Hochschule

Fälschungsvorwürfe jahrzehntelang ignoriert

Von Sascha Zoske

Der umstrittene Anthropologe Reiner Protsch von Zieten

Der umstrittene Anthropologe Reiner Protsch von Zieten

17. Februar 2005 Die mündliche Urteilsverkündung fiel aus - das Ende der wissenschaftlichen Karriere des Reiner Protsch von Zieten an der Goethe-Universität wurde am Donnerstag per E-Mail besiegelt. Statt die Presse wie beim ersten Anlauf einzuladen, verschickte die Hochschule das Fazit des Berichts der „Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten“ auf dem elektronischen Postweg. Daß der Anthropologe Protsch offenbar 30 Jahre lang Meßergebnisse gefälscht, dreist bei Fachkollegen abgeschrieben und Eigentum der Universität zu entwenden versucht hat, mochten Universitätspräsident Rudolf Steinberg und die Kommissionsmitglieder der Öffentlichkeit vielleicht deshalb nicht persönlich mitteilen, weil sie einen unangenehmen Auftritt von Protschs Anwalt Ulrich Koch fürchteten. Der hatte vor einem Monat die geplante Pressekonferenz wegen Mißachtung einer Anhörungsfrist gerichtlich verbieten lassen. Steinberg hatte Koch damals des Saales verwiesen - auf ein Wiedersehen wollte der Präsident wohl verzichten.

Vernichtender als die schriftlichen Darlegungen über Protschs akademisches Wirken hätten persönliche Erläuterungen allerdings auch nicht sein können. Das Untersuchungsgremium, dem zwei Naturwissenschaftler, eine Geisteswissenschaftlerin und ein Jurist angehören, legt dem Forscher eine lange Reihe teils bizarrer Verfehlungen zur Last: Protsch habe Datierungen von Knochenfunden manipuliert, weil er gängige Methoden zur Altersbestimmung wie die Radiokarbon-Methode nie richtig beherrscht habe. Er habe Erkenntnisse anderer Wissenschaftler in eigenen Publikationen verwendet, ohne die wahren Urheber zu zitieren.

Mitarbeitern schwer geschadet

Er habe Inventarnummern von Schädeln gefälscht, um Eigentum der Hochschule als sein eigenes deklarieren zu können, und wichtige Zeugnisse aus der NS-Vergangenheit des Anthropologischen Instituts bedenkenlos vernichtet. Protsch dagegen sieht sich als Opfer einer monumentalen Intrige. Die umstrittenen Radiokarbon-Datierungen stammten nicht von ihm, sondern von einem Assistenten. Die Schädel, die die Hochschule als ihr Eigentum reklamiere, gehörten ihm. Und er habe auch nie Texte von anderen als seine eigenen ausgegeben, sondern werde ordnungsgemäß als Koautor genannt. Beweise für diese Behauptungen ist der Professor der Öffentlichkeit bisher schuldig geblieben. Am Donnerstag hüllten sich sein Anwalt und er selbst in Schweigen.

Mit seinem Tun hat Protsch augenscheinlich nicht nur der Wissenschaft, sondern auch seinen Mitarbeitern schwer geschadet. Wegen einer falschen Datierung sei das Promotionsvorhaben eines Doktoranden gegenstandslos geworden, teilte die Universität mit. Der Betroffene soll jetzt Gelegenheit erhalten, eine neue Arbeit zu schreiben.

Protsch selbst, der sich laut Hochschule auf eigenen Wunsch in den Ruhestand versetzen ließ, hat nach der Zerstörung seines freilich schon lange beschädigten Renommees weitere empfindliche Konsequenzen zu fürchten. Die Untersuchungskommission empfahl, in dem gegen ihn anhängigen Disziplinarverfahren eine teilweise oder vollständige Aberkennung des Ruhegehalts zu prüfen. Überdies ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft gegen den Gelehrten wegen versuchter Unterschlagung von Uni-Eigentum; ein Ende der Untersuchungen ist noch nicht in Sicht.

Schon vor vielen Jahren Mißtrauen auf sich gezogen

Zu beurteilen waren und sind indes nicht nur die Fehlleistungen eines Mannes, der durch exzentrisches Gebaren und Unstimmigkeiten in seinen Publikationen schon vor vielen Jahren Mißtrauen auf sich gezogen hat. Die Universitätskommission mußte auch zu ergründen versuchen, warum Protschs Umfeld sein Verhalten jahrzehntelang tolerierte. Eine Mischung aus Angst, Ignoranz und falsch verstandener Solidarität, so die Diagnose, habe verhindert, daß Fachbereich und Hochschulleitung konsequent gegen den Professor vorgegangen seien. Schon bei der Berufung des vorher in den Vereinigten Staaten tätigen Gelehrten hätten Gutachter erhebliche Zweifel an dessen fachlicher Qualifikation geäußert. Spätestens aber 1984, nachdem ein Kollege Protsch in einer Fachzeitschrift fehlerhaften Umgang mit Zitaten vorgeworfen hatte, hätte nach Ansicht der Kommission gehandelt werden müssen.

Für das kollektive Versagen entschuldigte sich Uni-Präsident Steinberg am Donnerstag in einer Mitteilung "bei allen durch Herrn Protsch Geschädigten"; soweit das möglich sei, werde er den Betroffenen sein Bedauern auch schriftlich übermitteln. Im Gespräch mit dieser Zeitung fügte er hinzu: "Es haben viele einfach weggeschaut." Ein Verdikt, das wohl auch für seine Amtsvorgänger gilt - über deren Anteil an der Schuld mochte sich Steinberg allerdings nicht äußern. Daß noch gegen andere Mitglieder der Universität disziplinarrechtlich vorgegangen werde, könne er nicht ausschließen. Grundsätzlich habe die Hochschule nun aber "ihre Hausaufgaben gemacht". Und sie werde das auch künftig tun, wenn es darum gehe, wissenschaftlichem Fehlverhalten vorzubeugen: Vom Diplomanden bis zum neuberufenen Professor sollen künftig alle Forscher auf die Grundregeln seriösen Arbeitens hingewiesen werden.

Bildmaterial: dpa/dpaweb

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