Tourismus

Morgens Zeil, abends Hofbräuhaus

Von Marcus Jung

01. August 2006 Mit langen Schritten eilt Zheng Wenshen über die Zeil. Von „Fa-Lan-Ke-Fu“, wie chinesische Touristen die Mainmetropole nennen, hat der großgewachsene Unternehmer an diesem Morgen das Wichtigste schon gesehen: Seine Reisegruppe aus Zhangye, einer Millionenstadt im Nordwesten Chinas, hat Römer, Paulskirche, Alte Oper und Börse von außen bestaunt und auf zahlreichen Fotos verewigt. Ihr Reiseleiter, ein junger Chinese, der in Paris lebt, weiß wenig über Frankfurt zu berichten.

Aber für den fußballverrückten Zheng ist es die Stadt, in der sein Landsmann Chen Yang Ende der neunziger Jahre für die Eintracht stürmte. „Deutschen Fußball kennen wir gut aus dem Fernsehen. Durch die WM haben wir in China viel von Frankfurt und der Begeisterung der Menschen mitbekommen“, erzählt Zheng. Daher verbindet er mit der Stadt Fußball und feiernde Menschen. Andere Landsleute sehen in Frankfurt die Geburtsstadt Goethes, dessen Werke in China sehr bekannt sind, oder eine Art Einkaufszentrum für Markenware.

Reiselust der Chinesen ist ungebrochen

Was auch immer chinesische Touristen nach Deutschland führt - Fakt ist, daß ihre Zahl seit Jahren immer stärker steigt. Laut der Deutschen Zentrale für Tourismus nimmt Deutschland mit rund 789.000 Übernachtungen chinesischer Touristen den Spitzenplatz unter den Staaten der EU ein, die 2004 mit der Volksrepublik eine Vereinbarung über Gruppenreisen abgeschlossen haben. In dem Abkommen wurde unter anderem die schnellere Abwicklung von Gruppenvisa geregelt. Trotz der „Visa-Affäre“ im vergangenen Jahr und der verschärften Kontrollen der Deutschen Botschaft in Peking ist die Reiselust der Chinesen ungebrochen. In Deutschland übernachten die meisten von ihnen in Frankfurter Hotels.

„Der chinesische Markt hat ein unglaubliches Potential, zumal jetzt nach der gesellschaftlichen Oberschicht auch die Mittelschicht des Landes mit dem Reisen anfängt“, sagt Günter Hampel von der Tourismus und Congress GmbH Frankfurt (TCF). Bis vor einigen Jahren wurden die wenigen chinesischen Touristen intern von der TCF unter der Rubrik der „sonstigen“ Besucher erfaßt. Nach starken Zuwächsen könnten sie laut Hampel die japanischen Touristen als die mit dem stärksten Übernachtungsanteil demnächst ablösen: „Vielleicht nicht in diesem Jahr, aber lange wird es sicher nicht mehr dauern.“ Die Statistik für das Jahr 2006 sehe bis zum Stichtag Ende Mai jedenfalls „sehr gut“ aus. So steigerte sich die Zahl chinesischer Gäste im Vergleich zum selben Vorjahreszeitraum um 33 Prozent auf 22 669, die Zahl der Übernachtungen stieg um rund 13 Prozent auf 42 374. Allerdings stellt die TCF auch fest, daß zwar mehr Chinesen nach Frankfurt kommen, aber nur für eine Nacht bleiben.

Nach dem Vorbild des japanischen Reisemodells wollen Chinesen binnen zwei Wochen möglichst viel von Europa sehen. Paris, Amsterdam, Köln, einen Vormittag Frankfurt und abends noch Biertrinken im Münchner Hofbräuhaus, danach über Österreich weiter nach Rom - so sieht der Reiseplan vieler Gruppen aus. „Ständig in Bewegung sein, so wie sie es von ihrem Leben in China gewohnt sind“, so beschreibt Carsten Senz von der Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft den Antrieb der Touristen. Der Sinologe begleitet die Gäste auf ihrem Rundgang durch die Frankfurter Innenstadt. Weil er während seines Studiums in China gelebt hat, kennt er die Mentalität der Menschen und beherrscht die wichtigste Landessprache Mandarin perfekt.

„Reisegeschenke gehören zur chinesischen Tradition“

Als um zehn Uhr morgens die Geschäfte an der Zeil öffnen, wird der Stadtrundgang jäh beendet. Die Touristen aus Fernost lieben es, in Frankfurts Geschäften einzukaufen, Ausgaben bis zu 1000 Euro sind dabei keine Seltenheit. „Reisegeschenke für Verwandte und Freunde mitzubringen ist ein wichtiger Bestandteil der chinesischen Tradition“, erklärt Senz. Neben Schmuck seien bei den Chinesinnen vor allem Haushaltswaren „made in Germany“ gefragt - und tatsächlich kaufen die Damen aus Zhangye Bestecke von WMF und Messer der Marke Zwilling, die laut Senz auch in einem Werk in China produziert würden. Überhaupt spiegele sich hier ein Paradoxon des chinesischen Konsumverhaltens wider:

Die Touristen wissen, daß sie in Frankfurt Ware einkaufen, die sie auch als günstiges Plagiat in China erwerben könnten. Doch für viele Chinesen ist es wichtig, mit dem Verschenken eines Markenartikels die eigene gesellschaftliche Stellung in ihrem Heimatland zu erhöhen.

Auch die männlichen Teilnehmer der Reisegruppe haben ein stark ausgeprägtes Markenbewußtsein - an jedem ihrer Kleidungsstücke prangt gut sichtbar ein bekanntes Designerlabel. „Adidas, Nike, Puma“, so faßt der Unternehmer Zheng seine Hauptinteressen zusammen. In der Sportabteilung kauft er zunächst die neuesten Modelle für seine Kinder ein, dann will auch er sich ein Paar Schuhe leisten. Für seine Schuhgröße findet er an diesem Tag jedoch kein Modell, das ihm gefällt. Da könne man nichts machen, scheint seine Geste ausdrücken zu wollen - aber vielleicht wird er ja in München oder Rom fündig.



Text: F.A.Z., 02.08.2006
Bildmaterial: F.A.Z. - Anna Mutter

 

Haben Sie schon eine Feinstaub-Plakette für die Frankfurter Umweltzone?

Ergebnis
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche