Graduiertenschulen

Promotion mit Mehrwert

23. Juni 2008 Ingwer Ebsen und Tilla Siegel mögen sich fragen, ob die Graduiertenschule eher „Plattform“ oder „Dach“ ist. Keinerlei Zweifel hegen der Vizepräsident der Goethe-Universität und die Vorsitzende der „Frankfurt Graduate School for the Humanities and Social Sciences“ (FGS) hingegen am Erfolg der „strukturierten Promotion“.

Knapp ein Jahr nach Eröffnung der FGS zogen beide bei einem Festtag ein positives erstes Fazit. Mit der Graduiertenschule sei, so Siegel, ein „Kulturwandel“ verbunden. Nicht jeder Hochschullehrer hat das gern gesehen: Die Vereinbarung zur Promotion, eine Art Vertrag zwischen Doktorand und Betreuer, empfinden viele immer noch als Gängelband.

Mehr als 400 Doktoranden an der FGS

Nichtsdestotrotz wachsen die drei Frankfurter Graduiertenschulen, die vor einem Jahr gegründet wurden. Derzeit gehören mehr als 400 Doktoranden der FGS an, etwa ein Drittel der Nachwuchsforscher, die in den geistes- oder sozialwissenschaftlichen Fachbereichen der Uni Frankfurt eine Promotion anstreben. An der „Frankfurt International Research Graduate School for Translational Biomedicine“, kurz First, sind die Goethe-Universität, das Georg-Speyer-Haus und das Paul-Ehrlich-Institut beteiligt. In dieser Graduiertenschule sind derzeit 75 Mediziner, Chemiker, Biochemiker und Pharmazeuten tätig, die auch mit Wirtschaftsunternehmen zusammenarbeiten und Arzneimittelforschung betreiben.

Die „Otto Stern School for Integrated Doctoral Education in Natural Sciences“, kurz OSS, bildet derzeit 62 junge Naturwissenschafts-Doktoranden aus, bis Jahresende sollen 60 bis 80 dazukommen. In drei Jahren, das sehen die einen ganz streng, die anderen lockerer, sollen alle Graduiertenschüler den Doktortitel erworben haben. Gemeinsam ist den Einrichtungen auch, dass sie neben der Betreuung Sommerkurse, Reisegeld, Schulungen, Weiterbildungen und Workshops anbieten.

Schwindende Skepsis

Martina van de Sand, Geschäftsführerin der OSS, gibt zu, dass die „Verschulung“ anfangs auf Skepsis stieß. Das „Lehrlingsmodell“ von Doktorand und Betreuer werde aufgebrochen, außerdem fürchteten viele Professoren, aber auch die Doktoranden, die zusätzlichen Kurse gingen zu Lasten der Forschung. Inzwischen schwinde aber das Misstrauen. Die Zusatzangebote seien schließlich freiwillig und sollten die Berufschancen erhöhen: Sogar „Buchhaltung für Existenzgründer“ findet sich im Programm der OSS. „Viele Doktoranden ticken ganz eng.

Um ihr Projekt dreht sich die Welt – und wir wollen sie aus dieser Spirale herausholen“, sagt van de Sand. Am 3. Juli feiert die OSS das einjährige Bestehen – mit Professoren, Doktoranden und den „Young Supervisors“, also den Postdocs, die meist die Arbeitsgruppen leiten. Auch diese profitierten von der OSS, sagt van de Sand, denn sie lernten so, den Nachwuchs auf andere Art zu betreuen. 42 Prozent der Doktoranden sind Ausländer – die Universität will internationaler werden. Wie van de Sand erläutert, knüpfen die Teilnehmer durch die OSS auch Kontakte, etwa für Stellen als Postdocs im Ausland, sie reisen zu Tagungen und laden selbst Vortragende ein.

Stipendien zu beschaffen oder zu vergeben, sieht die OSS dagegen nicht als „Kernaufgabe“ an. Der Großteil der First-Doktoranden hat ein Stipendium eines Graduiertenkollegs, andere sind assoziiert und finanzieren sich aus Stellen oder Drittmitteln. First hat selbst sieben Stipendien ausgelobt und gibt Geld für Verbrauchsmittel im Labor und für Reisen. Die FGS hat seit vergangenem Jahr 51 Kurzzeitstipendien über zehn Monate sowie fünf Langzeitstipendien mit einer Laufzeit von zwei bis drei Jahren vergeben. Dotiert sind sie mit jeweils 1200 Euro im Monat. Dazu können Doktoranden jährlich bis zu 800 Euro an Reisemitteln beantragen.

