Von Hans Riebsamen
22. November 2006 Die Frau mit der schweren schwarzen Stofftasche setzte sich in eine Bank in der Nikolaikirche. Nach ein paar Minuten betrat eine andere Frau, sie mit einer leichten schwarzen Stofftasche in der Hand, das Gotteshaus auf dem Frankfurter Römerberg und nahm auf derselben Bank Platz. Kurze Zeit später verließen die beiden nacheinander, ohne daß sie ein Wort gesprochen hätten, die Kirche. Die Frau mit der schweren Tasche trug jetzt die leichte, die mit der leichten die schwere.
Der Taschentausch in der Nikolaikirche barg für beide große Gefahren: für Lydia Granze ebenso wie für Rebecca Winkler. Wären die beiden von der Gestapo erwischt worden, wäre Lydia Granze als Unterstützerin einer Jüdin in Haft genommen worden. Und Rebecca Winkler, die Empfängerin der Lebensmittel in der schweren Tasche, wäre ins KZ abtransportiert worden. Lydia Granze, die als Kinderpflegerin bei der Familie Winkler gearbeitet hatte, hat das Risiko trotzdem auf sich genommen. Warum? Ihre Mutter habe es als junges Mädchen bei den Winklers gut gehabt, berichtet Lydia Granzes Tochter Emmi: Es gab auch keinen Grund, gegen Juden zu sein. Ihre Mutter hat später nie ein Aufheben wegen des Taschentauschs gemacht: Lydia Granze hat für ihre mutige Tat keine Ehrung erhalten und keinen Orden. Das hätte sie auch gar nicht gewollt, glaubt ihre Tochter Emmi.
Jetzt ist ihre Mutter doch noch geehrt worden - mit einem kleinen Kapitel in dem Buch Spuren der Menschlichkeit der Autorin Renate Kingma. Diese hat zahlreiche Geschichten von Judenrettern aus dem Rhein-Main-Gebiet gesammelt - auch jene von Hugo Merz, dem Metzgermeister aus Zeilsheim. In der Pogromnacht von 1938 stand der Büdinger Viehgroßhändler Stern vor seiner Tür und flüsterte: Hugo, du mußt mir helfen! Und der Metzger Merz hat geholfen. Er hat Stern, bis dahin einer seiner Lieferanten, zum Bahnhof gefahren und ihm eine Fahrkarte nach Hamburg gekauft. Wochen später lag eine Ansichtskarte aus New York im Briefkasten der Familie Merz - ohne Absender. Aber Hugo Merz wußte schon, wer sie geschrieben hatte.
Was hat die Retter zu ihren Taten veranlaßt?
Auch Hugo Merz ist ein unbesungener Held. Einer von Tausenden in Frankfurt und vielen anderen Orten des damaligen Reiches. Sie haben, so sagt der Historiker Arno Lustiger, der sein Überleben im Arbeitsstollen selbst einem Retter verdankt, Deutschlands Ehre gerettet. Renate Kingma, die in ihrem Buch die Geschichte von etwa 50 Rettern aus Frankfurt und Umgebung erzählt, ist eine Studentin Lustigers am Fritz Bauer-Institut gewesen, weshalb dieser auch ein Vorwort verfaßt hat. Was hat die Retter zu ihren Taten veranlaßt? Manche haben Lustiger zufolge Hilfe aus Nächstenliebe geleistet, andere aus politischer oder religiöser Überzeugung, wieder andere aus Opposition gegen das Regime, und manche wollten einfach nicht ihre Freunde im Stich lassen.
Retter in Uniform heißt ein im Fischer-Verlag erschienenes Buch des Freiburger Historikers Wolfram Wette. Wer darin liest, was Männer wie beispielsweise Feldwebel Anton Schmid oder Hauptmann Wilm Hosenfeld gewagt haben, der muß eingestehen, daß selbst im Innern der Vernichtungsmaschine - und in diesem Zusammenhang ist das Wort wirklich angebracht - Widerstand möglich war. Lokalhistoriker wie Renate Kingma forschen seit geraumer Zeit auch dem stillen Widerstand nach, für den Lustiger den mittlerweile allseits anerkannten Begriff Rettungswiderstand geprägt hat.
