Geschichte des Holocaust

„Und du sollst es deinen Kindern sagen“

Von Hans Riebsamen

Israelische Soldaten vor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

Israelische Soldaten vor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem

17. August 2008 Würden Sie Ihre Tochter einem Ehebrecher, Säufer und Spion zur Frau geben wollen? Natürlich nicht, beteuern Susanne Urbans Seminarteilnehmer immer. „Dann hätte Ihre Tochter nicht Oskar Schindler heiraten dürfen“, klärt die Pädagogin in ihren Veranstaltungen Lehrer und Erzieher auf. Denn Oskar Schindler, der Judenretter, war alles andere als ein makelloser Held. Erst nach und nach ist aus dem Hallodri und Nazi-Profiteur jener mutige Mann geworden, der 1.200 in seinem Unternehmen beschäftigten jüdische Zwangsarbeitern das Leben gerettet hat – ein „Gerechter unter den Völkern“, für den in Yad Vashem, Israels zentraler „Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum“, ein Baum gepflanzt worden ist.

„Und du sollst es deinen Kindern sagen“, heißt es im Buch Exodus. In diesem Sinne wird der Lehre und der Erziehung in Yad Vashem höchste Priorität eingeräumt. Deshalb wurde auf dem Areal der Gedenkstätte 1993 die Internationale Schule für Holocaust-Studien eingerichtet, die ihre Aufgabe darin sieht, das Menschheitsverbrechen der nationalsozialistischen Judenvernichtung zu erforschen und die Erinnerung daran an die jungen Generationen weiterzugeben.

Aus Deutschland kommen viele Anfragen nach Seminaren

Mehr als 100 Pädagogen aus aller Herren Ländern pflegen von Israel aus den Dialog mit Lehrern aus der ganzen Welt. In der Regel kommen Lehrer, Erzieher und andere Interessierte aus dem Ausland zu zweiwöchigen Seminaren nach Yad Vashem, wo ihnen Vorträge zu Themen wie „Antisemitismus“ oder „Jüdisches Leben im Holocaust“ geboten werden. Sie treffen sich dort auch mit Holocaust-Überlebenden, entwickeln mit den Yad-Vashem-Mitarbeitern Unterrichtseinheiten und schauen sich die zentralen Stätten Israels an.

Auch die aus Frankfurt stammende Susanne Urban zählte bis Anfang 2006 zum Yad-Vashem-Team und wirkte in diesen Seminaren mit. Doch dann wurde sie nach Deutschland entsandt – als eine Art Yad-Vashem-Botschafterin. Die erste ihrer Art. Ein Experiment. Urban soll im Landes des Holocaust die pädagogische Philosophie von Yad Vashem weiterverbreiten und Kooperationen mit Yad Vashem in die Wege leiten. Doron Avraham, der Leiter des Europäischen Departements an der Internationalen Schule, ist auf diese Idee gekommen, weil vor allem aus Deutschland so viele Anfragen nach Seminaren und Fortbildungen kommen.

Urban: „Man muss kein Held sein, um zu helfen“

Aber gibt es in Deutschland nicht längst genügend Angebote zum Thema Holocaust in den diversen Lehrerfortbildungseinrichtungen? Kümmern sich nicht genügend Institutionen vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt bis zu den Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit um eine „Holocaust-Pädagogik“? Gewiss, sagt Susanne Urban. Yad Vashem ergänze das Angebot nur. Und: Die Yad-Vashem-Philosophie folge speziellen pädagogischen Grundlinien. Im Mittelpunkt stünden nicht die Leichenberge von Bergen-Belsen, sondern das Individuum.

Die Geschichte des Holocaust setzt sich aus persönlichen Lebensgeschichten zusammen, die durch historische Dokumente, Zeugenaussagen und Erinnerungen belegt werden, lautet eine Hauptthese von Yad Vashem. Zum Beispiel aus der Lebensgeschichte des Oskar Schindler, mit dem sich Jugendliche identifizieren können, weil er eine positive Figur, aber kein Übermensch gewesen ist. Was lernt man aus seiner Geschichte? „Dass man kein Held sein muss, um zu helfen“, sagt Susanne Urban. Sein Beispiel zeige, dass jeder sich entscheiden könne, ob er Täter oder Helfer sein wolle.

Kurzseminare in Deutschland

Freilich erzählen die Mitarbeiter von Vad Yashem den Holocaust in der Regel aus der jüdischen Perspektive. Und diese wird nicht auf die Jahre zwischen 1933 und 1945 reduziert, die Vorkriegsgeschichte, die lange Geschichte der Juden im Abendland und in Deutschland und auch die Geschichte Israels werden miteinbezogen. Für nichts anderes plädiert übrigens seit vielen Jahren das Leo-Baeck-Institut.

