiß beruhigt: Ganz wird die Gärtnerei ihren Standort im Gemüsedorf nicht aufgeben.
Kräuter, Schmand, Essig und Öl
Sie trägt den Namen Frankfurts und ist doch das Markenzeichen von Oberrad: Die Frankfurter Grüne Soße. Bevorzugt heute, am Gründonnerstag, kommt die Soße, der sieben heimische Küchenkräuter zugegeben werden, in den Haushalten und Gastwirtschaften auf den Tisch. Für die Zubereitung der Grie Soß', deren Ursprung in der französischen Sauce Vinaigrette vermutet wird, gibt es allerdings viele unterschiedliche Rezepte.
Eine Variante für vier Portionen sieht folgende Zutaten vor: ein Paket der Kräutermischung Grüne Soße, vier hartgekochte Eier, einen Eßlöffel Essig, zwei Eßlöffel Öl, ein Viertelliter Schmand oder Saure Sahne, 150 Gramm Joghurt, eine Prise Zucker, Salz, Pfeffer und Senf. Zur Zubereitung die Kräuter verlesen, waschen und abtropfen. Anschließend fein hacken und in einer Schüssel mit Essig, Öl, Schmand und Joghurt verrühren. Mit Salz, Pfeffer und Senf würzen. Die hartgekochten Eier klein hacken und unterheben. Danach zunächst kalt stellen.
Text: F.A.Z., 13.04.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Bergmann
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