Einzelhandelskonzept

Am Ende entscheiden die Verbraucher

Von Jochen Remmert

12. Dezember 2007 Sie kamen ziemlich überraschend, die Pläne für ein neues Einkaufszentrum im Frankfurter Ostend. Auf dem Honsell-Dreieck, auf dem einst ein Kinocenter und ein Fachmarktzentrum vorgesehen waren, soll nun ein ausgewachsenes Zentrum mit „Rundum-Sortiment“ entstehen. Weniger überraschend war die Reaktion der etablierten Einzelhändler auf das Vorhaben, das in diskreten Verhandlungen zwischen der Stadt und dem Hamburger Investor schon recht weit vorangetrieben worden ist. Sie fürchten, dass der stagnierende Umsatz im Einzelhandel unter noch mehr Wettbewerbern verteilt werden wird, wenn tatsächlich ein neues Einkaufszentrum mit rund 35.000 Quadratmeter Fläche entstünde.

Es fehlt der Stadt offenkundig an Kriterien, mit denen geplante neue Einkaufszentren bewertet werden könnten. Die im Jahr 2003 mit großer Geste vorgelegte Studie zum Einzelhandel, die mehr Läden in den Stadtteilen und ein hochwertigeres Angebot für die Innenstadt forderte, ist schon fast vergessen. Kein Wunder, dass die schwarz-grüne Koalition stumm geblieben ist, als die neuen Planungen für das Honsell-Dreieck vorzeitig bekannt wurden. In diesem Jahr werde die Stadt wohl nicht mehr darüber entscheiden, unter welchen Auflagen das Einkaufszentrum Honsell-Dreieck genehmigt werden könnte, sagt Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU). Auch die Fraktion der Grünen hält sich bedeckt.

4000 Euro Umsatz je Quadratmeter

Offenbar ist ein von der Stadt neu in Auftrag gegebenes Gutachten zur Bebauung des Honsell-Dreiecks dazu geeignet, die Befürchtungen der etablierten Einzelhändler zu nähren. Denn die Untersuchung hat dem Vernehmen nach gezeigt, dass in den Sparten Drogerie und Parfümerie sowie bei Lebensmitteln der Druck auf den vorhandenen Einzelhandel zunähme, wenn im Osten ein Einkaufszentrum ohne Branchenbeschränkung entstünde. Veröffentlicht werden soll das Gutachten nicht. Vom planerischen Vorgehen der Stadt enttäuscht, will Frank Albrecht, Präsident des hessischen Einzelhandelsverbands, nun seinerseits ein Gutachten in Auftrag geben. Es solle belegen, dass ein Einkaufszentrum am Honsell-Dreieck „so gar nicht genehmigungsfähig ist“, wie Albrecht sagt. Wann dieses Gutachten vorliegen wird, ist noch offen.

Im Fall des Honsell-Dreiecks erhält Albrecht Unterstützung aus Offenbach. Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) hat unlängst dem Frankfurter Planungsdezernenten geschrieben, er möge - wie sich das für gute Nachbarn gehöre - die Stadt Offenbach näher über die Planungen informieren. Für Schneider steht außer Frage, dass ein Einkaufszentrum an dieser Stelle für eine zusätzliche Verkehrsbelastung auf dem Kaiserlei-Kreisel führte. Dass ein Einkaufszentrum auf dem Honsell-Dreieck viele Offenbacher in die Nachbarstadt locken könnte, glaubt Schneider dagegen nicht. Er traut dem Neubau des Kaufhauses Offenbach/Main-Mitte - kurz „Komm“ genannt - größere Anziehungskraft zu. Gleichwohl hält es Schneider für notwendig, dass sich beide Städte in ihren Bemühungen, die Innenstädte zu stärken, unterstützen.

Noch deutlicher wird Georg Lackner, der das Nordwest-Zentrum in Frankfurt im Auftrag des Investors Josef Buchmann managt, in seiner Kritik an der Informationspolitik der Stadt. Für ihn steht außer Zweifel, dass angesichts der allgemeinen Konsumzurückhaltung jeder zusätzliche Quadratmeter Handelsfläche an anderer Stelle für Umsatzeinbußen sorge. Es sei zwar zutreffend, dass großzügigere Präsentationsformen im Einzelhandel mehr Fläche für die gleiche Menge an Waren nötig machten. Der Flächenzuwachs im deutschen Einzelhandel sei damit allein aber nicht zu erklären. Ein massiver Verdrängungswettbewerb sei im Gange, der auch mit Hilfe der Flächenexpansion geführt werde. Am Ende müsse jeder Einzelhändler je Quadratmeter und Jahr mindestens 4000 Euro Umsatz erwirtschaften. Auf Dauer sei das die Untergrenze.

