Von Thomas Thiel
31. Mai 2006 Auf der einen Seite des Campus Westend ist es verdächtig laut, auf der anderen verdächtig still. Doch die unterschiedlichen Geräuschpegel sollen sich bald angleichen. Auf dem Vorplatz des Universitätsgebäudes haben sich am Dienstag mittag rund 1000 Studenten zu einer weiteren Vollversammlung eingefunden. Die mittlerweile gewohnt klingenden Reden fordern einen Stopp der Studiengebühren, eine Resolution klagt die Polizei für ihr brutales Vorgehen bei der Autobahnblockade an. Von der Balustrade hängt ein Plakat: Rudi, wir sind da, wo Du bist.
Rudi, gemeint ist Universitätspräsident Rudolf Steinberg, befindet sich zu diesem Zeitpunkt im rund 500 Meter entfernten Casino des Campus Westend, wohin die Universitätsleitung zum ersten Science Day geladen hat. Vier interdisziplinär arbeitende und international vernetzte Vorzeige-Einrichtungen der Universität sollen sich der Öffentlichkeit vorstellen: das House of Finance, das Zentrum für interdisziplinäre Afrika-Forschung, das Zentrum für Arzneimittelforschung und das Frankfurt Institute for Advanced Studies.
Steinberg stellt sich nicht zum Gespräch
Vor rund 50 Gästen sprechen Steinberg und der Präsident der Frankfurter Industrie- und Handelskammer, Joachim von Harbou, einleitende Worte. Die Begriffe, die Harbou dabei gebraucht, sind exakt diejenigen, die den rund 500 Meter entfernt stehenden Studenten am wenigsten gefallen. Die deutsche Universität stehe am Beginn eines gewaltigen Veränderungsprozesses, sagt Harbou. Dem Humboldtschen Bildungsideal müsse man Adieu sagen. Inzwischen hat sich ein Protestzug vom Hauptgebäude zum Casino in Bewegung gesetzt.
Er hoffe, daß der erste nicht der einzige Science Day bleibe, schließt Harbou seine Rede und weiß in dem Moment noch nicht, daß selbst dem ersten Wissenschaftstag ein frühes Ende beschieden sein wird. Kaum haben die Vertreter des Afrika-Institutes mit ihrem Vortrag begonnen, werden die Türen aufgerissen, die Studenten strömen ein, besetzen das Podium, werfen mit Blumendekor und Flyern um sich und beginnen, die Stühle aufeinanderzustapeln. Bald sieht es aus wie am Morgen nach einer rauschenden Ballnacht. Präsident Steinberg ist da längst nicht mehr anwesend.
Veranstalter brechen Science Day ab
Angesichts des Durcheinanders bleibt den Veranstaltern keine Wahl, als den Science Day abzubrechen. Die Demonstranten ziehen weiter in Richtung Innenstadt und blockieren stundenlang den Verkehr. Ein Mitglied der Freunde und Förderer der Universität wundert sich, daß die Studenten sowenig Verständnis für eine Veranstaltung zeigten, die eigens für ihre Belange organisiert worden sei. Mit Blick auf die herumliegenden Zettel fügt er sarkastisch hinzu: Wenigstens die Flyer des Science Day sind alle verteilt.
Text: F.A.Z., 31.05.2006
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