Campus Westend

Studieren auf der Baustelle

Von Sascha Zoske

Hochmodern mit viel Stein in Brauntönen präsentiert sich das Treppenhaus im Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend in Frankfurt

Hochmodern mit viel Stein in Brauntönen präsentiert sich das Treppenhaus im Hörsaalzentrum auf dem Campus Westend in Frankfurt

27. Oktober 2008 Wegweiser werden hier dringend gebraucht – vor allem solche, die sprechen können. Wer kurz stehen bleibt zwischen Erdhaufen, Bretterstapeln und Baumaschinen und dabei aussieht, als sei er nicht zum ersten Mal auf dem neuen Campus, wird bald von ratsuchenden Neuankömmlingen angesprochen: „Entschuldigung, wo sind denn hier die Rechts- und Wirtschaftswissenschaften?“

Nadia Sergan weiß, wo es lang geht, obwohl sie als angehende Politologin nicht zu denen gehört, die seit diesem Montag im Frankfurter Westend studieren. Ihr Amt als AStA-Vorsitzende bringt es mit sich, dass sie einigermaßen im Bilde darüber ist, wo derzeit welcher Fachbereich der Goethe-Universität seinen Sitz hat. Den Überblick zu behalten, ist nicht leicht, weil so viel in Bewegung ist an Hessens größter Hochschule und besonders auf dem Neubau-Areal hinter dem IG-Farben-Haus. Zwar hat dort der Vorlesungsbetrieb für die Juristen und Ökonomen wie angekündigt begonnen, doch noch härter als die Studenten werden in den nächsten Tagen die Handwerker arbeiten müssen: Vor allem im Haus der Rechts- und Wirtschaftswissenschaften ist noch einiges zu tun, und beim Gang über die Außenanlagen hält der Besucher unwillkürlich nach Warnschildern Ausschau, die das Betreten der Baustelle untersagen.

„Zutritt für Handwerker verboten“

Rund um das neue Hörsaalzentrum herrscht Baustellenszenerie mit Gummistiefeln und Baggerschaufel...

Rund um das neue Hörsaalzentrum herrscht Baustellenszenerie mit Gummistiefeln und Baggerschaufel...

Stattdessen hängt neben den Drehtüren des „Rewi“-Haupteingangs ein Zettel: „Zutritt für Handwerker verboten.“ Nadia Sergan amüsiert sich: „So wird das hier ja nie fertig.“ Dann wird sie schon wieder von einer orientierungslosen Studentin angesprochen: „Tschuldigung, hörst du auch Zivilrecht?“ Wer keinen Plan hat, kann einen vom netten Pförtner bekommen, der in der leidlich hergerichteten Eingangshalle sitzt: Auf dem Handzettel ist verzeichnet, wo die verschiedenen Institute und die Bibliothek liegen. Wie es um die Bücherausgabe bestellt ist, weiß der Mann am Empfang allerdings nicht zu sagen. Der Aushang an der Bibliothek macht auch wenig Mut: „Geschlossen“.

Sergan und ihrem Kollegen vom AStA-Vorstand, Jonas Erkel, gefällt nicht, was sie an diesem Morgen sehen. „Erschreckend“ sei der langsame Baufortschritt, meint Erkel, und seine Begleiterin fragt sich angesichts der von der Decke herabhängenden Kabel, ob hier vielleicht sogar Gefahr drohe. Diese Sorge sei unbegründet, versichert später auf Anfrage Peter Rost, Beauftragter der Universität für den neuen Standort. Es würden nur jene Teile des Gebäudes freigegeben, in denen alles sicher sei. Dass noch ein gutes Stück Arbeit zu leisten ist, gibt Rost zu. Am nächsten Montag aber werde zumindest die Bibliothek „auf jeden Fall“ nutzbar sein.

