Von Lisa Uphoff
23. Januar 2007 Bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft macht sich derzeit blankes Entsetzen, große Wut und ohnmächtiges Staunen“ breit, wie Landeschef Jochen Nagel berichtet. Grund ist das Programm Erfahrung hat Zukunft“ des Landes Hessen und der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit mit dem sperrigen Untertitel Beschäftigungsprogramm 50 plus für arbeitslose und von Arbeitslosigkeit betroffene Ältere“.
Von Februar an sollen dabei sogenannte Servicekräfte für pädagogische Hilfsleistungen und Arbeitscoaches in die Hauptschulen geschickt werden. Während sich Hans-Rolf Eifert, Leiter des Staatlichen Schulamtes Frankfurt, einen großen Gewinn“ für die Schulen verspricht, moniert die GEW, dass nach der Unterrichtsgarantie plus (Uplus) nun auch durch ,50 plus‘ die Standards des pädagogischen Berufs erneut und systematisch heruntergefahren werden“.
GEW: Qualität bleibt auf der Strecke
Derzeit werden die in Frage kommenden Kandidaten noch von der Bundesagentur ausgesucht. Nach einer einmonatigen Motivationsphase“ durch die Agentur sollen die Kandidaten ein fünfmonatiges Praktikum verbunden mit einer Qualifizierung“ durch die Staatlichen Schulämter absolvieren und dann von August an für 18 Monate einer geförderten sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung“ in den Schulen nachgehen, heißt es im Konzept. Die Servicekräfte sollen wie eine Art Schulassistent für die Beschaffung von Unterrichtsmaterialien, die Bedienung technischer Geräte, die Betreuung von Sammlungen oder die Verwaltung von Lehr- und Lernmitteln eingesetzt werden. Der Bedarf liegt laut Konzept zunächst bei 151 Personen.
Kritiker lehnen weniger diese Servicekräfte ab als die ebenfalls vorgesehenen Arbeitscoaches“, die unter anderem zur Betreuung der Betriebspraktika eingesetzt werden sollen. Die zentrale Aufgabe eines Arbeitscoaches ist die Betreuung der Jugendlichen im Rahmen einer beruflichen Orientierung, Vorbereitung oder Grundbildung“, heißt es. Die Personen müssen eine mehrjährige Berufserfahrung nachweisen und die Befähigung als Ausbilder nach dem Berufsbildungsgesetz vorweisen können bzw. im Rahmen ihrer Berufstätigkeit als Ausbilder eingesetzt gewesen sein“, lautet eine der Voraussetzungen.
Der GEW ist das nicht genug. Abermals würden die pädagogischen Notwendigkeiten missachtet“, so Nagel. Mit Billigprogrammen“ sollten pädagogische Standards heruntergefahren werden“. Die Schule werde ein Auffangbecken für alle politischen Probleme“, die Qualität bleibe auf der Strecke. Nagel schlägt den Bogen von den Förstern, die man zuerst in die Schulen gelassen hat, über U plus bis hin zu 50 plus“. Auch Letzteres sei keineswegs eine Ent-, sondern eine zusätzliche Belastung für die Kollegen, da die Teilnehmer in den Schulen zunächst umfassend instruiert werden müssten.
Schulleiter: Wir können nicht jeden losschicken
Schulleiter sprechen davon, dass schon wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird“. Inzwischen gebe es fast täglich ein neues Programm oder eine Reform. Die Frankfurter Hauptschulen verfügen über eine geballte Ladung an extrem auffälligen und defizitären Schülern. Da können wir keine Laien gebrauchen, selbst wenn sie als Handwerker noch so viel Erfahrung haben“, resümiert ein Schulleiter. Auch der im Konzept enthaltene Hinweis auf Kontakt mit den Eltern“ ärgert den Pädagogen: Bei uns braucht man allein für den Umgang mit den Eltern schon ein Studium, da können wir nicht jeden losschicken.
Ein anderer Schulleiter glaubt, dass das Kultusministerium mit allen Mitteln versucht, bis zum diagnostizierten Einbruch der Schülerzahlen, wahrscheinlich 2011, über die Runden zu kommen, nur um bis dahin keine neuen Lehrer einstellen zu müssen“. Vorsichtiger formuliert Reinhold Dallendorfer, Leiter der Schwanthalerschule. Er sei wegen des Projekts angesprochen worden und habe dankend abgelehnt“. Seine Schule beteilige sich schon am vom Frankfurter Schuldezernat organisierten Projekt der praxisorientierten Hauptschule. Dafür habe die Schule zwar einen über 50 Jahre alten Handwerksmeister engagiert, aber den haben wir uns selbst ausgesucht und nicht zugewiesen bekommen. Solche Leute sind ein absoluter Glücksgriff und leider sehr selten.“ Generell gelte, dass Lehrer nicht umsonst eine lange und anspruchsvolle Ausbildung machen müssen“.
Das findet auch die neue Vorsitzende des Landeselternbeirates, Kerstin Geis. Die Situation entwickele sich so, dass ich mich schon frage, ob irgendwann einmal der Tag kommt, an dem es keine pädagogischen Fachkräfte an Hessens Schulen mehr gibt.“
Amtsleiter: Schüler zur Berufsreife führen
Amtsleiter Eifert hingegen ist vor allem von den Arbeitscoaches begeistert. Diese sollten Agenten für Authentizität sein“ und vor allem schwache Hauptschüler für die Praxis und damit die Arbeitswelt begeistern. 14 Coaches beantragte Eifert für die sieben teilnehmenden Hauptschulen. Viele Schüler lassen sich von Praktikern wie Handwerkern beeindrucken und überzeugen, während Lehrer als Theoretiker nicht so dezidierte Einblicke in die Berufswelt vermitteln können.“ Zudem sei 50 plus keineswegs mit U plus vergleichbar: 50 plus ist ein gezieltes Programm speziell für Hauptschulen, um Schüler zur Berufsreife zu führen.“
Anders als bei U plus könnten die Schulen über die Teilnahme an dem Programm selbst entscheiden. Das Projekt sei natürlich von den jeweiligen Personen abhängig und könne nur funktionieren, wenn die Schule ein gutes Konzept habe und den Neuling in das Team integriere: Der Coach soll eine Bereicherung und eine Entlastung sein, kein Einzelkämpfer.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP