Im Frankfurter Nordend

Ein Wochenmarkt wird zum Event

Von Petra Kirchhoff

17. Juli 2008 Freitag, Feierabend, Friedberger Platz - das sind die drei magischen "F" im Nordend. Vor allem, wenn die Sonne scheint. Dann strömen die Frankfurter zum Wochenmarkt auf den Friedberger Platz, um mit Nachbarn, Kollegen, Freunden und Familie bei einem Glas Wein oder einer Flasche Bier das Wochenende zu beginnen.

Viele kommen direkt von der Arbeit, andere vom Einkaufen oder von zu Hause. Sie kommen mit Aktentaschen, Einkaufstüten und Kinderwagen. Sie haben Picknickdecken dabei, Spielzeug und Windeln zum Wechseln. Die Decken werden unerschrocken auf dem Rasenplatz ausgebreitet, auf dem morgens Hunde ihr Geschäft erledigt haben. Egal. Spätestens um sieben ist die Wiese komplett belegt. Auch auf der Mauer drumherum gibt es kaum noch ein freies Fleckchen.

Hektik gegen Acht

Dann wird es eng vorm Wurststand von Volker Döring. Und am Ausschank vom Weingut Rollanderhof ploppen nonstop die Korken. Zu Spitzenzeiten sind hier 17 Personen im Einsatz, der Umsatz auf dem Friedberger Platz übersteige inzwischen den des Freitagsmarktes vor der Börse, sagt Anja Mänz-Weyerhäuser vom Rollanderhof.

Je später der Abend - verkauft werden darf nur bis acht Uhr - umso größer das Gedränge. Kurz vor Schluss werden alle hektisch und fahren die Ellenbogen aus. Jeder will noch einen letzten Schluck ergattern. Denn gegen Marktende, wenn es gerade am schönsten ist, haben die meisten noch keine Lust, nach Hause zu gehen.

Mehr Wein, mehr Klohäuschen

Auf der anderen Seite bleiben viele inzwischen daheim. Ein Familienvater aus der Nachbarschaft etwa, anfangs bekennender Wochenmarkt-Fan, sagt, ihm sei der Rummel inzwischen zu groß. Außerdem habe er keine Lust, anzustehen.

Dem Veranstalter, den Frankfurter Marktbetrieben, ist das Problem bekannt. Um die Situation zu entspannen, wurde in Abstimmung mit dem Ortsbeirat je ein weiterer Wein- und Wurstverkäufer engagiert. Außerdem werden inzwischen vier statt zwei Klohäuschen freitags auf die Wiese gestellt. Ein Antrag auf feste Toiletten wurde erst kürzlich vom Magistrat abgelehnt. Das bedauert nicht nur Turhan Tutkun, Kioskchef am Platz.

„Vorher war der Platz tot“

Wer hätte das gedacht. Knapp vier Jahre ist es her, dass der Ortsbeirat 3 auf Initiative der CDU ein Konzept für einen "kleinen Wochenmarkt" auf dem Friedberger Platz in Auftrag gab. Von einem Wagnis war seinerzeit die Rede und einem Testversuch, denn der Platz, obwohl neu gepflastert und auch sonst aufpoliert, wurde nicht genutzt.

Der Wochenmarkt hat den erhofften Schwung gebracht. "Vorher war der Platz tot. Der Markt ist eine echte Bereicherung", sagt Herbert Janicke, Leiter der Marktbetriebe. Auch die Rechnung der CDU, an dieser Stelle einen "Identifikationsmittelpunkt" für das Nordend zu schaffen, ist aufgegangen. "So viel Zuspruch hatten wir nicht erhofft", sagt der Fraktionsvorsitzende Christian Falk.

„Gemütlich ist das nicht mehr“

Dabei sah es zunächst nicht danach aus. "Die ersten Monate waren ganz schön wackelig", erinnert sich Grillmeister Döring. Doch wie es so geht: Wo sich anfangs zehn zum Feierabendschoppen treffen, kommen das nächste Mal zehn hinzu, und so werden es immer mehr. "Menschen ziehen Menschen an", sagt Johann Brandt, der in seinem Tiroler Bauernstand schon so manches Stück Bergkäse am Freitagabend in mundgerechte Würfel geschnitten hat - beliebtes Schmankerl zum Wein. Brandt nimmt den Trubel gelassen, stellt aber fest: "Gemütlich ist das nicht mehr."

Ein Händler, der anonym bleiben will, beschreibt seine Unzufriedenheit mit deutlichen Worten. "Das ist kein Markt mehr, das ist ein Besäufnis." Viele seiner älteren Kunden blieben inzwischen fort, weil sie sich nicht mehr wohlfühlten. Sie würden angepöbelt und angerempelt.

Stimmt das Profil noch?

Anneliese Schenkel, Seniorin aus der Nachbarschaft, gehört nicht dazu. Sie lobt das "gute Miteinander von Jung und Alt". Zwischen drei und sechs gehöre der Platz den Älteren sowie Müttern und Kindern, danach seien die Berufstätigen an der Reihe, und bis dahin hätten die älteren Menschen in aller Regel eingekauft. Schenkel kommt regelmäßig zum Senioren-Stammtisch beim Wurststand. "Den möchte keiner missen", sagt sie. Chef Döring hält schützend die Hand über seine Klientel. "Es ist schon so, dass es einigen Älteren zu wild geworden ist", sagt er. "Aber ich hab' gesagt: Kommt nur mal weiter."

Kritik gibt es am Demeter-Stand, einem von zwei Obst- und Gemüsehändlern auf dem Platz. "Ich bin skeptisch, ob das Profil noch stimmt", sagt ein junger Mann. Er befürchtet, dass der Ärger über Müll und Lärm irgendwann die Freude über den Platz überwiegt und die Stimmung kippt.

Beschwerden „überschaubar“

"Mich haben noch keine Beschwerden erreicht", sagt CDU-Ortsbeirat Falk. Bei den Marktbetrieben ist die Zahl "überschaubar". Geschäftsführer Janicke stellt klar: "Ohne den Verkauf von Wein und Würsten würde der Wochenmarkt nicht funktionieren. Das ist natürlich immer eine Gratwanderung." Die Markthändler reinigten den Platz in eigener Regie. Und seien auch bemüht um den Dreck auf der Wiese, obwohl sie für diesen nicht zuständig seien. Die Marktbetriebe achteten auf die Einhaltung der Schlusszeiten. "Ansonsten können wir nur an die Vernunft der Leute appellieren", sagt Janicke.

Schon viel wäre seiner Meinung nach geholfen, wenn Wiesenhocker leere Pizzaschachteln, Bierfässchen und Weinflaschen wieder einpackten. Auf der anderen Seite verlangt der Marktbetriebe-Chef Toleranz von den Anwohnern. "Wer in einer weltoffenen Stadt wie Frankfurt wohnt, muss ab und an Zugeständnisse machen." CDU-Ortsbeirat Falk meint: "Die Nachbarn wohnen an einem schönen Platz mit viel Freiraum. Dass dieser einmal die Woche auch für andere zugänglich ist, müssen sie verkraften."



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Tobias Schmitt

 
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