Tabakverbot

Die Revolution der Raucher bleibt aus

02. Oktober 2007 Nina Hofmann will gar nicht geschützt werden. Für die Bedienung im „Römer Bembel“ ist das hessische Nichtraucherschutzgesetz, das seit seit dem 1. Oktober in allen Kneipen gilt, ein Gesetz zum Abgewöhnen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Erst drei Zigaretten hat sie heute geraucht, normalerweise kommt sie auf ein Päckchen am Tag. Beim Würstchenservieren kann sie nicht rauchen, und beim Apfelweinzapfen hinter der Theke darf sie es seit Montag nicht mehr. Auf den Holztischen des „Römer Bembel“ steht kein einziger Aschenbecher, die gesamte Gaststätte ist rauchfrei. Offiziell wird das harte Durchgreifen vor allem mit dem Schutz der nichtrauchenden Mitarbeiter begründet. „Dabei rauchen hier doch sowieso alle“, meint Hofmann.

In dem Frankfurter Lokal ist es gähnend leer, was weniger am strikten Rauchverbot als am strahlenden Sonnenschein liegt. Denn vor der Tür kann weiter gequalmt werden wie bisher. Am Biertisch pafft eine Männerrunde aus Nordrhein-Westfalen dicke Zigarren. Vom hessischen Rauchverbot haben sie erst gestern Abend erfahren. „Das Verbot ist Quatsch“, meint einer von ihnen. „Warum soll ich denn in die Kneipe gehen, wenn ich nicht mal rauchen darf?“

Wer erwischt wird, muss zahlen

Zagorka Borm von der Eisdiele „La Perla“ teilt diese Bedenken. Einige Stammgäste hätten schon angekündigt, nicht mehr zu kommen, wenn das Rauchen jetzt ganz verboten sei. Eine abgetrennte Zone, in dem laut Gesetz ausnahmsweise weiter geraucht werden darf, kann und will sie nicht einrichten. „Für die Gastronomie ist dieses Gesetz nicht gut“, sagt Borm. „Aber für die Gesundheit schon“, ruft eine ihrer Kellnerinnen aus dem Hintergrund.

Die Gastronomie hat sich auf das Rauchverbot eingestellt Auf privaten Feiern ist das Verbot schwer umzusetzen Auch die Bahnhöfe sind rauchfrei Wer raucht, muss künftig nach draußen gehen

„Die Raucher werden sich daran gewöhnen müssen, dass sie in der Minderheit sind“, sagt Klaus Diekmann von Frankfurter Ordnungsamt. Das neue Rauchverbot sei nur der vorläufig letzte Schritt in einer jahrelangen Entwicklung. „Die Raucher werden jetzt keine Revolution starten, nur weil sie auch in Kneipen nicht mehr rauchen dürfen“, meint er. Auch dass sich militante Nichtraucher jetzt massenweise als Denunzianten betätigen, hält er für unwahrscheinlich. Beim Ordnungsamt war es gestern jedenfalls ruhig. Personell wäre die Behörde für große Kontrollen auch gar nicht gerüstet.

3000 Betrieben stehen 120 Mitarbeiter der „Task-Force Sicherheit“ gegenüber. „Für die Durchsetzung des Gesetzes sind die Wirte verantwortlich“, sagt Diekmann. Das Ordnungsamt wird nur tätig, wenn es benachrichtigt wird. Wer erwischt wird, muss zahlen. Maximal 200 Euro Strafe werden für die Raucher fällig, Wirte müssen sogar mit einem Bußgeld bis zu 2500 Euro rechnen. Doch dass es wirklich so weit kommt, darf bezweifelt werden. „Innerhalb der ersten drei Monate werden wir eher freundlich auf das neue Gesetz hinweisen, statt gleich eine Strafe zu verhängen“, sagt Dieckmann.

„Auf dem Land hält sich kaum jemand dran“

Auch die Beamten werden sich im Dienst künftig an das Rauchverbot halten müssen. Im Polizeipräsidium werden die rund 2300 Beamten und Angestellten künftig in die Innenhöfe verbannt. Schwieriger zu handhaben ist das Thema Rauchen hingegen künftig in Vernehmungen, wie Polizeisprecher Jürgen Linker sagt. Früher habe man dem Verdächtigen bei stundenlangen Verhören quasi zur Beruhigung wie selbstverständlich eine Zigarette gegönnt. Nun sei dies nicht mehr so einfach. Rigoros verbieten will Linker die Qualmerei während der Vernehmungen aber nicht.

„Wenn es im Sinne der Strafverfolgung ist, muss es auch Ausnahmen geben.“ Solange es keinen Kläger gibt, wird auch beim Rauchverbot niemand bestraft. Soziale Kontrolle sei zwar wünschenswert, funktioniere aber oft nicht, meint Dirk Witschen. Er kommt aus Meppen in Niedersachsen und genießt die letzten Strahlen der Frankfurter Oktobersonne auf der Dachterrasse der Zeilgalerie. In seinem Bundesland gilt das Rauchverbot schon seit Anfang August. „Auf dem Land hält sich da kaum jemand dran.“ Erst kürzlich hat Witschen in einer großen Halle Oktoberfest gefeiert. „Da wurde überall geraucht.“

Matthias Iffert, Wirt von „Mogk’s Bier-stubb“ in Sachsenhausen, hat bis zuletzt gekämpft, um das neue Gesetz zu verhindern. Vor wenigen Wochen hatte er noch ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht Raucherkneipe“ im Fenster hängen. Nach heftigem Protest von Nichtrauchern hat er es abgehängt. In seiner 60-Quadratmeter-Kneipe ist kein Platz für ein Raucherseparée. „Normalerweise ist montags die Theke voll“, sagt Iffert. Heute sitzen nur wenige Männer an Biertischen und würfeln. Alle sind Nichtraucher. Iffert hofft, dass das Gesetz noch gekippt wird.

Dampf ablassen

Womöglich keine unbegründete Hoffnung. Denn nicht nur der Gaststättenverband läuft Sturm dagegen, auch bei Gericht gibt es viele rauchende Kritiker der neuen Regelung. In den für die Öffentlichkeit zugänglichen Teilen der Frankfurter Justizgebäude hat sich in den vergangenen Jahren ein System der Raucher- und Nichtraucherzonen bewährt. In den Dienstzimmern war erlaubt, worauf sich die Beschäftigten geeinigt hatten. Nach dem Nichtraucherschutzgesetz ist der blaue Dunst nun grundsätzlich verboten und verbannt in einige wenige Räume, von denen gestern kaum jemand wusste, wo sich sich befinden.

Sie sind auch nur für Justizbedienstete gedacht. Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Zeugen, Sachverständige, Angeklagte, Justizwachtmeister und andere, die sich vom Laster nicht trennen können, versammelten sich daher meist vor den neuen Designer-Aschenbechern aus rostfreiem Edelstahl, die im Freien aufgestellt sind. Die rasche Zigarette zwischendurch war bei spätsommerlichem Wetter noch kein Problem. Nicht wenige Juristen ließen außer dem Tabakqualm auch Dampf ab und prophezeiten dem neuen Gesetz wegen seiner sturen Rigidität keine lange unveränderte Zukunft.



Text: bayl./isk./tk., F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, ZB

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