28. Juli 2009 Ein bisschen neidisch“ ist der Kirchenmann schon, wenn er auf den Buddhismus und dessen Ausbreitung zu sprechen kommt. Der Buddhismus hat eine sehr sanfte Mission“, sagt Peter Steinacker, früherer Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Beunruhigend“ sei das nicht, fügt der Fachmann für interreligiösen Dialog hinzu. Das gehört zur Religionsfreiheit.“
In Deutschland gibt es mittlerweile 130.000 deutsche und 120.000 asiatische Buddhisten, wie die Deutsche Buddhistische Union grob schätzt. Sympathisanten und Interessenten gibt es wesentlich mehr“, so der Dachverband. Er wurde 1955 in Frankfurt gegründet und hieß zunächst Deutsche Buddhistische Gesellschaft. Seither ist die Zahl der Buddhisten gestiegen – für 1992 lag die Schätzung bei 80.000. Derzeit sind fast 60 Gemeinschaften in der Union organisiert.
Anerkennung als Religionsgemeinschaft
Auch in Frankfurt gibt es ein vielfältiges buddhistisches Leben. Zwei der größeren Organisationen, das Tibethaus Deutschland und die Pagode Phat Hue, haben gemeinsam mit der Deutschen Buddhistischen Union den Dalai Lama in die Stadt eingeladen. Vier Tage lang wird er in der Commerzbank-Arena sein, Unterweisungen“ geben und mit Wissenschaftlern diskutieren. Außer dem Tibethaus und Phat Hue gibt es viele andere größere und kleinere Gruppen im Rhein-Main-Gebiet.
Vom Besuch des Dalai Lama erhofft sich Thich Thien Son, der Abt der Pagode Phat Hue, wichtige geistliche Impulse für die Buddhisten, aber auch, dass der Buddhismus bekannter wird und Hilfe auf dem Weg zur offiziellen Anerkennung als Religionsgemeinschaft in Deutschland bekommt. Geht es nach Simone Hensel und Gisela Behr vom Tibethaus, soll von dem Besuch des Oberhaupts der Tibeter eine Botschaft des Mitgefühls, ethischen Grundsätzen der Wirtschaft und der Toleranz“ ausgehen – nicht mit missionarischem Impetus, sondern als Angebot“ für die Zuhörer des Dalai Lama.
Flucht aus Vietnam
Die beiden Frauen und der Abt arbeiten in einer gemeinnützigen GmbH mit, die eigens für den Besuch des Dalai Lama gegründet worden ist. Etwa eine Million Euro kostet die Visite – refinanziert werden die Ausgaben über die Eintrittsgelder. Die drei Organisatoren stehen für viele, die das Gesicht des Buddhismus in Deutschland ausmachen: Menschen, die christlich geprägt wurden, dann aber zum Buddhismus fanden, und solche, die diese Religion aus ihren Herkunftsländern mitgebracht haben.
Der Pagode Phat Hue, die an der Hanauer Landstraße liegt, fühlen sich dem Abt zufolge 6.000 Vietnamesen und 1.000 Deutsche sowie Angehörige anderer Nationalitäten aus dem Rhein-Main-Gebiet zugehörig. Thich Thien Son selbst floh als Zwölfjähriger mit seiner Familie aus Vietnam und wurde wie viele andere Boat people“ auf offenem Meer von der Cap Anamur“ aufgenommen.
Tibethaus in Bockenheim
Von der in Hannover ansässigen Zentrale jenes buddhistischen Zweiges, dem er angehört, wurde er mit der Gründung eines Zentrums in Frankfurt beauftragt. Seit 2002 ist er dort tätig – zunächst hatte er seinen Sitz in einem Büroraum, später zog er um in die jetzige Niederlassung, eine frühere Druckerei. Dort leben 20 Mönche und Nonnen, etwa 60 Prozent von ihnen sind Westler“, wie der Abt sagt, 40 Prozent Asiaten. Geld verdient die Gemeinschaft vor allem in ihrem Gesundheitszentrum mit einer Vielzahl von Anwendungen. Wir wollen dort das Verhältnis von Körper und Geist ausbalancieren“, sagt Thich Thien Son. Dem Buddhismus gehe es wie dem Christentum um die Menschen. Ihnen soll es gutgehen.“ Er sieht viele Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden Religionen. Wir haben hier viele buddhistische Christen.“ Seit kurzem betreibt die Pagode auch ein Meditations- und Gesundheitszentrum im Odenwald.
Das Tibethaus an der Kaufunger Straße in Bockenheim bietet seit seiner Gründung vor drei Jahren Studien zum Buddhismus an, widmet sich der Vermittlung tibetischer Kultur und Heilkunde, veranstaltet Kurse für mehr Ausgeglichenheit und will den Dialog unter Wissenschaftlern fördern. 300 Mitglieder gehören dem Trägerverein des Tibethauses an, dessen Angebot über Spenden und Teilnehmerbeiträge finanziert wird. Der Dalai Lama ist Schirmherr der Einrichtung, deren geistlicher Leiter der tibetische Gelehrte Dagyab Rinpoche. Wie Hensel und Behr schildern, wird im Tibethaus versucht, den Buddhismus besonders in dessen Nutzen für moderne Westler“ zu lehren, ohne dass dadurch die Lehre verwässert wird“. Der Buddhismus gibt eine innere Freiheit und überlässt mir die Verantwortung für mein Tun“, sagt Behr. Und er schenkt mehr Gelassenheit, Leichtigkeit und Freude am Leben“, fügt Hensel hinzu.
Dalai Lama in Audienz kennengelernt
Der Buddhismus geht auf das Erleuchtungserlebnis von Siddharta Gautama vor gut 2.500 Jahren zurück. Gautama wurde dadurch zum Buddha, was übersetzt der Erwachte“ heißt. Zum Kern buddhistischer Lehre gehört der achtgliedrige Pfad – gemeint sind acht Verhaltensweisen, etwa jene, untadelig zu reden oder bei allem, was man tut, achtsam zu sein. Sie sollen helfen, das Leiden, das das Leben nach buddhistischer Überzeugung prägt, zu überwinden. Der buddhistische Weg ist mühsam“, sagt der evangelische Religionswissenschaftler und Buddhismus-Experte Michael von Brück. Dass der Buddhismus im Westen attraktiv ist, führt er unter anderem darauf zurück, dass das Christentum seine theologische und rituelle Sprachfähigkeit verloren hat und der Buddhismus auf Erfahrungen und nicht auf Dogmen basiert“. Außerdem sei die buddhistische Philosophie gut mit den Naturwissenschaften kompatibel.
Simone Hensel und Gisela Behr fanden vom Katholizismus den Weg zum Buddhismus. Hensel kam mit ihm auf einer Asienreise nach ihrem Abitur in Berührung. Für sie ist vor allem wichtig, wie der Buddhismus zu leben lehrt: offen, mitfühlend und achtsam“. Behr war aus Protest gegen die Lehre Papst Pauls VI. zur Empfängnisverhütung aus der Kirche ausgetreten, hat später den Dalai Lama in einer Audienz kennengelernt. Seither ist sie Buddhistin: Damals hat es ,schnipp‘ gemacht.“ Ein Effekt, den es vielleicht auch in der Commerzbank-Arena geben wird.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Anna Jockisch