Von Lisa Uphoff
08. Mai 2006 In seltener Übereinstimmung haben sich verschiedene hessische Institutionen, das Kultusministerium, Schulen und das Frankfurter Schuldezernat gegen die verpflichtende Einführung von Schuluniformen ausgesprochen. Das sei kein Mittel der Integration, hieß es unisono zu dem Vorschlag von Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD), die die Uniformierung ins Gespräch gebracht hatte.
Hintergrund ihres Vorstoßes war die Debatte darüber gewesen, ob muslimische Mädchen verschleiert zur Schule kommen dürfen. In Bonn waren vor kurzem zwei muslimische Schülerinnen vom Unterricht suspendiert worden, weil sie mit sogenannten Burkas, die den gesamten Körper samt Kopf bedecken, zur Schule gekommen waren.
Im Kultusministerium in Wiesbaden hieß es, das hessische Konzept der eigenständigen Schule beinhalte die Möglichkeit der internen Schulvereinbarung und damit auch die eigenverantwortliche Einführung von Schuluniformen. Allerdings müßten dafür alle Schüler zustimmen, auch gäbe es keine Möglichkeiten der Sanktionierung für unwillige Schüler, sagte Ministeriumssprecher Christian Boergen.
Marken- und Mode-Terror
Als Mittel der Integration taugten Schuluniformen ohnehin nicht. Die Glaubensfreiheit stehe per Verfassung über jedem Schulgesetz. Die Schuluniform schließt das Kopftuch nicht aus, so Boergen, ein Tuch werde schließlich oberhalb des Kragens getragen. Burkas hingegen seien ohnehin als Vollverkleidung verboten.
Nach den Worten des Ministeriumssprechers steht Kultusministerin Karin Wolff (CDU) der Einführung von Schuluniformen grundsätzlich skeptisch gegenüber. Zwar würde damit eine Einheitlichkeit der Kleidung erreicht, zur Unterscheidung könnten die Schüler dann aber Uhren oder anderen Schmuck nutzen.
Für eine bessere Integration seien Schuluniformen keine Hilfe, findet auch Michael Damian, Sprecher der Frankfurter Schuldezernentin Jutta Ebeling (Die Grünen). Das Dezernat würde allerdings ein Modellprojekt an einer Frankfurter Schule unterstützen, um endlich empirisch belegte Fakten zu erhalten. Bisher gebe es diese nicht, auch wenn an zwei Wiesbadener Schulen schon seit einiger Zeit Uniformen getestet würden. Eine einheitliche Kleidung könne möglicherweise gegen den Marken- und Mode-Terror helfen, das Gemeinschaftsgefühl stärken und soziale Spannungen abbauen, so Damian weiter.
Handy ist das entscheidende Statussymbol
Andererseits habe die Schule auch den Auftrag, das Selbstvertrauen der Schüler zu stärken - statt Probleme per Uniform zu kaschieren. Im übrigen würden die Schwierigkeiten mit Uniformen nur verlagert: Schon heute ist eigentlich das Handy das entscheidende Statussymbol.
Für Karin Hechler, Leiterin des Frankfurter Schillergymnasiums, ist der Markenwahn ihrer Schüler nicht das entscheidende Problem. Gerade die Jungs neigten inzwischen zu in Schlampigkeit endendem Understatement, manche Mädchen müßten dagegen wegen der Zurschaustellung von zuviel Haut nach Hause geschickt werden. Generell habe sie aber das Gefühl, daß jungen Leute ohnehin eine Art Uniform trügen: 98 Prozent der Schüler kleiden sich fast identisch. Viel mehr Sorgen bereitet Hechler der Schlankheitswahn der Mädchen - und der sei nicht durch einheitliche Kleidung zu heilen.
Auch beim Landeselternbeirat glaubt man, daß die Einübung von Toleranz und eine Wertediskussion mehr bewirken können als Uniformen. Sie seien nicht integrationsfördernd, sagte der stellvertretende Beiratsvorsitzende Walter Planz. Ebenso skeptisch sind Ullrich Kinz, Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes Hessen, und der Landesvorsitzende der GEW, Jochen Nagel. Unterschiede mit Uniformen zuzudecken ist keine Lösung bei Integrationsproblemen, sondern nur ein Eingeständnis mangelnder Bereitschaft und Ideen, eine wirkliche Integration zu betreiben, findet der Gewerkschafter. Auch zur Nivellierung von sozialen Unterschieden tauge Einheitskleidung nicht unbedingt. Der Marken-Terror sei ein gesamtgesellschaftliches Problem, das bei den Eltern mit der Wahl des Autos als Statussymbol beginnt.
Text: F.A.Z., 09.05.2006
Bildmaterial: AP