Von Florian Leclerc und Brigitte Roth
10. Juli 2005 Aus den Lautsprechern, die am Langener Waldsee aufgestellt sind, dröhnt schon in den frühen Morgenstunden Hip-Hop-Musik. Freunde und Familien der Triathleten halten selbstgemalte Fahnen hoch: Andre-Schatz, Du bist mein Ironman, steht auf einer. Auf dem hautengen T-Shirt einer Frau ist zu lesen: Ironman David's Girl. 2000 Fahrräder stehen in Reih' und Glied, weiße Regenschutzfolien sind über die Velos gespannt. Sportler laufen konzentriert auf und ab, andere stehen in zehn Meter langen Schlangen vor transportablen Toiletten. Athleten aller Altersklassen bereiten sich in diesen Minuten auf den Opel-Ironman Germany vor.
Rosa Häschenohren aus Plüsch und Bang-Bangs, aufgeblasene, biegsame Klatschschläuche aus Gummi: Die Sponsoren des Wettbewerbs verteilen rund um den Waldsee ihre Werbegeschenke an die Besucher. 15000 sind laut Veranstalter gekommen. Auf dem See kreisen 50 Kanus und Kajaks. Fünf Motorboote und 150 Helfer der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft stehen bereit, um Erste Hilfe zu leisten. Tausende pilgern um kurz vor sieben zum Strand, um den Startschuß mitzuerleben, den der hessische Ministerpräsident Roland Koch erteilt.
Wie ein Forellenschwarm
Vangelis' Conquest of Paradise klingt an, und die Masse setzt sich in Bewegung, vorbei an den Fans, ins 22 Grad warme Seewasser. Alle tragen Neoprenanzüge, bei denen Gasblasen zwischen den Stoffschichten das Schwimmen erleichtern sollen, was in Frankfurt erlaubt, beim Ironman in Hawaii aber verboten ist. Pünktlich um sieben Uhr sind die meisten Athleten im Wasser. Dann ziehen sie los: Wie ein Forellenschwarm, sagt Koch. Die Amateure mit den gelben Badekappen kraulen ungleichmäßig hinter den bunten Mützen der Profisportler. Nach der ersten von zwei Runden im See hat sich das Feld tausend Meter in die Länge gezogen.
Nach 1,9 Kilometern ist die Hälfte der Strecke geschafft, die Schwimmer kommen zum Strand zurück und spurten 30 Meter über den Landweg zur zweiten Runde im Wasser. Zuschauer jubeln ihnen zu. Der Moderator des Ironman in Hawaii, Mike Riley, ruft, die Menschen erzeugten dabei eine Energie, wie er sie sonst nur beim legendären Ironman auf der Pazifikinsel erlebe. Nach 3,8 Kilometern und 50Minuten entsteigt Uwe Widmann aus Hofheim als Erster dem Wasser und rennt zum Wechselplatz, wo die Fahrräder stehen. Nina Eggert kommt eine Minute später an Land. Sie sprintet zu ihrem Fahrrad, streift den Neoprenanzug ab und sitzt schon kurze Zeit später auf dem Sattel. Während die Profisportlerin zur 180 Kilometer langen Radstrecke antritt, beginnt für den letzten Ironman mit gelber Kappe gerade die zweite Runde im See.
Bis jetzt sah er gut aus
Beim Schwimmen haben die beiden Mädchen mit den Häschenohren aus Plüsch ihren Papa zuletzt gesehen. Jetzt haben sich die neun und zwölf Jahre alten Schwestern am Mainufer positioniert und erwarten dort jeden Augenblick ihren Vater auf der Laufstrecke. Schon zweimal hat ein Zehnjähriger seinen Papa gesehen. Bis jetzt sah er gut aus, meint er cool. Ein paar Meter weiter hält eine Vierergruppe in Baströckchen aus Stuttgart ein Schild Reif für die Insel in die Luft. Ihr 43 Jahre alter Bekannter will sich für Hawaii qualifizieren. Um seine Leistung mit der der Konkurrenz in seiner Altersklasse vergleichen zu können, hat sich seine kleine Fangemeinde aus dem dem Internet deren Startnummern ausgedruckt.
