25. März 2004 Wer sie nicht gleich erkennt, der hat sie schon verpaßt - die Gelegenheit, sich auf die Antike, ihre Sprachen und ihre Mythologie einzulassen, um neben dem draufgängerischen Göttervater Zeus und dem kleinen, schelmischen Bogenschützen Eros auch ihn kennenzulernen: Kairos, den flinken Kerl, dem eine prachtvolle Haarlocke in die Stirn hängt, dessen Hinterkopf aber kahl ist. Wenn der Gott des günstigen Augenblicks naht, gilt es ihn rechtzeitig beim Schopfe zu packen.
Die Zeiten, in denen die Schüler den Alten Sprachen keine Beachtung schenkten, sind vorbei. Nach Angaben des Deutschen Altphilologenverbandes hat die Zahl der Lateinschüler im vergangenen Schuljahr bundesweit um rund vier Prozent zugenommen. Hessen erlebt mit einem Plus von 17 Prozent einen regelrechten "Latein-Boom". In Frankfurt läßt er sich vor allem an den beiden humanistischen Gymnasien, dem Heinrich-von-Gagern- und dem Lessing-Gymnasium, beobachten. Insgesamt mehr als 1000 Schüler der Klassen fünf bis zehn lernen an den zwei Schulen derzeit Latein als erste Fremdsprache. Etwa die Hälfte entschließt sich, das Fach auch in der Oberstufe weiter zu belegen. Regelmäßig kommen Leistungskurse zustande, und auch wenn die Nachfrage einmal nicht so hoch sein sollte, gilt: "Jeder hat die Möglichkeit, einen Leistungskurs in Latein und Altgriechisch zu belegen." Darauf legt Schulleiter Rupert Frankerl vom Lessing-Gymnasium besonderen Wert. Zur Not wird dort - wie in diesem Schuljahr für Latein - ein "Kombi-Kurs" eingerichtet, in dem Schüler der Jahrgangsstufen zwölf und dreizehn sich gemeinsam der Lektüre antiker Texte widmen.
Gründe, Latein zu wählen, gibt es viele. Immer noch gilt das Argument, als "Basissprache" erleichtere es das Erlernen der modernen romanischen Sprachen. Außerdem setzen viele Studiengänge das Latinum oder zumindest "Lateinkenntnisse" als Zulassungsbedingung voraus. Während Latein an den humanistischen Gymnasien für die Schüler der fünften Klasse verbindlich ist, bleibt Altgriechisch ein Wahlfach. Als dritte Fremdsprache wird es in der neunten, am Lessing-Gymnasium bereits in der achten Klasse angeboten. Anders als Latein muß sich Altgriechisch somit gegen Französisch, Englisch, Informatik oder andere "Konkurrenzfächer" durchsetzen.
"Latein mag ja noch angehen, aber Altgriechisch?" Diese Frage kennt auch Dirk Bösel, Fachbereichsleiter für Altgriechisch und Latein am Lessing-Gymnasium, nur zu gut. Zeus durch Jupiter, Venus durch Aphrodite zu ersetzen - das läßt der Griechischlehrer nicht so ohne weiteres durchgehen. Wer sich die antike Welt allein durch Latein erschließen wolle, der nehme mit dem Zweitbesten vorlieb. Auch wenn alle Wege letztlich nach Rom führen, ihren Ursprung hätten sie im alten Griechenland, sagt Bösel. Für ihn liegen die Vorzüge der Sprache der alten Griechen auf der Hand: "Diejenigen, die Griechischkenntnisse vorweisen können, sind im späteren Leben ungemein gefragt." Oft falle es Gräzisten leichter, komplexe Sachverhalte zu überblicken, denn die Aneignung dieser Sprache schule das methodische und logische Denken. Nicht nur diejenigen, die mit dem Gedanken spielen, Archäologie, Theologie oder gar Assyriologie zu studieren, sollten sich mit dieser Sprache auseinandersetzen, meint Bösel. "Wer sich mit Literatur und Philosophie beschäftigt, kommt an Griechisch nicht vorbei", sagt er. "Griechisch ist ein Zwölf-Zylinder-Ferrari. Latein dagegen ein braver Sechszylinder. Einen Ferrari kann ich mir nicht leisten, aber Griechisch kann ich mir leisten", resümiert Bösel.