Zentren auf Expansionskurs

Zum Zuwachs an Einzelhandelsflächen im Frankfurter Raum hat allerdings auch das Nordwestzentrum vor wenigen Jahren in erheblichem Maß beigetragen - im Zuge eines Ausbaus wurde die Kapazität von 55.000 auf rund 90.000 Quadratmeter gesteigert. Und das Zentrum ist nicht das einzige in und um Frankfurt, das gewachsen ist oder wachsen soll: Branchenriese ECE, der das Main-Taunus-Zentrum, das Hessen-Center und das Isenburg-Zentrum betreibt, will alle drei Zentren zu erweitern. Das Isenburg-Zentrum wird um 5000 auf 43.500 Quadratmeter erweitert. Im Hessen-Center soll eine Flächenoptimierung 2000 zusätzliche Quadratmeter bringen, was dann zu einer Gesamtfläche von 38.000 Quadratmetern führte. Im Main-Taunus-Zentrum soll die Fläche schließlich von 79.000 auf 91.000 Quadratmeter wachsen. Dagegen hat die Stadt Frankfurt allerdings inzwischen Einspruch vor Gericht erhoben. Eine Entscheidung steht in diesem Streit noch aus.

Was die Einschätzung der Pläne für das Honsell-Dreieck betrifft, hält sich ECE zurück. Negative Auswirkungen auf den bestehenden Einzelhandel seien sicher auszuschließen, wenn man ein besonderes Konzept für das Zentrum anzubieten habe. ECE denkt an die eigenen Pläne für das Urban Entertainment Center (UEC) in der Nähe des Messegeländes im Frankfurter Westen, über das seit fast zehn Jahren heftig gestritten wird. Dort werde das Unterhaltungsangebot für überregionale Kundschaft sorgen, womit negativen Wirkungen auf den vorhandenen und innerstädtischen Einzelhandel nicht zu erwarten seien, so die ECE. Diese Einschätzung teilt Einzelhandelspräsident Albrecht ganz und gar nicht. Deswegen kämpft er - gemeinsam mit einflussreichen Stadtverordneten von CDU und Grünen - seit Jahren entschieden gegen das UEC, für das die ECE zuletzt rund 40.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche gefordert hat.

Von zu viel „Schutzzäunen“ hält Frankfurts neuer Wirtschaftsdezernent Boris Rhein (CDU) nach eigenem Bekunden nichts. Zum Projekt am Honsell-Dreieck will er sich zurzeit - wegen der laufenden politischen Beratungen - nicht näher äußern. Dem Grundsatz nach hält er es aber für besser, wenn Angebot und Nachfrage regelten, welche Geschäfte sich wo ansiedeln und halten.

„Frankfurt Hoch Vier“ findet Beifall

Sogar Albrechts Gnade findet dagegen das neue Einkaufszentrum im Gebäudekomplex „Frankfurt Hoch Vier“ an der Zeil, in dem rund 35.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche geplant sind und das im übernächsten Jahr fertiggestellt sein soll. Dieses Projekt, so wird er nicht müde zu betonen, nütze auch den Anrainern, weil dadurch mehr Besucher ins Zentrum gelockt würden, woran schließlich allen - nicht nur den Einzelhändlern - gelegen sein müsse, die es mit der Rettung des innerstädtischen Lebens ernst meinten.

Sicher ist allerdings, dass auch die Kunden, die dereinst auf dem ehemaligen Telekom-Gelände „shoppen“ gehen, den Euro nicht zweimal ausgeben können. Sie werden ihn vielmehr dort lassen, wo Angebot und Preise besser sind oder das Einkaufen einfach bequemer, schneller und angenehmer ist. Für manch einen könnte das eben auch in einem Einkaufszentrum am Honsell-Dreieck der Fall sein.



Text: F.A.Z., 12.12.2007, Nr. 289 / Seite 39
Bildmaterial: Marcus Kaufhold

 
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