Biografie

Oskar Schindler - Opportunist und Held

Von Hans Riebsamen

27. Juli 2005 Wer war Oskar Schindler? Ein Hasardeur, ein Opportunist, ein Geschäftemacher - und ein Held. Der dies Urteil ausspricht, der amerikanische Historiker David Crowe, hat den Judenretter nicht persönlich gekannt, ist aber dennoch so tief in die Persönlichkeit dieses seltsamen und ungewöhnlichen Menschen eingedrungen wie sonst wohl keiner vor ihm. Denn Crowe hat die ganze Geschichte des Oskar Schindler erforscht: von dessen Geburt am 28.April 1908 im tschechischen Zwittau (Svitavy), bis zu seinem Tod am 9.Oktober 1974 im Hildesheimer Bernward-Krankenhaus. Daraus ist ein Buch mit 855 Seiten entstanden: „Oskar Schindler“.

Der Untertitel „Die Biographie“ ist keineswegs übertrieben - nicht allein, weil bisher keine historisch fundierte Lebensbeschreibung dieses „deutschen Helden“ vorlag, sondern auch, weil künftige Forscher Crowes monumentaler Arbeit wohl nicht mehr viel werden hinzufügen können. Der Historiker von der Columbia University in New York hat indes kein Heldenepos geschrieben, sondern das Bild eines zwiespältigen Mannes gezeichnet, der auch abstoßende Züge gezeigt hat: „Er war kein Good Guy“, beschrieb Crowe bei der Vorstellung seines Buches im Frankfurter Museum Judengasse den frühen Schindler.

Crowe hätte auch sagen können: „Er war ein Spion und ein Nazi.“ Jedenfalls bis zu seinen Rettungstaten. In Steven Spielbergs Film „Schindlers Liste“, durch den der Name Schindler weltweit bekannt wurde, trägt dieser ein NSDAP-Abzeichen. Was man bei Spielberg nicht erfährt, was aber Crowe bei seinen Recherchen herausgefunden hat: Schindler galt den Nationalsozialisten als vorbildlicher Kämpfer für die großdeutsche Sache. Denn zwei Jahre lang hatte er als V-Mann der deutschen Abwehr das Eisenbahnnetz der Tschechoslowakei ausspioniert und so die Besetzung des Landes durch die Wehrmacht vorzubereiten geholfen. Schindler war außerdem indirekt am Überfall auf Polen beteiligt. Er hatte polnische Uniformen besorgt, die in Berlin dann nachgeschneidert wurden für jene deutschen Soldaten, die am 31.August 1939 einen polnischen Überfall auf den deutschen Sender Gleiwitz vortäuschten. „Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“, verkündete Hitler danach am 1.September im Reichstag - der Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Apropos „Schindlers Liste“. Die gibt es nicht. Vielmehr gibt es mehrere Listen. Der Historiker Crowe hat bei seinen Recherchen mehr als ein Dutzend entdeckt, wie er im Museum Judengasse berichtete. Auch war Schindler faktisch nicht an der Erstellung der Listen beteiligt, auf denen die Namen jener Juden verzeichnet waren, die bei der Verlagerung von Schindlers Fabrik von Krakau ins tschechische Brünnlitz mitkommen durften und so der Ermordung entgingen. Vermutlich aus dramaturgischen Gründen ließ Spielberg in seinem Film Schindler die Namen seinem Berater Itzhak Stern diktieren. In Wirklichkeit hat, wie Crowe herausfand, Marcel Goldberg, ein bestechliches Mitglied des jüdischen Ordnungsdienstes im Lager Plaszow, die Namen zusammengestellt und mehrmals verändert, um ihm gefällige Häftlinge aufzunehmen.

Die Deutsche Emailwarenfabrik, ein ehemaliges jüdisches Unternehmen, in dem die Schindler-Juden arbeiteten, hatte Schindler nur deshalb pachten können, weil er beste Verbindungen zur deutschen Abwehr und zur lokalen SS-Führung besaß. Sein Ziel war es, Geld zu machen und dem Waffendienst zu entgehen. Beides ist ihm gelungen. Für den Biographen Crowe lautet eine der entscheidenden Fragen, wie und warum aus dem Hasardeur, dem Opportunisten, dem Nazifreund Schindler der Judenretter Schindler geworden ist. Die Veränderung habe sich schrittweise vollzogen, über einen längeren Zeitraum hinweg, glaubt der amerikanische Forscher.

Den einen entscheidenden Augenblick, da sich ihm die Augen geöffnet hätten, Schindler sehend geworden sei, habe es nicht gegeben. Gewiß war eines der Schlüsselerlebnisse Schindlers die Räumung des Krakauer Ghettos im März 1943. Er sah das Massaker im dortigen Kinderheim oder hörte zumindest davon, daß die SS-Leute, um Munition zu sparen, die Mädchen und Jungen sich so aufstellen ließen, daß sie mit einer Kugel gleich mehrere Kinder töten konnten. Itzhak Stern berichtet: „Schindler hat sich über Nacht verändert und war nicht mehr derselbe wie zuvor.“ Doch hatte seine Abkehr vom NS-System und seine Hinwendung zu „seinen“ Juden schon früher eingesetzt und sich nach und nach verstärkt.

Seine entscheidende Tat, so sieht es Crowe, war die Verlagerung seines Werks nach Brünnlitz und die damit verbundene Rettung der Juden, wofür er sein ganzes in Krakau zusammengerafftes Vermögen aufbrachte. Schindler hätte auch seine Fabrik schließen und sich mit seinem Geld nach Westen absetzen können, argumentiert Crowe. Daß er es nicht getan habe, daß er stattdessen sein Vermögen eingesetzt und sein Leben riskiert habe für seine Arbeiter, belege, daß der ihm später in Israel verliehene Titel „Gerechter der Völker“ völlig berechtigt sei.

Auch dem Nachkriegs-Schindler hat Crowe nachgespürt, also jenem Verlierer, dessen unternehmerische Ambitionen sämtlich scheiterten, nachdem er 1957 aus Argentinien nach Deutschland zurückgekommen war und in Frankfurt sein Glück versuchte. Klaus Binder, der Übersetzer von Crowes Buch, wies im Museum Judengasse darauf hin, daß Schindler nie zu einer bürgerlichen Existenz gefunden habe, und zwar schon vor dem Krieg nicht, als er mit seiner Guzzi Motorradrennen fuhr, später Autorennen, bis ihm das Geld ausging. Seine Abenteurernatur habe ihm während des Krieges geholfen, als die Verhältnisse Kopf standen und alles drunter und drüber ging. In der Aufbaugesellschaft von Adenauer-Deutschland seien seine unbürgerlichen Eigenschaften nicht mehr gefragt gewesen, Schindler habe die deutsche Gesellschaft nach dem Krieg schlicht nicht verstanden.

Hasardeur, Opportunist, Geschäftemacher - was ist von diesem Oskar Schindler zu halten? Crowes Urteil lautet: „Schindler war tief in seinem Herzen ein grundanständiger Mensch - trotz seiner Trunksucht und seiner Frauengeschichten. Ein Held war er auf jeden Fall. Denn wie heißt es im Talmud? ,Wer nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.'“ Schindler hat viele Leben gerettet.

David M. Crowe: „Oskar Schindler. Die Biographie“. Eichborn Verlag, 34,90 Euro.



Bildmaterial: dpa

 

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