Kokainsucht

Zum Schnupfen auf die Büro-Toilette

30. März 2005 Fast nebenbei erwähnt er es, aber der Satz fällt mehrmals: "Mein Kind ist gestorben." Ohne Pause, als wolle er Nachfragen vermeiden oder sich selbst keine Sekunde gestatten, in der der Schmerz die Oberhand gewinnen könnte, redet der Zweiunddreißigjährige im selben Tonfall weiter: "Und damals war ich oft mit Jungs zusammen, die haben konsumiert." Damit meint er, daß in seiner Umgebung oft Kokain geschnupft wurde. Aus Neugier habe er den Stoff zum ersten Mal probiert, berichtet er lapidar. Erst einige Minuten später sagt er beinahe beiläufig noch einmal: "Mein Kind ist gestorben", und dann: "Mit sechs Monaten. Da war mir alles scheißegal, ich war an einem Tiefpunkt."

Kurt Ziller (Name geändert) ist trotz seiner Sucht nicht auf der Straße gelandet. Als Selbständiger verdient er gut, er arbeitet gerne und viel und lebt mit seiner Freundin zusammen. Die Branche, in der er tätig ist, möchte er nicht nennen. Doch ist Ziller sicher, daß Kokain in Deutschland eine immer größere Rolle spielt - und zwar in allen Gesellschaftsschichten. Er selbst habe immer nur abends oder am Wochenende gesnieft und nie im Büro "eine Nase genommen". Doch das ist seiner Ansicht nach gang und gäbe. "Da muß man doch nur mal mit der Hand über die Toilettendeckel in großen Büros fahren, dann sieht man die Spuren von weißem Pulver." Weil ein fester Untergrund bevorzugt wird, um eine Linie zu legen, sind Toilettendeckel nach Schilderungen von Konsumenten besonders beliebt - schließlich sniefe niemand öffentlich an seinem Schreibtisch.

Speziell an Menschen, die Kokain nehmen, aber sozial noch integriert sind, richtet sich ein von der Stadt Frankfurt finanziell gefördertes Projekt des Suchthilfeverbunds "Jugendberatung und Jugendhilfe". Der Psychologe Frank Gottschalk bewertet die Erfahrungen mit der im Juli 2004 begonnenen ambulanten Abstinenztherapie für Kokainabhängige als vielversprechend. Die meisten Projektteilnehmer hätten sich nach ersten Informationen über körperliche und psychische Wirkungen des Kokainkonsums für eine längere Behandlung entschieden, um von der Droge loszukommen.

"Für mich ist das hier erfolgreich. Ich will so schnell nicht wieder weg", sagt Ziller, der regelmäßig Gruppen- und Einzelgespräche im Suchthilfe-Zentrum Bleichstraße wahrnimmt. Diese Termine hätten eine wichtige Kontrollfunktion. Es wäre ihm peinlich, zugeben zu müssen, "daß ich doch wieder was genommen habe". Aber das ließe sich auch nicht verheimlichen und würde spätestens bei einer Urinkontrolle auffallen. Der Zweiunddreißigjährige wertet es schon als Erfolg, daß er nur noch gelegentlich Kokain nehme, vielleicht ein- oder zweimal im Monat.

Ein Jahr lang habe er "hart konsumiert", 50000 Mark allein für Drogen ausgegeben, anschließend zwei Jahre überhaupt keinen Stoff angerührt. Aber dann sei er doch wieder rückfällig geworden. "Es ist, als würde man plötzlich einen Schalter umlegen. Man wacht plötzlich morgens auf, denkt an Kokain, und es geht einem nicht mehr aus dem Kopf." Natürlich habe man ein schlechtes Gewissen und rede sich in Selbstgesprächen ein: "Du darfst nicht. Du darfst nicht." Aber schließlich hole einen die "Sucht nach dem geilen Gefühl" wieder ein. Nach einem Gramm Kokain, über den Abend verteilt, sei er trotz eines erschöpfenden Arbeitspensums wieder fit gewesen und habe die Nacht durchmachen können. Von anderen wisse er, daß sie die Drogen brauchten, um tagsüber besser arbeiten zu können. Gottschalk nennt das Kokain "Kraftverstärker".

Schwärmen die Konsumenten anfangs noch von der Wirkung des Gifts, erfährt diese Euphorie spätestens dann einen Dämpfer, wenn die ersten Depressionen und Wahnvorstellungen auftauchen: "Manchmal hätte ich morgens heulen können." Schlimmer noch waren für Ziller die paranoiden Zustände, unter denen er immer häufiger litt. "Da hängt man am Schlüsselloch, weil man sich verfolgt fühlt, sieht Dinge und Menschen, die überhaupt nicht da sind." Das war aber nur ein Grund, warum er den Drogenmißbrauch beenden wollte. Ihm war die Freundin davongelaufen, weil er sie mehrmals betrogen hatte. Und die Liebe dieser Frau wollte er zurückgewinnen.

Sechs Wochen lang hat er deshalb einmal in der Woche an den Treffen der

Abstinenzgruppe im Suchthilfezentrum Bleichstraße teilgenommen. Ziel dieser Zusammenkünfte ist es, die Teilnehmer vor einem Rückfall zu bewahren und ihnen Tips mit auf den Weg zu geben, wie sie eine Krise bewältigen können, ohne in die alten Verhaltensmuster zu verfallen. So hilft es dem einen, den besten Freund anzurufen, andere geben ihre Scheckkarte ab, damit sie kein Geld für Drogen abheben können. Schließlich wird beim Rentenversicherungsträger ein Antrag auf eine Therapie gestellt, um die Lebensveränderung zu stabilisieren.

Ziller glaubt, seinen Kokainkonsum im Griff zu haben. Er weiß aber auch, daß er es alleine nicht schafft, weshalb er das Angebot von Jugendberatung und Jugendhilfe weiterhin nutzt. Für ihn wird es nach eigener Einschätzung immer dann gefährlich, wenn er sich langweilt. Dem beugt er durch viel Arbeit vor. Und kürzlich war er mit seiner Freundin im Winterurlaub und stand zum ersten Mal in seinem Leben auf Skiern. BRIGITTE ROTH

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben

Immer mehr Infizierte: Lassen Sie sich gegen Schweinegrippe impfen?

Ergebnis
In 
Anzeigen des Monats
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche