Im Gespräch: Kabarettbetreiber Oktay Acet

„Türken in die Nationalmannschaft“

Von Eva-Maria Magel

24. Juni 2008 Herr Acet, Sie sind Deutscher türkischer Herkunft. Für wen drücken Sie die Daumen?

Der Bessere soll gewinnen. Ich bin nicht unbedingt protürkisch.

Woran liegt das?

Auch etwas am Nationaltrainer der Türken. Er ist sehr konservativ und trainiert die Jungs immer auf Nationalbewusstsein. So nach dem Motto: "70 Millionen Türken sind hinter euch!" Das gefällt mir nicht.

Viele Türken, die in Deutschland leben, fiebern aber doch mit der Türkei.

Wenn zwei, drei Türken in der deutschen Nationalmannschaft spielten, wären 60 bis 70 Prozent der hiesigen Türken für Deutschland.

Warum?

Das hat mit einer einfachen Regel zu tun: Wenn ich nicht dazugehören darf, dann bleibe ich lieber ich selber. Die Türken fühlen sich nicht zugehörig. Schauen Sie sich die französische Mannschaft an: Wenn zwei, drei Hamid Altintops für Deutschland spielen würden, dann könnten sich die hiesigen Türken mit der deutschen Mannschaft identifizieren.

Wie war das für Sie, als Sie nach Deutschland kamen?

Damals, mit zwölf, 13 Jahren, war ich meistens für Deutschland - weil die Türken ja bei den großen Turnieren sowieso nie dabei waren. Jetzt ist es sehr schwer, weil sie das erste Mal in einem Halbfinale gegeneinander spielen.

Glauben Sie, dass Sie noch in ein Dilemma kommen werden während des Spiels am Mittwoch?

Vielleicht beim Elfmeterschießen. Es könnte sein, dass ich dann hin- und hergerissen bin. Aber die Besseren sind die Deutschen. Ich schätze, die Chancen stehen 70:30 für sie.

Sie kennen sich da wohl aus.

Ich habe bis zur A-Jugend aktiv gespielt, in Tübingen, wo ich damals lebte.

Was sagen Sie zu dem Enthusiasmus der Türken nach den türkischen Spielen?

Ich finde das eigentlich angenehm. Solange es keine Schlägereien oder so gibt, ist das in Ordnung. Man muss auch sehen, die Türken haben ja kaum Erfolgserlebnisse gehabt im Fußball. Und diesmal geht es um eine Europameisterschaft! Wenn man an die Verhandlungen der Türkei zum EU-Beitritt denkt, versteht man das symbolische Gewicht.

Wie erklären Sie sich die Eskalationen und Schlägereien, die es gab?

Ich denke, dass die Türken sowieso sehr temperamentvoll sind. Das reicht als Erklärung natürlich nicht. Das Problem - ein soziales, das mit Bildungsmangel verbunden ist - kommt allerdings auch in der Türkei vor. Ich denke an die Istanbuler Derbys!

Muss man das so ernst nehmen?

Ob das nur für die Türken gilt, das bezweifle ich - auch Engländer und Italiener sind ja zum Beispiel dafür bekannt. Das gehört vielleicht zum Fußball dazu. Leider.

Wo sehen Sie das Halbfinale?

In Tübingen, wo ich auch studiert hab, mit alten Freunden. Wir sind eine gemischte Runde, Deutsche und Türken. Und die Leinwand ist in einer griechischen Kneipe!



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

 
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