Anne Frank

Lebenszeichen aus Amsterdam

Von Hans Riebsamen, Frankfurt

Mit ihrem Tagebuch wurde das Schicksal einer ganzen Familie bekannt: Anne Frank

Mit ihrem Tagebuch wurde das Schicksal einer ganzen Familie bekannt: Anne Frank

18. Oktober 2009 Anne Frank ist die weltweit bekannteste Frankfurterin. Ein eigenes Grab blieb dem Mädchen aus Frankfurt, dessen Tagebuch Millionen Leser gefunden hat, versagt. Im März 1945 wurden ihre Leiche und die ihrer Schwester Margot im KZ Bergen-Belsen wohl in einem Massengrab verscharrt. An der Mauer des alten jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße hat Annelies Marie Frank mit 11 132 anderen ermordeten Frankfurter Juden ein symbolisches Grab gefunden.

Anne Frank hat nur vier Jahre in Frankfurt gelebt. Als sie Ende 1933 mit ihrer Schwester und ihrer Mutter zur Großmutter Rosa Holländer nach Aachen und später zum schon vorher emigrierten Vater nach Amsterdam zog, war damit die Geschichte eines alten Frankfurter Geschlechts aus der Judengasse beendet. Mirjam Pressler, die sich kürzlich mit einer neuen Übersetzung von Annes Tagebuch Verdienste erwarb, hat jetzt die Geschichte der Familie von Anne Frank in einer Art dokumentarischem Roman niedergeschrieben. Ihr anrührendes Werk „Grüße und Küsse an alle“ ist zur Buchmesse beim Verlag Fischer erschienen.

Frankfurt war für Anne Franks Großmutter die Stadt ihrer Jugend

Elkan Judah Cahn, den man als Frankfurter Stammvater der Familie bezeichnen kann, hat noch in der Judengasse gelebt. Nachdem diese 1796 durch französische Truppen beschossen worden und teilweise abgebrannt war, siedelten sich viele Juden in der Stadt an. Elkan Judah Cahn etwa wohnte an der Langestraße, später kaufte er sich ein Haus an der Hochstraße. Seine Enkelin Alice, die Großmutter Anne Franks, hat den Bankier Michael Frank geheiratet, dessen Familie aus Landau in der Pfalz stammte.

Diese Alice ist in den Jahren der nationalsozialistischen Verfolgung der Mittelpunkt der Familie gewesen, im Exil in Basel hat sie die Franks zusammengehalten, soweit dies in jener schwierigen Zeit möglich gewesen ist. Ihre Heimat war Frankfurt, die Stadt ihrer Kindheit, ihrer Jugend, ihrer Jahre als Ehefrau und Mutter. Freiwillig wäre sie nie aus Frankfurt weggezogen. Doch die Situation wurde für sie und ihre vier Kinder gegen Ende der Weimarer Republik immer schwieriger. Die Bank, die ihr Mann Michael gegründet hatte, war nach dem Börsenkrach vom Oktober 1929 kaum mehr handlungsfähig.

Ein antisemitische Hauseigentümer kündigte Familie Frank die Wohnung

Ihr Schwiegersohn Erich Elias, der mit ihrer Tochter Leni (Helene) verheiratet war, zog als Erster die Konsequenzen und ging 1929 in die Schweiz, wo er eine Vertretung der deutschen Geliermittel-Fabrik Opekta aufbaute. Er hat Otto Frank, dem Vater Annes, 1933 das Angebot verschafft, für die Opekta eine Filiale in Amsterdam zu gründen. Dort, im Hinterhaus dieser Firma, hat sich die Familie Frank mehr als zwei Jahre lang versteckt und Anne ihr berühmtes Tagebuch geschrieben.

Viele Abende lang hat Alice Frank mit ihren Söhnen Otto und Robert, die nach dem Ausscheiden des dritten Bruders Herbert das Frankfurter Bankhaus weiter betrieben, darüber diskutiert, ob die Familie in Frankfurt bleiben könne. Die Zeichen der Gefahr mehrten sich: 1931 kündigte der antisemitische Hauseigentümer Otto Frank die Wohnung am Marbachweg; Otto, seine Frau Edith und die beiden Mädchen Margot und Anne zogen in die Ganghoferstraße. Ein gutes Jahr später gaben sie die neue Wohnung auf und quartierten sich, um Geld zu sparen, bei Annes Großmutter Alice in der Mertonstraße ein.

Annes Schwester und andere jüdische Mädchen wurden ausgegrenzt

Als nach der Kommunalwahl 1933 der jüdische Oberbürgermeister Ludwig Landmann unter Drohungen zum Rücktritt und zur Flucht erst nach Berlin und dann nach Holland genötigt wurde und der Nationalsozialist Friedrich Krebs erster Mann der Stadt wurde, sahen die Franks keine Zukunft mehr für sich in Deutschland. Verstärkt wurde ihr Pessimismus dadurch, dass Annes Schwester Margot in der Schule gezwungen werden sollte, mit anderen jüdischen Mädchen auf einer separaten Bank hinten im Klassenzimmer zu sitzen.