Susanne Urban hat ihre bescheidene „Deutschland-Zentrale“ in Offenbach aufgezogen, im Grafik-Büro ihres Lebensgefährten. Als langjährige Mitarbeiterin des Jüdischen Museums Frankfurt und der Zeitschrift „Tribüne“ kennt sie in ihrem Wirkungsbereich Gott und die Welt. Diese Kontakte nutzt sie, um Kurzseminare in Deutschland zu organisieren, geeignete Unterrichtsmaterialien zu finden und Partner für Yad Vashem zu gewinnen.

Namensdatenbank der Holocaustopfer

Mit Nordrhein-Westfalen unterhält die israelische Gedenkstätte seit zehn Jahren eine offizielle Kooperation, regelmäßig werden Gruppen von Lehrern in der Internationalen Schule fortgebildet. Mecklenburg-Vorpommern ist im vergangenen Jahr eine Kooperation eingegangen, Sachsen folgt in den nächsten Monaten. Hessen dagegen fehlt noch. Warum? Susanne Urban weiß es nicht. Sie will sich aber darum bemühen, auch die hessische Landesregierung und möglichst auch die der restlichen Bundesländer für den Kreis zu gewinnen. Am Interesse der Schulen und Lehrer fehlt es nach den Erfahrungen der Yad-Vashem-Mitarbeiter nicht.

Unterstützt wird Urban vom „Freundeskreis Yad Vashem“, der 1997 gegründet wurde. Sein erklärtes Ziel ist es, die 1953 durch Beschluss des israelischen Parlaments gegründete Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu fördern. Die Freunde arbeiten mit am Aufbau einer zentralen Namensdatenbank der Holocaustopfer, die unter dem Motto „Jeder Mensch hat einen Namen“ betrieben wird. Mehr als drei Millionen Namen von ermordeten oder verschollenen Juden wurden bereits in Form von Gedenkblättern gesammelt, die Hälfte davon wurde sogar schon digitalisiert und ist im Internet unter der Adresse www.yadvashem.org abrufbar.

„Gerechte unter den Völkern“: Auch in Frankfurt und Hessen wirkten solche stillen Helden

Yad Vashem verleiht den Titel „Gerechter unter den Völkern an Nichtjuden, die während des Holocaust unter Gefahr für das eigene Leben Juden gerettet und dafür kein Geld oder andere Gegenleistungen erhalten haben. Der bekannteste „Gerechte“ dürfte seit dem Film „Schindlers Liste“ Oskar Schindler sein, der nach dem Krieg viele Jahre in Frankfurt lebte. Aber es hat in Hessen und Frankfurt noch weitere stille Helden gegeben, die wegen ihrer Rettertaten von Yad Vashem mit dem Ehrentitel ausgezeichnet worden sind und für die an der Gedenkstätte jeweils ein Baum gepflanzt wurde.

Kaum jemandem bekannt ist Frieda Impekoven, die 1966 von Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt wurde. Die Frau des Frankfurter Schauspiel-Intendanten Toni Impekoven hat 1943 in zwei Fällen mit Wissen ihres Mannes Jüdinnen Hilfe geleistet. Viele Male besuchte sie verbotenerweise Frau Wölffler, eine jüdische Theaterbesucherin, in deren möbliertem Zimmer und brachte ihr Essen. Die Gestapo ließ Frieda Impekoven nur deshalb wieder frei, weil einer der sie verhörenden Offiziere sie als Mutter der bekannten Tänzerin Niddy Impekoven erkannte. In einem zweiten Fall überließ die Intendantenfrau einer von Deportation bedrohten Jüdin ihre leerstehende Wohnung und versorgte diese mit Lebensmitteln.

Irene Block, eine Frankfurter Devisenberaterin, verschaffte der an einer Lähmung erkrankten Jüdin Maria Johann Fulda immer wieder ärztliche Gutachten, die diese vor der Deportation bewahrten. Am 22. September 1942, als neue Deportationen anstanden, kam Block in die Wohnung von Frau Fulda, entfernte dieser den Judenstern und brachte sie mit dem Zug auf einen einsam gelegenen Bauernhof bei Kassel. Eine Woche später holte sie die verfolgte Jüdin in ihre eigene Wohnung nach Frankfurt, wo sie zwei Jahre lang versteckt lebte. Die beiden Frauen überstanden den Krieg und wohnten danach weiter zusammen.

Der Frankfurter Fritz Hohmann arbeitete 1943 für das Bauunternehmen Holzmann als Bauleiter im estländischen Reval. Hohmann behandelte die ihm unterstellten Zwangsarbeiterinnen ungewöhnlich gut, er verschaffte ihnen heimlich auf eigene Rechnung zusätzliche Lebensmittel. Außerdem half er den Verschleppten mit Hilfe seiner Frau und seiner beiden Töchter in Frankfurt, Kontakt mit ihren Verwandten zu Hause aufzunehmen. Über Hohmann schickten diese Lebensmittelpakete an die Frauen. Im Jahr 2000 ehrte Yad Vashem Fritz Hohmann als „Gerechten“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: REUTERS

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