Von Peter Schumacher
16. Januar 2001 Für Joschka Fischer ist der Termin vor dem Frankfurter Landgericht zu einer Begegnung mit seiner Vergangenheit geworden. Der Vorsitzende Richter Gehrke wollte es genau wissen und forderte Fischer mehrfach auf, doch genauer darüber zu berichten, wie es denn damals gewesen sei, nach 1968 in Frankfurt: Häuserkampf im Westend, Demos gegen Vietnamkrieg und Dikatur in Chile.
Ausführlich nahm Fischer Stellung zur Sponti-Szene am Main und deren Verhältnis zur Gewalt. Er wiederholte auch, selbst gewalttätig gewesen zu sein. Es sei ein Grundfehler gewesen, den Charakter dieses Staates falsch gesehen zu haben. Was wir damals getan haben, das war Unrecht, sagte Fischer.
Im Kampf um besetzte Häuser im Frankfurter Westend habe er in der so genannten Putzgruppe mitgemacht. Dieser Zusammenschluss von Szene-Mitgliedern habe sich im wesentlichen zusammengefunden, um sich gegen die Polizei zu verteidigen. Wenn es die Situation gegeben hätte, dann hätten wir auch angegriffen, sagte Fischer und distanzierte sich von seiner damaligen Haltung: Unser großer Irrtum war zu meinen, Gewalt organisieren zu können.
Keine Molotow-Cocktails im Häuserkampf
Zu den jüngsten Vorwürfen, er habe sich selbst für den Einsatz von Brandsätzen stark gemacht, erklärte er: Ich schließe aus, dass geplant worden ist, besetzte Häuser mit Molotow-Cocktails zu verteidigen. Er könne sich an keine Diskussion erinnern, in der es darum ging, dass wir jemanden intentional verletzten oder gar töten wollten.
Gehrke ließ den Außenminister an die Richterbank treten, um sich die Fotos anzusehen, auf denen angeblich er und Klein zu sehen sein sollen, wie sie einen Polizisten prügeln. An die Situation könne er sich erinnern, sagte Fischer. Er habe damals individuell entschieden, nicht wegzurennen, sondern dem Polizisten entgegen zu treten. Er sei sich allerdings nicht sicher, ob Klein dabei war. Er könnte es sein, sagte er nach einem Blick auf die Bilder.
Faszination der Gewalt
In der damaligen Situation habe es eine Faszination der Gewalt gegeben. Man habe damals die Erfahrung gemacht, dass man von der Staatsgewalt nicht zurückweichen müsse. Die Frankfurter Sponti-Szene habe aber integrativ gewirkt, auch auf ihn selbst: Ich weiß nicht, wie sich der junge Fischer entwickelt hätte, wenn es Daniel Cohn-Bendit und die ganze Szene nicht gegeben hätte.
Von terroristischer Gewalt habe er sich damals wie heute distanziert. Da sei seine Haltung immer schon völlig klar gewesen: Ich konnte beim besten Willen nicht sehen, wohin das führen sollte, außer in die Selbstzerstörung. Schon den von den späteren RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin gelegten Kaufhausbrand 1968 in Frankfurt habe er für politisch völlig unsinnig gehalten.
Von Terror nichts mitbekommen
Den Angeklagten Hans-Joachim Klein habe er gemocht als Mensch. In Theoriediskussionen sei Klein jedoch eindeutig strukturell unterlegen gewesen, er habe den Debatten nicht immer folgen können. Er hat immer sehr aktionistisch argumentiert.
Von Kleins Kontakten zu Unterstützergruppen der Terrorszene wie der Roten Hilfe habe Fischer jedoch nichts mitbekommen. Von der Existenz der Revolutionären Zellen (RZ), in deren Reihen Klein aktiv war, habe er nichts gewusst.
Schockiert über Opec-Attentat
Von dem Attentat auf die Opec-Konferenz habe er aus der Bild-Zeitung erfahren, Klein jedoch nicht sofort auf dem Foto erkannt. Er sei schockiert gewesen über den Terror-Akt. Als Klein untergetaucht war und sich vom Terrorismus losgesagt hatte, habe er keinen Kontakt mehr mit ihm gehabt. Wenn er sich bei mir gemeldet hätte, dann hätte ich versucht, ihm zu helfen.
Zu Vorwürfen, die der an dem Opec-Anschlag beteiligte Terrorist Carlos erhoben hatte, Fischer habe in seiner Wohnung Waffen gelagert, antwortete der Außenminister: Das ist grotesk. In seinem Umfeld habe es keine Waffen gegeben.
Text: @ps
Bildmaterial: dpa, FEM