Von Katharina Iskandar
02. April 2008 Die drei Männer stehen am Kaisersack, lässig gegen einen Straßenpfosten gelehnt. Sie sind jung, höchstens zwanzig Jahre alt, tragen Baseballkappen zu Cargohosen und aufgeplusterten Jacken, die sie kräftiger aussehen lassen, als sie sind. Irgendwann streckt einer von ihnen drei Finger aus und sagt: Ich will drei. Dann geht er, während der andere zum Telefon greift. Gemeint sind drei Gramm Kokain. Vielleicht auch Heroin, Haschisch oder Khat. Der Mann, der offenbar nicht süchtig ist, wird das Rauschgift nicht selbst konsumieren. Er wird es kaufen, strecken, weiterverkaufen. Am Ende des Tages hat er rund 400 Euro verdient.
Abnehmer gibt es in Frankfurt genug. Allein in den Konsumräumen der Drogenhilfseinrichtungen waren im vergangenen Jahr 3525 Abhängige registriert. Die Dunkelziffer, sagt die Polizei, sei weitaus höher. Einige dieser nicht registrierten Abhängigen stehen jeden Tag auf dem Bahnhofsvorplatz herum. Telefonnummern von Händlern brauchen sie nicht, weil sie den Stoff immer einfach so auf der Straße bekommen, wie sie sagen. Obwohl die offene Drogenszene seit Einrichtung der sogenannten Konsumräume in den neunziger Jahren aus dem Stadtbild weitgehend verschwunden ist, ist das Bahnhofsviertel nach wie vor der Haupthandelsplatz. Die Käufer kommen längst nicht mehr nur aus dem gesamten Rhein-Main-Gebiet, sondern auch aus Süddeutschland angereist - weil das Rauschgift in Frankfurt günstiger ist als in ihrer Region. Ein Gramm Heroin bekommt man für 20 Euro, die gleiche Menge Kokain für 30. Die Zeiten, sagt einer der Wartenden am Kaisersack, sind allerdings rauher geworden. Nicht von jedem darfst du kaufen.
Starke Hierarchie in der Händlerszene
Tatsächlich haben sich in der Drogenszene die Strukturen in den vergangenen Jahren verfestigt. Nach Ansicht von Streetworkern gibt es eine starke Hierarchie. In den Drogeneinrichtungen der Stadt spricht man sogar von einer geheimen Szenestruktur, die schwerer denn je zu greifen sei. Einige Insider sprechen auch von mafiaähnlichen Strukturen, die sich durch alle Händlerebenen ziehen und immer schwerer zu durchschauen sind.
Es gibt starke Rivalitäten zwischen einzelnen Ethnien, sagt Polizist Uwe Roth, der seit 25 Jahren als Drogenfahnder das Milieu beobachtet. In der Regel dominiert eine Gruppe den Markt, die aber schon nach wenigen Jahren durch eine andere abgelöst werden kann. Ein solches temporäres Phänomen sei derzeit bei mazedonischen Händlern zu beobachten, die vor allem Heroin in großen Mengen in das Rhein-Main-Gebiet schleusten. Erst Ende vergangenen Jahres ist der gemeinsamen Ermittlungsgruppe von Polizei und Zoll ein Schlag gegen mazedonische Händler gelungen. 35 Menschen wurden festgenommen, 31 Kilogramm Heroin sichergestellt. Die Gruppe galt als eine der größten Heroinhändlerbanden, die in Deutschland operierten. Die Ermittler hatten mehr als 45 Verdächtige ausgemacht, die sich selbst als Firma bezeichneten und in großen Mengen Rauschgift aus Mazedonien ins Rhein-Main-Gebiet schmuggelten. In den etwa 50 Wohnungen, die die Bandenmitglieder unter anderem in Frankfurt angemietet hatten, wurde das Rauschgift schließlich gestreckt, verpackt, gelagert - und anschließend in Hessen sowie in Süddeutschland verkauft.
Afghanistan-Iran-Mazedonien-Hessen
Das Heroin bezogen die Drahtzieher nach Erkenntnissen des Zolls aus Afghanistan, anschließend wurde es über die sogenannte Balkan-Route über Iran nach Mazedonien gebracht und für rund 20.000 Euro pro Kilogramm an die Hintermänner im Rhein-Main-Gebiet verkauft. Nach dem Strecken brachte das Rauschgift den Bandenmitgliedern etwa das Fünffache. Nach Schätzungen des Zolls haben die Drahtzieher rund eine Million Euro im Monat verdient. Bemerkenswert ist nach Ansicht der Ermittler die Brutalität, mit der die Anführer der Bande vorgegangen sind. Schlugen einzelne Kuriere über die Stränge, drohte man ihnen mit Gewalt. In mindestens einem Fall sei ein Familienangehöriger eines Mitglieds gefoltert worden. Man habe den Schwager des Mannes entführt, ihn mehrere Tage lang in einen Keller gesperrt und ihm beide Hände gebrochen sowie ihn anderweitig misshandelt - als bloße Warnung.
Nach Ansicht der Polizei ist dieser Fall exemplarisch dafür, wie der Rauschgiftmarkt in Frankfurt derzeit funktioniert: Er ist fest in mazedonischer Hand. Da Mazedonien kein EU-Land ist, besorgen sich die Täter gefälschte Pässe aus Bulgarien, weswegen sie in der Polizeistatistik als mazedonisch-bulgarische Tatverdächtige auftauchen. Nach Angaben des Landeskriminalamts Hessen (LKA) hat sich die Zahl der Mitglieder mazedonisch-bulgarischer Tätergruppen in den vergangenen drei Jahren versechsfacht. Das LKA spricht in seinem Bericht zum lokalen Rauschgifthandel von einer sehr deutlichen Konzentration dieser Tätergruppen in Frankfurt und Offenbach, dort seien sie vornehmlich tätig im Straßenhandel mit Heroin. In Frankfurt hat die gemeinsame Ermittlungsgruppe von Zoll und Polizei im Jahr 2006 126 dieser Täter festgenommen, im Jahr zuvor waren es 179 mit mehr als 50 Kilogramm Heroin.
