NPD-Demonstration in Hausen

Ein Stadtteil als Sperrgebiet

Von Florian Leclerc

Abgesperrt: Gegendemonstranten werden am Zusammentreffen mit den NPD-Anhängern gehindert

Abgesperrt: Gegendemonstranten werden am Zusammentreffen mit den NPD-Anhängern gehindert

21. Oktober 2007 „Wie am siebten Juli.“ Diese Aussage hört man oft am Samstag im Frankfurter Stadtteil Hausen. Der 7. 7., eine Schnapszahl. Das lässt sich gut merken. Schon damals, vor drei Monaten, hatte die rechtsextreme NPD in Hausen demonstriert, richtete die Polizei Blockaden ein. Der Stadtteil glich einem Sperrgebiet.

„Wie komme ich hier jetzt durch?“ Dieser Frage stellen sich viele. Hausen ist von mittags an fast vollständig abgeriegelt. Gitterabsperrungen blockieren die Straßen entlang der geplanten Route der NPD-Anhänger. Zur Frühstückszeit kreist schon der erste Polizeihubschrauber über dem Stadtteil. Das Knattern begleitet die Anwohner den ganzen Tag. „Was das wohl kostet?“, fragt ein junger Mann. „Der Steuerzahler zahlt es ja“, erhält er als Antwort.

„Wir sind hier eingesperrt“

Vormittags, auf dem Weg zum Supermarkt, stehen Polizisten an fast jeder Ecke. Über die Schlossstraße in Hausen fahren nur noch die Einsatzwagen der Polizei. Tausende Polizisten sollen im Einsatz sein, sagt ein Polizeisprecher. Genaue Zahlen nennt er nicht. Das gehöre zur Strategie. Noch kann man die Sperren überwinden. Wer sich als Anwohner ausweisen kann, wird durchgelassen. Von mittags an geht nichts mehr. „Die Straßen sind bis 21 Uhr gesperrt“, heißt es zunächst. Umleitungen gebe es nicht. „Versuchen sie es doch mal in der anderen Richtung“, lautet ein vielgehörter Ratschlag. Wo die Blockaden aufhören, wissen die Polizisten nicht. Aus ganz Deutschland sind sie im Einsatz. Ortskundig sind die wenigsten.

Die Verkehrssituation wird schnell zum Aufregerthema. Eine Frau weiß nicht, wie ihr Mann abends heimkehren soll. Anwohner können nicht mehr nach Hause. Rund 150 Autos werden im Laufe des Tages abgeschleppt. Wohl auch, weil die Parkenden nicht mehr aus dem Sperrgebiet herausgekommen sind. Einige Anwohner nehmen die Ausnahmesituation gelassen, obwohl es ihnen nicht einmal gelingt, über Umwege aus dem Stadtteil zu gelangen. „Schade, bei dem schönen Wetter kann man gar nicht in die Stadt“, sagt eine junge Frau. Ein Mann will wenigstens den samstäglichen Einkauf im Supermarkt erledigen, doch der Weg ist mittlerweile versperrt.

Andere reagieren gereizt: „Wir sind hier eingesperrt“, sagt eine Anwohnerin. Sie will zur Demonstration des Römerbergbündnisses an der Niddabrücke, die wenige hundert Meter entfernt ist. Dorthin wird sie wohl nicht mehr kommen. Denn die Straße Am Fischstein, wo die umstrittene Moschee gebaut werden soll, ist nicht passierbar.

Musik gegen Rechtsextremismus

Wie man trotz Straßensperren zur Kundgebung des Römerbergbündnisses kommen soll, fragen sich viele. So viele, dass der Server des Römerbergbündnisses, www.frankfurter-info.org, mittags vollkommen überlastet ist: Die Internetseite kann nicht mehr aufgerufen werden. Die Verkehrsgesellschaft Frankfurt veröffentlicht auf ihrer Internetseite die Ausfälle bei Bussen und Bahnen. Die Linien U6 und U7 fahren nur bis zur Bockenheimer Warte, vier Buslinien werden umgeleitet, die Straßenbahnlinie 17 endet an der Messe. Der Nahverkehr im Stadtteil kommt vollständig zum Erliegen.

Am Fischsteinkreisel formieren sich unterdessen NPD-Anhänger, wenig später halten sie dort ihre Kundgebung ab. Als der NPD-Redner Jürgen W. Gansel das Wort ergreift, regt sich Protest im benachbarten Studentenwohnheim. „Nazis raus“ wird gerufen, über eine Musikanlage läuft lautstark „Schrei nach Liebe“ von den „Ärzten“, ein Lied gegen Rechtsextremismus. Polizei dringt ins Wohnheim ein, die Musik muss abgestellt werden.

Den Ausnahmezustand, wie er am Samstag herrscht, kennen die Hausener schon. Schon am 7. Juli demonstrierten hier NPD-Anhänger, schon damals wurden aus Angst vor Vandalismus keine Bahnen und Busse mehr eingesetzt, Straßen gesperrt. Bis in die Abendstunden waren Anwohner ausgeschlossen. Davon berichtet ein junger Mann, der damals stundenlang an der U-Bahn-Haltestelle Am Industriehof ausharren musste, bis er nach Hause gehen konnte. Sollte die NPD eine dritte Demonstration in Hausen ankündigen, die Stadt den Aufmarsch nicht untersagen können, weil die NPD nicht verboten ist, würden die Hausener wohl wieder im Sperrgebiet leben: wie am siebten Juli. Und am 20. Oktober.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z. - Bergmann, F.A.Z. - Wohlfahrt, Rainer Wohlfahrt

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