Diese Spurensuche trägt zu einer dringend notwendigen weiteren Differenzierung des Geschichtsbildes bei. Raul Hilberg, der große Historiker des Holocaust, teilte das Nazi-Universum noch in drei Gruppen ein: Täter, Opfer und Zuschauer. Lustiger hat längst nachgewiesen, daß die Juden keineswegs allesamt Opfer waren, die sich, so eine Hilberg-Formulierung, willenlos zur Schlachtbank führen ließen, sondern in vielen Fällen aktiven oder passiven Widerstand geleistet haben. Und auch in der Gruppe der Zuschauer muß differenziert werden: in Mitläufer und in Widerständler.
Die Erinnerung an das große Morden weitertragen
Die wenigsten dieser Widerständler besaßen die Positionen und Möglichkeiten, die Stauffenberg und die anderen Verschwörer des 20. Juli 1944 hatten. Viele waren kleine Leute wie Heinrich Gill, Maschinenschlosser bei der Frankfurter Lokalbahn. Wegen judenfreundlichen Verhaltens verlor er seinen Arbeitsplatz, mehr steht über ihn nicht in den Akten. Renate Kingma hat einige solcher Unbekannten in ihr Buch aufgenommen. Moppel freilich, wie alle Karl Alt nannten, zählt nicht zu ihnen. Denn Moppel war ein bekannter Schiedsrichter bei der Eintracht. Er hat dafür gesorgt, daß Julius Lehmann, ein Jude, weiter in der Mannschaft spielen konnte und daß dieser Untergetauchte Lebensmittel erhielt.
Solche Helden braucht die Jugend - glauben mittlerweile viele, die sich darum bemühen, daß die Erinnerung an das große Morden weitergetragen wird in den nächsten Generationen. Doch wie sollen junge Menschen, für die der Nationalsozialismus und die Judenvernichtung ferne Geschichte sind, einen Zugang finden zu diesen Geschehnissen? Einen emotionalen Zugang und nicht nur einen kognitiven? Ein möglicher Weg ist die Identifizierung mit positiven Helden wie mit dem Judenretter Oskar Schindler zum Beispiel. Oder mit Lydia Granze, Hugo Merz oder Moppel, jenen Rettern im Kleinen, die das getan haben, was sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten tun konnten - und sei es nur, einen Verfolgten eine Nacht lang zu berherbergen, wie dies Margrit A. aus Langen einmal getan hat.
Erich Mannheimer hieß der Mann, Margrit A. kannte ihn aus der Tanzschule Alf Berne an der Bockenheimer Landstraße. Berne war mehrmals von der Gestapo verwarnt worden, weil er weiterhin jüdische Tanzschüler zuließ. Ich frag' die doch nicht nach ihrer Konfession, wenn sie bei mir tanzen lernen wollen, sagte der Tanzlehrer immer. Eines Abends rief Berne bei Margrit A. an und fragte, ob sie nicht den Mannheimer für eine Nacht aufnehmen könne, weil dieser von der Gestapo abgeholt werden solle. Sie sagte zu, ließ den Gesuchten in ihrem möblierten Zimmer im Haus Oederweg 14 übernachten. Wir haben die ganze Nacht miteinander geflüstert, erinnert Margrit A. sich. Was aus Mannheimer geworden ist, weiß sie nicht. Renate Kingma hat an die 50 solcher Helden in ihr Buch aufgenommen - und ihr Heldenlied so unakademisch gesungen, daß auch Nichtfachleute und vor allem Schüler ihm interessiert lauschen werden.
Spuren der Menschlichkeit. Hilfe für jüdische Frankfurter im Dritten Reich, Renate Kingma. CoCon-Verlag Hanau, 12,80 Euro.
Text: F.A.Z., 22.11.2006
Bildmaterial: CoCon-Verlag
Mainz stürmt mit 5:0 gegen Wehen Wiesbaden an die ![]()
US-Wahlkampf: Ohne Samthandschuhe in den Schlamm
Hochbauamt Frankfurt: Ausbau des FSV-Stadions teurer
Wie ist die harsche Fan-Kritik an Eintracht Trainer Funkel zu werten?