90 Kuriere im Jahr 2007 am Flughafen geschnappt
Allerdings hält Mazedonien nur als Transitland her. Rauschgifthandel entsteht überall dort, wo die politische Situation als instabil bezeichnet werden kann, sagt Drogenfahnder Roth. In wenigen Monaten schon könne eine ganz andere Ethnie den Markt beherrschen. Die Drahtzieher beobachteten, in welchen Regionen dieser Erde sich Gelegenheiten ergeben, dort eine Struktur aufzubauen, dann werde diese Handelsroute ausprobiert. Einheimische würden als Kuriere angeworben. Wenn jemand zu Hause 80 Euro im Monat verdient und für einen Drogentransport von seinem Heimatland nach Deutschland 5000 Euro verdient, dann ist das für diese Menschen durchaus ein Anreiz.
So wie für die fünf Männer, die im Mai vergangenen Jahres festgenommen wurden, weil sie 15 Kilogramm Heroin im Auto aus Bulgarien nach Frankfurt eingeführt hatten und bei einer Kontrolle aufgeflogen waren. Das Rauschgift war in einem präparierten doppelten Boden des Fahrzeugtanks versteckt. Beim Straßenverkauf käme der Wert des Stoffes auf etwa 1,25 Millionen Euro. Ein Großteil, so vermuten die Ermittler, war für den regionalen Markt bestimmt. Ähnliche Erfolge verbuchte der Zoll am Flughafen: Dort wurden in den vergangenen Jahren große Mengen Rauschgift sichergestellt. Allein 2323 Aufgriffe registrierte der Zoll im vergangenen Jahr - wobei Kokain mit einer halben Tonne den größten Anteil ausmachte. Etwa die Hälfte aller knapp 90 Kuriere, die 2007 am Flughafen wegen Verdacht des Drogenschmuggels festgenommen wurden, waren Bodypacker, meist aus Westafrika. Sie hatten das ursprünglich aus Südamerika stammende Rauschgift in zum Teil streichholzschachtelgroßen Kapseln in ihrem Körper versteckt und nach Deutschland geschleust. Allein 2007 schmuggelten sie 28 Kilogramm Kokain ins Land - ebenfalls zum Teil für die hiesige Szene bestimmt.
Neue Geschäftsmodelle auf dem Markt
Auswirkungen auf das Frankfurter Milieu haben diese Fahndungserfolge jedoch kaum. Die Täter finden andere Vertriebswege, sagt Hans-Jürgen Schmidt von der Zollfahndung. Wenn sie merken, dass wir vermehrt Autokurieren auf die Schliche kommen, nutzen sie transeuropäische Busverbindungen. Und auch beim Kokainschmuggel haben die Tätergruppen umgedacht und schleusen das Rauschgift inzwischen vermehrt in kleinen Paketsendungen ins Land. Was die Drogenfahnder jedoch beobachten, sind neue Geschäftsmodelle auf dem Markt. Um Konkurrenten zu verdrängen und Kunden an sich zu binden, wird das Rauschgift zu Dumpingpreisen angeboten.
Die Polizei will zwar nicht von einem Drogenkrieg sprechen, nennt es aber etwas neutraler Rabattschlachten unter den unterschiedlichen Gruppierungen. Wie im Einzelhandel lockten sie mit Angeboten: Kauft man zwanzig Gramm, bekommt man eins geschenkt. Zudem hat der Stoff einen relativ hohen Reinheitsgrad und gute Qualität. Das Rauschgift kommt inzwischen in der ersten oder zweiten Qualitätsstufe in das Land, zum Teil mit einem Reinheitsgehalt von 80 Prozent. Der Endkonsument bekomme dann immer noch einen Stoff mit einem Gehalt von bis zu 14 Prozent, sagt Roth. Früher waren es manchmal gerade einmal drei, und als Streckmittel wurde Mauerputz benutzt.
Die Folgen dieser neuen Qualitätsoffensive beobachten vor allem Mitarbeiter der Drogenhilfseinrichtungen kritisch. In den vergangenen Wochen hat es mehrere Notarzteinsätze in den diversen Konsumräumen gegeben, da die Abhängigen das reine Heroin nicht vertragen haben, wie zu hören war. Der Körper reagiere wie auf eine Überdosis. Seitdem kursieren im Bahnhofsviertel Gerüchte, dass Scheiß verkauft werde. Die Konsumenten sind - sofern sie es sich aussuchen können - vorsichtig geworden.
Drogennest in Rödelheim
Nach Ansicht Roths wird der Kampf gegen Rauschgifthandel und Kartelle immer einer bleiben, den man nicht gewinnen, wohl aber kontrollieren kann. Gerade am Wochenende wurden wieder zehn Personen festgenommen; zwei davon hatten verschiedenste Drogen in großem Stil aus einer Wohnung heraus in Rödelheim verkauft. Die zahlreichen Hilfseinrichtungen für Drogensüchtige seien wichtig für die Stadt, sagt Roth. Die Beschaffungskriminalität sei zurückgegangen, die Konsumenten aus der Illegalität herausgeholt. Roth erinnert sich ungern an die anderen Zeiten, als sich die Abhängigen in der Taunusanlage noch in aller Öffentlichkeit ihre Spritze setzten und es noch keine Hilfe gab. Bei allen Problematiken, die es heute gibt, sagt er, ist das glücklicherweise vorbei.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, Hagmann; Roger