13.30 Uhr an der Untermainbrücke: Auch für Partner, die einen Athleten begleiten, ist der Tag eine Tortur. Mancher wirkt erschöpfter als die Sportler selbst. Mitten in der Nacht ist die Frau aus Kassel aufgestanden und hat, ausgerüstet mit Videokamera und Fotoapparat, schon am Langener Waldsee die ersten Aufnahmen von ihrem Freund gemacht. Jetzt sollen seine läuferischen Leistungen von der Kamera eingefangen werden. Eine Familie hat es sich auf Klappstühlen bequem gemacht. Und zwei junge Frauen in weißen T-Shirts und Jeans liegen trotz ohrenbetäubender Musik aus den Lautsprechern am Mainufer auf einer großen Decke und schlafen seelenruhig.
Schweißnasses Stirnband
Stefan, Stefan ruft eine Frau an der Laufstrecke, als sie ihren Freund entdeckt, und im selben Moment fliegt ihr auch schon sein schweißnasses Stirnband entgegen. Mancher freilich nimmt sich mehr Zeit für seine Bekannten und legt sogar eine kurze Pause ein, um sich zu erkundigen: Wie geht's dem Klaus?
Zwischen Mainufer und Römerberg sind zahlreiche Stände aufgebaut, an denen es alles zu kaufen gibt, was ein Triathlet so braucht: von der Sonnenbrille über das Laufhemd, Gürtel mit Trinkfläschchen und Fahrradhelme bis zu Neoprenanzügen, das Stück für 300 bis 500 Euro. Wir sind zufrieden mit dem Geschäft, sagt ein Verkäufer.
Kreislaufzusammenbrüche
300000 Menschen waren nach Angaben des Veranstaltes am Sonntag an der Strecke, darunter Bürgermeister Joachim Vandreike, der von der guten Stimmung an der Radstrecke in der Wetterau schwärmt und inzwischen auf der Tribüne am Römerberg steht. Auch Hessens Innenminister Volker Bouffier ist begeistert von der Veranstaltung. Der Ironman habe sich in Frankfurt etabliert. Die sportliche Klasse sei beachtlich und die Bevölkerung macht mit, meint er.
Während auf dem Römerberg die Eisenmänner im Ziel von den Zuschauern bejubelt werden, mußten andere längst aufgeben. Zum Beispiel, weil sie auf der regennassen Fahrbahn mit dem Rad gestürzt sind und sich einen Knochenbruch zugezogen haben. Am späten Nachmittag häufen sich die Krankentransporte. Theodor Brand, stellvertretender Landesbereitschaftsleiter des Deutschen Roten Kreuzes Hessen, macht vor allem das schwüle Wetter für Kreislaufzusammenbrüche verantwortlich. Gegen 18.30 Uhr mußten die 330Betreuer nach seinen Angaben bereits in 150 Fällen medizinische Hilfe leisten und 30 Krankentransporte fahren.
Whirlpools für die Extremsportler
Im Medical Center des Roten Kreuzes auf dem Paulsplatz sind 70 Ärzte im Einsatz, 120 Feldbetten mit Infusionsflaschen sind aufgebaut. Sogar ein kleines Labor ist eingerichtet, um den Mineralstatus im Blut besonders erschöpfter Athleten schnell feststellen zu können. Denn seien zum Beispiel die Kalium- und Natriumwerte zu niedrig, könne das lebensgefährlich werden, sagt Leo Latasch, Ärztlicher Leiter Rettungsdienst des Stadtgesundheitsamts.
Am frühen Abend sind fast alle Feldbetten belegt. Aber nach einer Infusion sind die meisten Athleten schnell wieder auf den Beinen. Andere liegen mit Muskelkrämpfen auf den Betten und lassen sich massieren oder sitzen in einem der eigens für die Extremsportler aufgestellten Whirlpools. Doch ein Entspannungsbad bringt nur kurze Linderung. Bis der Körper den nächsten Triathlon verkraften kann, werden Wochen vergehen.
Text: F.A.Z. vom 11. Juli 2005
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