Kommunikation auf Englisch

Wenige Doktoranden trauten sich zu sagen, dass sie Hilfe benötigten, so die Projektmanagerin der FGS, Kerstin Eisbrenner. Erst langsam finde hier ein „Umdenken“ statt. Aus Sicht des FGS-Geschäftsführers Helmut Brentel ist vor allem das Konzept der „Open University“ eine Besonderheit seiner Einrichtung. Internationale Kollegen zeigten sich „immer wieder erstaunt“, dass der Zugang zur strukturierten Promotion in den Geistes- und Sozialwissenschaften jedem angemeldeten Doktoranden freistehe. Bei First ist das anders, aber auch Koordinatorin Brigitte Held zieht eine positive Bilanz: „Wir sind stolz auf das Erreichte – aber wir haben so viel zu tun, dass wir nicht zum Feiern kommen.“

First, sagt Held, die selbst ohne ein solches Angebot in Biochemie promoviert wurde, sei „ein straffes Programm“, das die Teilnehmer im positiven Sinn zwinge, ihren Horizont zu erweitern. Kommuniziert wird auf Englisch, obgleich in den Graduiertenschulen auch Deutschkurse für die zahlreichen ausländischen Doktoranden angeboten werden. Das Aufnahmeverfahren ist für alle gleich: Nach der Bewerbung und einer Präsentation ihres Diplom- oder Masterthemas müssen die Kandidaten sich einem Auswahlgespräch stellen. Auf Englisch.

Verbindlicher Lehrplan

Zu 90 Prozent, so Held, stünden die derzeit 75 Doktoranden im Labor und seien mit ihrer Forschungsarbeit beschäftigt. Verbindlich für die Graduierten aber ist das „First Core Curriculum“, das in zwölf Modulen Grundfragen von Arzneimittelforschung, -entwicklung und -sicherheit behandelt, bis hin zu Patentrecht und Projektmanagement. Schließlich versteht sich die Graduiertenschule als Plattform künftiger Pharmaforscher. Gegen Ende der drei Jahre nehme die Frequenz der Kurse ab – dann sei das Zusammenschreiben der Daten wichtiger.

Ebenfalls verpflichtend sind die Kurse „scientific writing“ und „scientific presentation“. Viele Seminare, vor allem zur Arzneimittelentwicklung, seien auch bei nichtassoziierten Doktoranden heiß begehrt. Ein Phänomen, das OSS-Geschäftsführerin van de Sand ebenfalls beobachtet. Wie bei First wird versucht, flexibel zu reagieren und Kurse zu öffnen – die Mitglieder der eigenen Graduiertenschule haben allerdings Priorität.

Bei der FGS setzt man neben Kursangeboten auch auf „Selbstorganisation“, in der laut Geschäftsführer Brentel die „kreative Stärke“ der Graduiertenschule liegt. Gemeint sind damit nicht zuletzt jene Arbeits- und Forschungsgruppen, die auf Initiative einzelner Doktoranden hin entstanden sind. Ihnen stehen im Jahr bis zu 1000 Euro zur Verfügung, etwa um Gastdozenten einzuladen. Isabel Steinhardt ist in einer der drei offiziellen „Doc AGs“, der Arbeitsgemeinschaften der Doktoranden, engagiert. Vor einem Jahr begann die 28 Jahre alte Politologin, an ihrer Dissertation zu schreiben. Doch schon nach kurzer Zeit stellte sie fest, dass sie „dringend Austausch“ brauchte. Über die FGS bekam sie Kontakt zu einer anderen Doktorandin, die an einem ähnlichen Thema saß. Bis Jahresende geben in allen drei Einrichtungen die ersten Doktoranden ihre Dissertation ab. Dann werden neue Graduiertenschüler gesucht.



Text: alek./emm., F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
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