Architektur „zu momumental“

Die beiden AStA-Vorsitzenden stören sich indes nicht nur am baulichen Rückstand. Sergan tut sich auch mit der Architektur schwer: „Zu monumental.“ Sie fürchtet zudem, dass sich im Westend keine studentische Kultur entwickeln könne, die mit jener in Bockenheim vergleichbar sei. Andere hingegen fühlen sich schon jetzt an ihrem neuen Arbeitsplatz wohl. Brenda Wastier zum Beispiel: Die Empfangsdame im „House of Finance“ ist entzückt vom Marmorfußboden der Eingangshalle. Dessen Muster, weiß sie, ist dem des Bodens auf Raffaels Gemälde „Die Schule von Athen“ nachgebildet. „Das gefällt mir so gut, dass ich mir jetzt einen Nachdruck von dem Bild bestellt habe.“

Jette Deiß und Desirée Jost, die vor einer verschlossenen Tür im vierten Stock des „Rewi“-Baus auf den Beginn ihrer Wirtschaftsenglisch-Vorlesung warten, sind nicht ganz so enthusiastisch. Die beiden fragen sich, ob sie hier im vierten Stock richtig sind. Große Erleichterung, als eine Kommilitonin dem mit Pappe und Plastikfolien ausgekleideten Aufzug entsteigt: Offensichtlich haben andere Studenten die Ortsangabe im Vorlesungsverzeichnis ebenso interpretiert wie sie. Dass in dem angegebenen Raum auch tatsächlich gelehrt wird, ist in diesen Tagen jedoch keineswegs sicher. An einem Saal steht geschrieben: „Vorlesung Bau- und Planungsrecht heute in R. 1.110 (Dekanat)“. Ein Blick hinter die Tür erklärt, warum das Ausweichmanöver angeordnet wurde: Die Tische sind noch kopfüber in der Mitte des Raums gestapelt.

Technik streikt zum Auftakt

Im Hörsaalzentrum sieht es dagegen schon weit freundlicher aus. Am obersten Treppenabsatz streicht ein Maler bedächtig die Brüstung rot; ansonsten sind hier die Studenten in der Überzahl. Die hell erleuchteten Auditorien sind vollständig ausgestattet; dennoch muss Juraprofessor Guido Pfeifer mit seiner Hörerschaft in den Nachbarsaal umziehen. „Die Technik hat nicht funktioniert“, erklärt eine Studentin. Pfeifer nimmt den erzwungenen Wechsel gelassen, ihm scheint die neue Lehrstätte zu gefallen: „Das ist eine ganz andere Optik hier“, stellt er fest, bevor er sich seinem Stoff widmet.

...während drinnen am ersten Tag noch wenig Betrieb herrschte

...während drinnen am ersten Tag noch wenig Betrieb herrschte

Unterdessen hat Bärbel Kefeli schon die ersten Süßigkeiten des Tages verkauft. „Schön“ seien die Räume hier, sagt sie und strahlt. Die Angestellte steht hinter der Theke des Shops, den die Campuservice GmbH im Erdgeschoss des Hörsaalzentrums betreibt. Außer Schreibwaren, Zeitungen und Naschwerk kann hier auch gehaltvollere Ware erstanden werden: Gleich nebenan ist eine Buchhandlung untergebracht. Nadia Sergan sieht das Angebot mit gemischten Gefühlen. Viele Studenten wüssten es sicher zu schätzen, wenn sie hier schnell etwas besorgen könnten. Andererseits erinnere sie die Ausstattung des Campuservice-Ladens „an das Erdgeschoss von Galeria Kaufhof“, meint die AStA-Vertreterin. „Ich bin doch hier, um zu studieren, und nicht, um zu shoppen.“

„Pusteblumen“-Brunnen soll umziehen

Nein, sie wolle nicht alles schlechtreden, beteuert Sergan. „Aber das hier ist nicht die Goethe-Universität.“ Die liegt für sie immer noch in Bockenheim. Die Gebäude dort hätten zwar Mängel, aber dafür sei die Atmosphäre lebendiger. Nun hofft die Studentenvertreterin, dass der neue Campus seine „Sterilität“ verliert, wenn er erst einmal voll belegt ist. Und noch eines tröstet die Nostalgikerin: dass das Wahrzeichen der alten Uni, der „Pusteblumen“-Brunnen, nächstes Frühjahr ins Westend umziehen soll.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Julia Zimmerman, Julia Zimmermann

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