Von Katharina Iskandar
22. Juli 2008 Die Männer kamen gegen neun, an einem Montagmorgen im Oktober 2006. Als sie das Geschäft betraten, sortierte Karlheinz Weber Zeitschriften ins Regal ein. Er sah die zwei Fremden aus dem Augenwinkel. Wie sie auf ihn zueilten und etwas aus der Tasche zogen, das aussah wie ein Dolch. Bevor Weber reagieren konnte, hatte ihn einer der Männer schon zu Boden gestoßen und ihn mit einem gezielten Tritt in den Rücken wehrlos gemacht.
Der Mann hielt ihm das Messer an den Bauch, so fest, dass die Klinge in die Haut schnitt, während der andere das Geld aus der Kasse nahm. Dann verschwanden sie spurlos im morgendlichen Berufsverkehr. Keiner der Passanten konnte sich später erinnern, die Täter gesehen zu haben. Gegenüber dem Laden ist eine Bushaltestelle, aber auch dort hatte niemand die beiden Männer beobachtet. Bis heute sind sie unbekannt. Nur Karlheinz Weber erinnert sich an sie. Ihre Gesichter kann er nicht so schnell vergessen.
Weber ist eines von vielen hundert Opfern, die jährlich in Frankfurt überfallen und ausgeraubt werden - auf der Straße, in Bussen und Bahnen oder in kleinen Läden wie Webers Tabakwarengeschäft. Normalerweise steht der Sechsundsechzigjährige gern in dem Laden, den er seit 1964 betreibt. Die Anwohner aus der näheren Umgebung kennt er fast alle beim Namen, manche schon seit ihrer Kindheit. Doch an jenem Oktobertag wollte er ihnen plötzlich nicht mehr begegnen - er konnte nicht, weil er Angst hatte, dass sie ihn so sahen, wie er blass und zitternd vor ihnen stand. Also schloss er an jenem Vormittag den Laden, ging die wenigen Meter nach Hause zu seiner Frau. Und stand erst Tage später wieder im Geschäft.
Und lange dachte ich, es würde nie wieder gut
Irgendwie hat dieser Tag damals etwas verändert, sagt Weber, der aus Angst vor den Tätern seinen richtigen Namen nicht nennen will. Und lange dachte ich, es würde nie wieder gut. Die Verletzung, die das Messer an jenem Tag an seinem Bauch hinterlassen hat, sei klein gewesen, fast nicht der Rede wert. Aber der Blutdruck, der lag bei 210. Ich habe gezittert und dachte, ich falle zusammen wie ein Kartenhaus.
Es wäre alles nicht so schwer für ihn, wenn es bei diesem einen Überfall geblieben wäre. Es folgten jedoch weitere. Insgesamt fünfmal stand der Geschäftsmann einem Fremden gegenüber, der ihn mit einer Waffe bedrohte und seine Einnahmen raubte. Beim ersten und zweiten Mal habe ich mich noch gefragt: Warum ausgerechnet ich? Irgendwann aber habe er diese Frage verdrängt. Das Leben ändert sich nach einem solchen Vorfall radikal, sagt Weber, während er auf einem Stuhl in seinem Laden sitzt, die Hände im Schoß verschränkt. Vielleicht gilt das nicht für jeden, aber für mich hat sich einiges verändert seit diesem Tag. Man büßt ein Stück Lebensqualität ein.
Nach dem Vorfall in seinem Geschäft wachte er jeden Morgen um drei Uhr auf. Er habe nicht mehr schlafen können, weil er Blödsinn geträumt habe, wie er sagt. Er schnappte sich dann die Hundeleine und ging mit Rusty, seinem Cavalier King Charles, einmal um den Block. Weil er keinen Appetit mehr hatte, nahm er acht Kilogramm ab.
Er ist misstrauisch geworden
Ich konnte plötzlich nicht mehr so viel lachen, sagt der Frankfurter. Schließlich hat er sich eine Therapeutin gesucht, die ihn auch heute noch betreut. Das hat ihm geholfen. Die Angst aber blieb. Jeden Fremden, der seinen Laden betritt, sieht sich Weber inzwischen genau an. Er ist misstrauisch geworden. Das ist nicht normal. Aber das ist, wie ich jetzt lebe.
