Von Lucia Lenzen
09. Juni 2005 Nicht jeder hat bei der Wortkombination Bus und Lesen ein gutes Gefühl im Bauch, denn das gemütliche Schmökern bei einer Fahrt in den schaukelnden Riesen kann übel enden. Der bunte Bus auf dem Parkplatz Stresemannallee, Ecke Mörfelder Landstraße bewegt sich allerdings keinen Zentimeter. Mit angezogener Handbremse steht er einfach nur da und lädt zu nichts anderem ein als zum Lesen.
Nur Autobücherei: Das Hinweisschild an der Haltestelle Sachsenhausen ist so gut wie zugewuchert. Hier stoppt die Fahrbibliothek der Stadtbücherei Frankfurt jeden Montag mittag. Wer sich nicht auskennt, sollte warten, bis der knallige Bus um die Ecke biegt, denn das Bücherregal auf Rädern ist nicht zu übersehen. Seinen Außenanstrich ziert das täuschend echte Abbild eines überdimensionalen Bücherei-Regals. Fast sieht es aus, als könne man ein Exemplar herausziehen.
Der Schmökerstoff ist gut verstaut
Seit zwanzig Jahren ist Bibliothekar Rainer Vinnai mit der Fahrbibliothek unterwegs. Er sitzt hinter der vorderen Ausleihtheke direkt hinter dem Fahrersitz. Vor seinen Augen erstreckt sich das schlauchförmige Lese-Reich: Auf auberginefarbenem Sisal ragen rechts und links an den Buswänden helle Holzregale bis unter das Dach und bieten jede Menge Platz für den gut sortierten und fest verstauten Schmökerstoff.
Damit kein Buch aus dem Regal plumpst, sind die Fächer leicht angeschrägt. Variabel einstellbare Bücherstützen pressen die Titel zusätzlich mit sanften Druck aneinander. Hier bewegt sich nichts, demonstriert Vinnai stolz die Haltemechanik. Nur wenn man die Kurve zu scharf nimmt, fällt schon mal ein Meter, ergänzt er. Zusätzlich bieten auf dem Boden verankerte Kästen Platz für große Bildbände oder Platten. Vor der Ausleihtheke steht eine gepolsterte Bank.
So wirst du ein Lesestar
Seit 1958 gibt es die fahrbare Bibliothek in zweifacher Ausführung. Das ältere Bus-Modell muß allerdings bald durch einen Neuen ersetzt werden. Dazu holt die Bücherei gleich von mehreren Firmen Angebote ein, denn die Ausgabe von rund 400 000 Euro will gut überlegt sein. Die ganze Woche über sind die beiden zwölf Meter langen Lesebusse in Frankfurts Stadtteilen unterwegs. Dabei ist der mobile Ausleihservice vor allen Dingen für Gebiete ohne eigene Stadtteil-Bibliothek gedacht. Die Haltestellen werden zum größten Teil alle vierzehn Tage, einige auch wöchentlich angefahren.
So wirst du ein Lesestar - wie erfährst du im Bus, die Verheißung auf dem grünen A4-Plakat an der Bustür wirkt. Nach den ersten fünf Minuten Ruhe belebt sich der schmale Gang des Busses. Ein Kind nach dem nächsten stapft die drei gepolsterten Stufen hoch, um die kostbare Stunde des Aufenthalts zwischen TKKG-Büchern, Astrid-Lindgren-Hörbüchern oder Malen nach Zahlen zu verbringen.
Die Kinder finden den Bus spannend
Unsere Hauptzielgruppe sind Kinder und Jugendliche bis 16 Jahre, beschreibt Rainer Vinnai das Publikum, während er die hochklappbare Hälfte der Theke hinter sich schließt. Deswegen führten sie auch in erster Linie Kinderliteratur, Romane und Bücher zur Schülerhilfe. Insgesamt 4500 Medien stehen im Bus zur Auswahl. In der linken Seite seiner Theke verbirgt sich eine Schublade. Aus der zaubert er nun den alphabetisch sortierten Kasten mit den Ausleihkärtchen und ein paar rote Gummis hervor. Manchmal kommen auch Senioren und junge Mütter mit Kleinkindern. Die Ausleihbedingungen sind dabei für alle gleich. Man muß nur Mitglied der Stadtbücherei sein, sagt Vinnai. Das ist für Kinder bis 18 Jahre umsonst, für Erwachsene beträgt der Jahresbeitrag zehn Euro.
Thoralf Sommerhorn trägt den Was ist Was-Band 20: Reptilien und Amphibienzur Theke. Der zehn Jahre alte Schüler mit den Sommersprossen kommt alle vierzehn Tage in den Bus. Seine Mutter stöbert inzwischen in den Schubfächern mit Frauenzeitschriften. Die Kinder finden den Bus als solches schon so spannend, da braucht man gar nicht erst nachzuhelfen, sagt sie und holt sich bei Rainer Vinnai einen Stempel. Auch Fatiha Thomas aus Marokko kommt gerne in das Lesemobil. Sie leiht für ihren fünf Jahre alten Sohn Mohamed gerade Das tapfere Schneiderlein aus. Er soll sich früh an Bücher gewöhnen. Sie selbst entscheidet sich meist für Kochbücher.
Manche Bezirke haben keinen Bezug zum Buch
Der zweite Mitarbeiter im Bus ist Ernö Wachtler. Im Gegensatz zu Vinnai ist er erst seit 18 Jahren im Bus-Team. Während er die neueste Lieferung Drei Fragezeichen-Kassetten zurechtrückt, plaudert er über die Arbeit. Besonders gut gefalle ihm der persönliche Kontakt zu den Stamm-Besuchern. Das sei allerdings längst nicht überall so: Manche Bezirke haben eben keinen Bezug zum Buch. Gehe es dann allerdings darum, eine Haltestelle aufgrund ihrer geringen Besucherzahlen zu schließen, schlage schneller als gedacht der Ortsbeirat Alarm.
Doch derlei Aufregung gibt es im Lesebus-Alltag selten. Außerdem bleibt man hier sowieso stets gelassen - auch wenn die Schlange vor der Ausleihtheke manchmal ziemlich lang wird. Um so schöner ist es dann, nach einer Stunde einfach wieder weiterfahren zu können. Ganz fahrplanmäßig natürlich.
Um Punkt halb drei geht das Lesemobil auf Tour
So schwingt sich Ernö Wachtler auch heute um Punkt halb drei hinter das Steuer. Um das Lesemobil fahren zu dürfen, bedarf es nur eines Lastwagen-Führerscheins und ein wenig technischen Geschicks. Nach Vinnai gab es allerdings auch schon Mitarbeiter mit kompletter Mechaniker-Ausbildung. Doch das ist eigentlich übertrieben. Sollte wirklich einmal unerwartet ein Teil des Busbetriebssystems kaputtgehen, gibt es ja immer noch die wertvolle Lese- Hilfe aus dem Sortiment: Was ist Was-Band 37: Die Mechanik.
Den Haltestellen-Fahrplan der Fahrbibliothek und weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stadtbuecherei.frankfurt.de oder unter der Telefonnummer 21245774.
Text: F.A.Z. / Rhein-Main-Zeitung vom 10 Juni 2005
Bildmaterial: F.A.Z., Wolfgang Eilmes