Von Birgit Adolf
15. April 2007 Um kurz vor 23 Uhr ist es soweit: Unter dem Jubel der Fans betritt die fünfköpfige Mannschaft des Clans aTTaX“ die Bühne im Saalbau Griesheim. mooN“, approx“, Chef-Koch“, paN“, und roman“, wie die fünf jungen Männer zwischen 18 und 25 Jahren sich nennen, sind die Favoriten des heutigen Abends. Das Counterstrike-Team, das von der hessischen Computerversandfirma Alternate gesponsert wird, hat einen klaren Heimvorteil.
Die Gegner des Clans mTw“ werden ausgebuht. Wenn sich die Teams später als Kämpfer in der virtuellen Welt des Counterstrike wiedertreffen, werden sie von den lautstarken Fans nichts mehr mitbekommen. Denn dann sitzen sie hinter der Bühne in abgetrennten Räumen, unter Aufsicht ihres Managers und eines Schiedsrichters, der darauf achtet, dass im Spitzenspiel der bisher ungeschlagenen Counterstrike-Mannschaften alles korrekt abläuft.
Preisgelder von mehr als 300.000 Euro
Computerspielen als reiner Freizeitspaß? Das war einmal. Heute wird diese Beschäftigung von einer wachsenden Zahl junger Menschen professionell, als sogenannter E-Sport, also elektronischer Sport, betrieben. Die Anhänger verstehen ihre Aktivitäten als eigene Sportdisziplin, die sowohl Spielkönnen, wie Koordination und Reaktionsschnelligkeit, als auch taktisches Verständnis erfordere. In China und Korea ist der elektronische Sport bereits offiziell anerkannt.
Auch in Deutschland gibt es seit einigen Jahren eine Profi-Szene. Trafen sich die Computer-Fans Mitte der neunziger Jahre noch mit dem eigenen Rechner unter dem Arm auf privaten LAN-Turnieren, so gibt es inzwischen eine Electronic Sports League“, kurz ESL. Sie wird von Turtle Entertainment betrieben. Das in Köln ansässige Unternehmen ist nach eigenen Angaben der führende Veranstalter im elektronischen Sport. Die ESL hat inzwischen über 630.000 Mitglieder, Tendenz steigend“, sagt Ibrahim Mazari, Pressesprecher von Turtle Entertainment. Und die offizielle Website der ESL liege mit mehr als 120 Millionen Seitenaufrufen im Monat unter den Top 20 aller deutschsprachigen Websites, fügt er stolz hinzu.
In der Profi-Klasse der ESL, der Pro Series, spielen die besten deutschen Computerspieler und Teams mittlerweile um Preisgelder von mehr als 300.000 Euro jährlich. Was im Fußball die Vereine, sind im E-Sport die Clans, die im Wettbewerb gegeneinander antreten. Wie im Fußball werden die Profi-Mannschaften von Unternehmen gesponsert. Nicht nur mit T-Shirts, auch mit einem monatlichen Grundgehalt, das mehrere hundert Euro betragen kann. Und wie bei einem Fußballspiel kommen auch die Fans des E-Sports zu öffentlichen Großveranstaltungen zusammen, um ihre Stars live beim Spielen zu erleben.
Vier bis fünf Stunden Counterstrike täglich
Die Intel Friday Night Game“ im Saalbau Griesheim ist eine solche Veranstaltung. Zehnmal je Saison findet dieses Ereignis in den größten deutschen Städten statt. In Frankfurt sind an diesem Abend rund 800 E-Sport-Fans gekommen, die meisten von ihnen junge Männer zwischen 16 und 22 Jahren. Nicole Herget, 34 Jahre alt, ist in jeder Hinsicht eine Ausnahme. Als berufstätige Mutter komme ich nur abends zum Spielen“, sagt sie. Vier bis fünf Stunden Counterstrike seien ihr tägliches Pensum. Die 17 Jahre alte Francesca Iuliano bringt es sogar auf bis zu neun Stunden täglich, zu Trainingszwecken“.
Wie die meisten andern auch, sind die beiden Frauen wegen des Live-Spiels im Counterstrike gekommen, des bekanntesten und umstrittensten Spiels der Szene. Über die Vorurteile gegenüber dem angeblichen Killerspiel“ können beide nur den Kopf schütteln. Man lerne andere Leute kennen und arbeite daran, besser zu werden – das sei der wahre Reiz des Spiels, findet Iuliano. Ähnlich äußern sich die Profis, die inzwischen hinter der Bühne ihre Plätze eingenommen und sich warm gespielt haben. Als Einzelgänger kommt man beim Counterstrike nicht weit“, sagt mooN“ alias Jan Stolle, der Kapitän des aTTaX“-Clans. Es gehe nicht darum, auf Menschen zu schießen, sondern als Team ein Strategie-Spiel zu gewinnen. Der Mathematikstudent finanziert sich mit dem Computerspielen sein Studium.
Per Münzwurf wird ausgelost, welches der beiden Teams zuerst in die Rollen der Terroristen schlüpft, die eine Bombe legen wollen. Die andere Mannschaft übernimmt die Aufgabe der Anti-Terror-Einheit. Ihr Job ist es, die Bombe rechtzeitig zu entschärfen. Nach einer Stunde Fingerakrobatik an Maus und Tastatur steht der Sieger fest: aTTax“. Die Mannschaft gewinnt drei Punkte und rückt näher an die Tabellenspitze heran, die Fans gehen zufrieden nach Hause. Wie im Fußball.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Bischof