Beim nächsten Überfall, im März vergangenen Jahres hatte er keine Gelegenheit, das Unheil kommen zu sehen. Er bemerkte nicht, wer den Laden betrat, weil er gerade in einem Hinterraum zugange war, wo sich eine Toilette und ein kleiner Waschraum befinden. Er hörte den Mann nicht einmal, der plötzlich hinter ihm stand, nichts sagte, keine Forderungen stellte, sondern einfach nur ein Teppichmesser zückte und es Weber an die Wange hielt. Er dachte noch, so sieht doch kein Gewalttäter aus. So klein und schmächtig, fast noch ein Kind. Ohne ein Wort holte der Angreifer aus und zielte mit dem Messer nach Weber Gesicht, traf ihn aber nicht. Danach sperrte er sein Opfer in die Toilette ein, schloss die Tür und drehte den Schlüssel herum, nahm das Geld aus der Kasse und verschwand.
Ich habe geweint, und zwar vor Wut
Etwa eine Stunde lang blieb Weber eingesperrt. Er wurde schließlich von einem Kunden entdeckt, der hörte, wie der Ladenbesitzer um Hilfe schrie. Als Weber befreit wurde, setzte er sich auf den Toilettenrand, die Hände vor das Gesicht gelegt. Ich konnte nicht mehr, sagt Weber. Ich habe geweint, und zwar vor Wut. Wieder hat er an diesem Tag das Geschäft geschlossen, und wieder wusste er nicht, wann er zurückkommen würde. Diesmal blieb er mehrere Monate weg. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Das Fass war voll.
Dann folgten die nächsten Überfälle. Jedes Mal stand ein Fremder vor ihm mit einer Waffe in der Hand. Sie kamen sogar dann noch, als Weber längst eine Kamera installiert und an der Tür gut sichtbar ein Schild aufgehängt hatte: Dieses Geschäft ist videoüberwacht. Die Polizei sagt, vielleicht sei die Lage des Ladens an einer vielbefahrenen Hauptstraße für die Täter verlockend. Es gebe dort kaum Laufkundschaft. Die Räuber fühlten sich möglicherweise sicher.
Das sind jedoch ziemlich vage Erklärungen. Die Ursache dafür zu finden, dass Menschen gleich mehrfach so brutal überfallen werden, ist schwierig, wie Polizist Bernd Mohn, der stellvertretende Leiter des Raubkommissariats, sagt. Meist seien die Täter junge Erwachsene aus sozial schwachem Elternhaus, die keine Arbeit hätten, oft sogar auch keinen Schulabschluss. Und die Gewaltbereitschaft sei bei vielen jungen Menschen, die keine Perspektive hätten, unglaublich hoch.
Mit Bauchschmerzen in den Laden
Nach dem jüngsten Überfall Ende April dieses Jahres fuhr Weber wieder ins Polizeipräsidium. Die Beamten kannten ihn schon. Im zuständigen Kommissariat hatte man ihm Hilfe angeboten und wie bei jedem Überfallenen Kontakt zu Opferschutzverbänden hergestellt. Diesmal sollte er sich in der Fahndungsdatei Fotos von Verdächtigen anschauen, auf die die Beschreibung männlich, 17 bis 22 Jahre, schwarze Haare, 1,80 Meter groß, südländischer Typ passte. Die Beamten legten ihm mehr als 1200 Fotos vor. Vergeblich.
Weber überlegt nun, sein Geschäft zu verkaufen. Wenn es so weitergeht und ich jeden Morgen weiterhin mit Bauchschmerzen den Laden öffne, bleibt mir keine andere Wahl. Er hat eine Mitarbeiterin eingestellt, damit er nicht mehr jeden Tag selbst im Laden stehen muss. Aber selbst die kurze Zeit, die er dort noch verbringt, sei ein Kraftakt, sagt der Sechsundsechzigjährige.
Rückhalt bekommt er vor allem von seiner Frau - und von seinen Stammkunden. Nach jedem Überfall haben sie ihm Wein und Schokolade geschenkt. Zum Trost und mit der Bitte verbunden, dass er seinen Laden doch weiterführen soll.
Weber wird weiter versuchen müssen, die Überfälle zu vergessen oder zumindest mit der Erinnerung daran zu leben, wie er sagt. Und manchmal bin ich frohen Mutes, dass mir das auch gelingen wird. Im Moment zum Beispiel hat Weber eine gute Phase. Zumindest schläft er wieder durch. Er träumt davon, im Lotto zu gewinnen. Dann würde er seine Familie überraschen. Und wenn es ganz schlimm wird, sage ich mir, dass ich noch lebe. Das hilft. Wenn auch nur für den Augenblick.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Privat