© Michael Hauri

Stripbar, 1.10 Uhr

Keine Mädels, keine Gäste

Kleine Schweißperlen kullern Vendura die Stirn herunter. Sie steht vor der Tür des „Golden Gate“ im Bahnhofsviertel und raucht. Mit der rechten Hand reibt sich die 28 Jahre alte Tschechin die Schulter warm, sie tippelt mit hochhackigen weißen Schuhen von einem Bein auf das andere. Die Frau mit den blondierten Haaren schaut maulig in die Ferne und bläst blauen Rauch in die kalte Nacht hinaus. Noch vor ein paar Minuten tanzte Vendura in einem Käfig, zog sich das schwarze Oberteil aus, ließ ihr Becken lasziv kreisen – und die Männer saßen da auf ihren ledernen Sesseln, tranken Bier für sechs Euro und nickten zufrieden. Seit ein paar Wochen begegnen sich die staunenden Männer und die tanzenden Frauen manchmal vor der Tür. Dort, wo die Sicherheitsmänner entscheiden, wer hinein darf und wer nicht. Norman Weber hat sich das so nicht gedacht, als er vor acht Jahren Geschäftsführer des „Golden Gate“ wurde. Jetzt steht er im schmalen Flur des Hauses, rote Punkte tanzen auf seiner Stirn, und halbnackte Frauen gehen an ihm vorbei. Der Dreiundvierzigjährige sagt, er wolle gar nicht wissen, was passiere, wenn es draußen erst richtig kalt werde. „Dann sind meine Mädels auf einmal alle krank, oder wie?“ Ohne tanzende Mädels keine zahlenden Gäste. Eigentlich ist die Rechnung ganz einfach.