Von Tim Kanning
14. Februar 2008 Ein bisschen lustig sieht es schon aus, wenn der Kleine mit dem Großen breit lachend für die Kameras in das Auditorium der Commerzbank schreitet. Martin Blessing, der im Mai neuer Vorstandssprecher der zweitgrößten deutschen Bank werden soll, überragt seinen Vorgänger Klaus-Peter Müller um eine ganze Kopflänge. Die Mehrzahl meiner Vorstandskollegen ist etwa 1,90 Meter groß, deshalb scheide ich nun aus“, scherzt Müller.
Er hat Grund zu Gelassenheit. Kann er doch auch für sein letztes Jahr an der Spitze des Instituts einen Rekordüberschuss vermelden. Dieser liegt mit 1,92 Milliarden Euro um fast ein Fünftel höher als im Vorjahr. Ähnlich wie bei der Deutschen Bank, die genau eine Woche zuvor nur eine Straße weiter ihre Zahlen präsentiert hatte, sei das erste Halbjahr 2007 so erfolgreich gewesen, dass die Turbulenzen durch die amerikanische Hypothekenkrise in der zweiten Jahreshälfte damit ausgeglichen werden konnten. Insgesamt belaufen sich die bislang bekannt gewordenen Einbußen im Zusammenhang mit der Krise auf 583 Millionen Euro.
400.000 neue Kunden
Vor allem im Privat- und Firmenkundengeschäft konnte die Bank mit der gelben Hausfarbe deutlich wachsen. 400.000 neue Kunden seit Herbst 2006 vermeldete Müller für das Filialgeschäft und die Internet-Tochter Comdirect. Nach Angaben von Achim Kassow, der im Vorstand für das Privatkundengeschäft zuständig ist, hat die Bank im vergangenen Jahr dreizehn neue Niederlassungen in Deutschland eröffnet. Auch im nächsten Jahr sollten neue Filialen und auch neue Mitarbeiter hinzukommen. Zahlen nannte er aber dazu nicht. Als Haupttreiber für die Kundenzahl nannte er das kostenlose Girokonto. Natürlich ist damit allein noch kein Sommer zu machen“, sagte Kassow. Aber mit dem Produkt lasse sich eine Vielfalt von Kunden ansprechen.
Ein Projekt, mit dem die Bank sich schon länger im hart umkämpften Privatkundenmarkt zu positionieren versucht, ist das Dauerthema Samstagsöffnung“, wie Müller es nennt. Im März des vergangenen Jahres hatte die Bank an einem Samstag probeweise einige Filialen geöffnet. Die Reaktionen der Kundschaft seien zufriedenstellend gewesen. Im Herbst hatte das Haus dann angekündigt, einige Filialen jeden Samstag öffnen zu wollen. Bislang wird das allerdings noch durch Querelen mit den Betriebsräten verhindert. Laut Gesetz habe die Bank erst mit regionalen Arbeitgebervertretern über das Thema verhandeln müssen. Diese hätten die Absprachen nun aber wieder zurück an die zentralen Organe gegeben.
Behörden mit besseren Öffnungszeiten“
Nach Kassows Worten steckt hinter dem Vorhaben nicht weniger als ein Abwenden der Branche weg vom Bankbeamtentum“. Die Filialen sollten nicht dann öffnen, wenn es den Mitarbeitern passt, sondern wenn die Kunden Zeit haben. Sie wollen am Samstag intensive Beratungen führen können und dazu auch den Lebenspartner mitnehmen“, erklärte Kassow. Manche Behörde habe schon bessere Öffnungszeiten als die Bankwelt.
Sehr deutlich bekannte sich Müller zum Standort Frankfurt und zeigte kein Interesse daran, die Bank in benachbarte Kommunen mit geringeren Gewerbesteuersätzen zu verlagern, wie es etwa die Deutsche Börse AG gerade plant. Wenn wir nur noch nach Hebesätzen schauen, können wir bald anfangen, ganze Innenstädte nach außen zu transformieren“, sagte der Bankchef. Dann müssten die neuen Standorte wieder den Etat und somit ihren Hebesatz erhöhen. Letztlich müssten die Unternehmen dann ständig ihre Adresse wechseln. Die Commerzbank gehöre zu Frankfurt und ziehe auch viele Vorteile aus der Innenstadtlage, sagte Müller. Den Nachteil des höheren Hebesatzes nehmen wir dafür gerne in Kauf.“
Das sollten Sie jetzt auch nicht verstehen“
Im Gespräch mit den Journalisten erwies sich der scheidende Chef, der hausintern nur KPM genannt wird, als harte Nuss. Immer wieder wollten sie wissen, wie es denn aus seiner Sicht um die Rettung der stark angeschlagenen Mittelstandsbank IKB bestellt sei. Doch Müller ruderte nicht ohne Selbstironie um jede Antwort herum. Das Thema gehöre nicht auf die Bilanzpressekonferenz der Commerzbank. Zuletzt gab er ab an seinen Vorstandskollegen Michael Reuther: Erfinden Sie noch irgendetwas Staatstragendes.“ Die zweite Dauerfrage, die in immer neuen Nuancen formuliert wird, gilt dem Interesse der Commerzbank an der Postbank, die eventuell bald zum Verkauf steht. Müller zeigte zwar großes Interesse an dem Haus, Näheres sagte er aber nicht. Blessing, sein Nachfolger in Spe, hat sich das schnell abgeguckt. Eine sehr nebulöse Antwort zu möglichen Zukäufen der Bank in Osteuropa, kommentierte er lachend: Das sollten Sie jetzt auch nicht verstehen.“
Zum Schluss gab es trotzdem Applaus für KPM, der im Mai nach sieben Jahren als Vorstandssprecher der Commerzbank in den Aufsichtsrat wechselt. Das Fazit, das Müller zum Abschied zog, fiel allerdings etwas hölzern aus. Zwar sagte er, dass ihn der Termin mit Emotionen erfülle, und angesichts seiner bewegten Gesichtszüge nahm man ihm das auch ab. Allerdings musste er seinen Abschied von den Medienvertretern, genau wie die Jahresbilanz, von einem Zettel ablesen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP