Weblogs

Tagebuch im Taxi

Von Lukas Wiesböck

Frank Fischer, Taxifahrer und Blogger

Frank Fischer, Taxifahrer und Blogger

21. August 2006 Frank Fischers Leser wußten sofort, was Franz Beckenbauer vorhatte. Auf der Rückbank des Taxifahrers saßen am Tag des WM-Eröffnungsspiels drei Fußballprominente: Matthias Sammer, Horst Hrubesch und Dieter Eilts. Auf dem Weg zum Flughafen diskutierten die ehemaligen Profis darüber, ob es Beckenbauer schaffen würde, wie geplant, 48 WM-Spiele zu besuchen. Und nur wenig später veröffentlichte Fischer diese Diskussion in seinem Weblog, dem Internettagebuch www.taxiblogger.de.

Es war nicht seine erste Fahrt mit Prominenten - auch Günter Grass, Harald Juhnke und Marcel Reich-Ranicki hat Fischer schon kutschiert. Auch sie finden sich in seinem Weblog. Die Überlegung, seine Erlebnisse aufzuschreiben, hatte Fischer schon länger, zur Form des Weblogs fand er erst spät. „Ich wußte zuerst selbst nicht genau, was das ist“, sagt er. Beim Surfen im Internet stieß Fischer auf das virtuelle Tagebuch eines Supermarktbesitzers in Bremen - einer der ersten sogenannten Jobblogger, die vor allem ihren Berufsalltag aufzeichnen. „Was dort zu lesen stand, war eigentlich trivial und banal, da dachte ich mir, das probiere ich auch und lasse meinen Gedanken freien Lauf.“ Mit Erfolg.

Forum für Unterhaltung jeder Art

Frank Fisches Internet-Tagebuch ist eines der erfolgreichsten Weblogs aus dem Raum Frankfurt

Frank Fisches Internet-Tagebuch ist eines der erfolgreichsten Weblogs aus dem Raum Frankfurt

Seit etwas mehr als einem Jahr betreibt der Taxifahrer eines der erfolgreichsten Weblogs im Raum Frankfurt, im Monat hat Fischer rund 12.000 Leser, seit der Gründung waren es mehr als 100.000. Sie alle interessieren sich für Fischers skurrile Erlebnisse mit Fahrgästen oder seine Beobachtungen über Stadt, Verkehr und Baustellen. „Ich schreibe aber auch über private Dinge wie meinen Urlaub oder meine Familie“, sagt Fischer, der seinen Weblog nicht als „Taxifachmagazin“ oder politische Plattform verstanden wissen will, sondern als Forum für Unterhaltung jeder Art. Sein Lieblingslästerthema ist die „Telefonitis“. Fischer schreibt auf seiner Seite: „Kaum sind die meisten Fahrgäste in meine Rückbank gesunken, kramen sie auch schon ihr Handy hervor. Oft muß ich froh sein, wenn ich ihnen noch ihr Fahrziel entlocken kann.“

Lieber wäre Fischer Webdesigner. „Mit 53 Jahren hat man bei Internetagenturen keine Chance mehr, diese Branche reitet an der Spitze des Jugendwahns“, sagt er. Taxi fahren hingegen kann er bis 75, seit 22 Jahren macht er den Job. Außer in Frankfurt hat Fischer in Darmstadt und Berlin gearbeitet. Der Beruf macht ihm Spaß, sein Traum ist er aber nie gewesen. Als Student hat er damit ein bißchen Geld verdient, später hat er sein Soziologiestudium abgebrochen und ist „über Umwege“ selbständiger Taxifahrer geworden.

Die Arbeit ist flexibel und läßt ihm noch genug Zeit, sich kleinen Internetprojekten zu widmen oder sein Internettagebuch zu betreuen. Allein das beansprucht bis zu zwei Stunden täglich. Nebenbei ist Fischer Webdesigner; seit dem Einbruch der New Economy im Jahr 2000 zieht er eine sichere Anstellung dem Dasein als Selbständiger vor und fährt für das größte Taxiunternehmen der Stadt.

Internationales Publikum

Seine Kollegen interessieren seine Aufzeichnungen eher wenig. „98 Prozent meiner Leser kommen nicht aus der Branche“, schätzt Fischer. Dafür sei das Publikum sehr international. So gebe es in Brasilien, Laos und Neuseeland treue Taxiblogger-Anhänger. Mit Gastbeiträgen haben sie die Möglichkeit, Fischers Beiträge zu kommentieren oder eigene Erfahrungen aus dem Taxi zu veröffentlichen. So bekommt Fischer von Leser Christian Rückendeckung für seine Handy-Schelte: „Die wirklich wichtigen Leute telefonieren nicht im Taxi, sie bloggen.“

In Zukunft möchte Fischer mehr selbstgeschossene Fotos veröffentlichen. Oft ergebe sich bei seinen Fahrten durch witzige Firmenschilder eine Situationskomik, die mit Worten allein nicht zu beschreiben sei. So habe er einmal einen winzigen Lastwagen entdeckt mit der Aufschrift „Kleine Bauarbeiten“. Bisher habe er leider oft verpaßt, im richtigen Moment den Auslöser zu drücken, aber er habe genug Geduld, den perfekten Zeitpunkt abzuwarten, sagt er. „Wenn man als Taxifahrer eines lernt, dann, geduldig zu sein.“ Selbst wenn es ihm dauertelefonierende Fahrgäste nicht immer leichtmachen, die Ruhe zu bewahren. Fischer schreibt: „Ich bin ja schon ganz gerührt, wenn jemand fragt, ob er telefonieren darf, das macht aber gerade mal ein Prozent der Leute.“

Text: F.A.Z., 21.08.2006
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z. - Anna Mutter

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