Auf der Überholspur ist das Fach Altgriechisch zwar noch nicht, doch das Interesse, neben Latein noch eine weitere "alte" Sprache zu erlernen, nimmt zu. An beiden humanistischen Gymnasien entscheiden sich rund 20 Schüler eines Jahrgangs für Altgriechisch. Für das nächste Schuljahr rechnet Thomas Mausbach, Schulleiter des Gagern-Gymnasiums, mit einem Anstieg der Zahl der Griechischschüler. "So stark wie noch nie" sei der Andrang in den Informationsveranstaltungen für die dritte Fremdsprache gewesen, berichtet Birgit Vollrath, die die Alten Sprachen am Gagern-Gymnasium unterrichtet. Im Gegensatz zu Latein sei Altgriechisch weniger als Sprache denn als "Kulturfach" interessant: "Die Antike begegnet uns tagtäglich." Ob im Theater, in Gemäldegalerien oder in der Werbung - überall werde die griechische Mythologie rezipiert. Die Schüler, die sich für Altgriechisch interessierten, seien einfach etwas neugieriger als die anderen, und in den Griechischklassen stießen sie auf Gleichgesinnte.
Als "eine verschworene Gemeinschaft" bezeichnet Vollrath die jungen Gräzisten, für die am Gagern-Gymnasium in jedem Jahr eine eigene Klasse gebildet wird. Das Fach zu "verkursen", hält Vollrath für falsch, denn dadurch werde den Schülern die Möglichkeit genommen, sich mit der Sprache und der Kultur zu identifizieren. Exkursionen, Theaterbesuche und gemeinsame Abende bei Retsina und Dolmades sollen nicht nur Anreiz bieten, in die griechische Kultur einzutauchen, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl im Klassenverband stärken.
In den modernen Sprachen sieht die Pädagogin Vollrath keine Konkurrenz für ihre Fächer. Ganz im Gegenteil: Um ihnen die Qual der Wahl zwischen Altgriechisch und Französisch zu erleichtern, besteht für alle Griechischschüler am Gagern-Gymnasium die Möglichkeit, in einer freiwilligen dreistündigen Arbeitsgemeinschaft Französisch zu lernen. Wie in einem Kurs werden darin Klausuren geschrieben und Noten vergeben. Nahezu alle Griechischschüler nutzen dieses Angebot. Multilinguale Abiturienten seien schon lange keine Ausnahme mehr. "Zwei Drittel unserer Schüler gehen mit fünf Sprachen aus der Schule - und das sind keine Überflieger." Sie hätten einfach Lust, Sprachen zu lernen, fügt Vollrath hinzu, und insbesondere bei Altgriechisch kämen sie auf ihre Kosten.
Gäbe es einen nationalen Wettbewerb in der Sprache Homers, so hätten die Schüler des Lessing- und Gagern-Gymnasiums bestimmt schon mehrere Preise errungen. Im Fach Latein haben sie sich schon mehrfach national, beim Bundeswettbewerb Fremdsprachen, wie international, beim Certamen Ciceronianum in Arpino, gegenüber der Konkurrenz behauptet.
Denen, die zu Schulzeiten die Alten Sprachen nicht erlernt haben, zeigt Kairos noch einmal seine Stirn: Sowohl an der Universität als auch an der Volkshochschule werden Latein- und Altgriechischkurse angeboten. Gleichzeitig erinnert der Gott des rechten Augenblicks aber auch daran, zwischen den alten und neuen Sprachen das rechte Maß zu wahren - wie Kairos selbst, der auf einem Messer eine Waage balanciert.
SIBYLLE BAUMBACH