Seinem Neffen Buddy Elias, dem heute einzigen noch lebenden Verwandten, der Anne gekannt hat, erzählte Otto Frank mehrfach, wie die Entscheidung zur Emigration gefallen sei. Vom Fenster der Bank aus habe er, Otto, SA-Leute vorbeimarschieren sehen, die sangen: „Und wenn das Judenblut vom Messer spritzt, ei da geht’s noch mal so gut.“ Mit dem Verkauf des Hauses an der Mertonstraße an einen lothringischen Kaufmann hat Großmutter Alice die Brücken abgebrochen, am 21. September 1933 verließ sie die Stadt und zog zu Tochter Leni nach Basel.

Ausgrenzung auch in den Niederlanden

Der erste erhalten gebliebene Brief Annes an die Großmutter kam zu Alices Geburtstag am 20. Dezember 1938 aus Amsterdam in die Baseler Herbstgasse 11. „War Chanuka auch bei euch gewesen, bei uns wohl und es gab viel zu snoepen (schlecken).“ Der Brief war noch in deutscher Sprache verfasst, später schrieb Anne in Niederländisch. Im Sommer 1941 vermeldet sie nach Basel: „Ich habe kaum Gelegenheit, braun zu werden, weil wir nicht ins Schwimmbad dürfen, das ist sehr schade, aber nicht zu ändern.“ Die Ausgrenzung der Juden war auch in den Niederlanden in vollem Gange.

Vor dem Untertauchen im Hinterhaus kommt Ende Juli 1942 ein letztes Lebenszeichen der Familie Frank aus Amsterdam. „Liebste Lunni“, so redet Otto Frank seine Schwester Leni an, „wir gratulieren Dir alle schon heute zu Deinem Geburtstag.“ Einem Geburtstag, der freilich erst im September zu feiern gewesen wäre. Annes Vater hat wohl schon gewusst, dass er mit der Familie demnächst in das vorbereitete Versteck ziehen wird, und schickt deshalb noch einen letzten Gruß. „Daß wir mit der I. (Mutter Alice) und den Ihren nicht mehr korrespondieren können, ist bedauerlich, lässt sich aber nicht ändern.“ An diesem Satz wird sich die Verwandtschaft in Basel in der nun folgenden nachrichtenlosen Zeit festhalten. Er wird als Hinweis darauf gedeutet, dass die Franks untergetaucht sind. Die Hoffnung wird bestärkt durch einen Brief von Johannes Kleiman vom Mai 1943. Der holländische Freund Ottos und damalige Geschäftsführer der Opekta schreibt einen scheinbar rein geschäftlichen Brief, in dem aber ein persönlicher Satz auftaucht: „Unsere Kleine ist inzwischen so groß wie meine Frau.“ Kleiman hatte aber gar keine kleine Tochter. In Basel wertet man diese Formulierung als versteckten Hinweis auf Anne und Margot.

„Meine ganze Hoffnung sind die Kinder“

Die Ungewissheit über das Schicksal der Franks in Amsterdam endet für die Angehörigen in Basel auch mit der Kapitulation Deutschlands nicht. Denn die Post und Telefonverbindungen sind noch lange unterbrochen. Im Juni 1945 erreicht die Verwandten in Basel ein Brief Ottos, geschrieben am 15. Mai auf dem neuseeländischen Dampfer „Monowai“, der ihn, den von den Russen befreiten KZ-Häftling, von Odessa nach Marseille gebracht hat. Vater Frank weiß, dass seine Frau Edith Auschwitz nicht überlebt hat. „Meine ganze Hoffnung sind die Kinder“, schreibt er den bis dahin ahnungslosen Familienmitgliedern in Basel. „Ich klammere mich an die Überzeugung, dass sie am Leben sind und wir bald wieder zusammen sein werden.“ Erst jetzt wurde Großmutter Alice und den anderen klar, dass Otto und seine Familie in Auschwitz gewesen waren.

Am 18. Juli 1945 fand Otto Frank heraus, dass seine beiden Mädchen tot waren. Auf Listen des Roten Kreuzes entdeckte er hinter den Namen Margot Betti Frank und Anneliese Marie Frank ein Kreuz. Lien Brilleslijper und ihre Schwester Janni waren Anne und Margot in Bergen-Belsen begegnet. Anfang März 1945 fanden sie die beiden in der Krankenbaracke. Margot habe nur noch flüstern können, berichten die beiden Freundinnen Vater Otto Frank. Auch Anne habe hohes Fieber gehabt, sei aber freundlich und lieb gewesen. Sie habe gesagt: „Margot wird gut schlafen, und wenn sie schläft, brauche ich nicht mehr aufzustehen.“ Einige Tage später war die Pritsche leer. „Wir fanden sie hinter der Baracke, wickelten ihre dünnen Körper in eine Decke und trugen sie zu einem Massengrab“, berichten die Brilleslijper-Schwestern dem Vater.

Als die Nachricht in der Herbstgasse in Basel eintrifft, sind die Angehörigen, die bis dahin gehofft hatten, Anne und Margot würden noch leben, fassungslos. Leni versucht ihre Mutter zu trösten: „Du hast doch immer gepredigt, man müsse den Blick auf die Zukunft richten.“ Alice Frank fragt: „Welche Zukunft?“

Mirjam Pressler: „Grüße und Küsse an alle. Die Geschichte der Familie von Anne Frank“. Fischer-Verlag, 22,95 Euro. Am nächsten Donnerstag stellt die Autorin das Buch um 20 Uhr im Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2, vor. Zu Gast sind Buddy Elias, Anne Franks Cousin, und seine Frau Gerti.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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