03. Juni 2006 Der Schock über den Stasi-Offizier in den eigenen Reihen saß tief. Unglaublich war die Nachricht: Der freundliche Detlef Hammer, ein hoher Funktionär in der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen, war ein Spion. Der Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit flog erst 1991 auf, als die DDR schon passe war. 1990, ein Jahr nach der Wende, war Hammer sogar noch befördert worden. Bis zum Schluß haben wir keinen Verdacht geschöpft, sagt der frühere Oberkirchenrat Harald Schultze. Die Kirchenprovinz war für den Staat wie ein offenes Buch. 15 Jahre liegt Hammers Enttarnung nun zurück. Nur wenige Monate zuvor war er gestorben; die Umstände seines Todes wurden nie ganz aufgeklärt. Schultze schließt einen Selbstmord nicht aus.
Der Zeitzeuge hat viel zu erzählen - wie all die anderen, die jüngst bei einem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) veranstalteten Symposion zusammenkamen. In all den Jahren der deutsch-deutschen Teilung hatten diese Landeskirche und die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck Kontakte zur Kirchenprovinz Sachsen. Mit einigen Teilnehmern hatte die Historikerin Anette Neff im Auftrag der EKHN schon vor der Tagung Gespräche geführt, damit Erinnerungen an jene Zeit jenseits der - wenigen - Schriftstücke nicht verlorengehen.
Bespitzelung durch den Staat
Die Bespitzelung durch den Staat gehört zu jenen Erinnerungen. Wobei wir den Einsatz von Wanzen und Richtmikrofonen überschätzt und den der persönlichen Spitzelei unterschätzt haben, wie Martin Kramer, einst Verwaltungsleiter der ostdeutschen Kirchenprovinz, sagt. Daß Menschen wie er und andere, die an den gemeinsamen Treffen der Kirchenleute aus Ost und West teilnahmen, aus ihrer Meinung trotzdem keinen Hehl gemacht haben, wie Kramer sagt, hat Gotthard Scholz-Curtius imponiert. Das war Zivilcourage, sagt der frühere Leiter der Kirchenverwaltung der EKHN. Überhaupt erschienen die ostdeutschen Protestanten ihren Besuchern als die besseren Christenmenschen. Sie waren unangepaßt, urteilt Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck.
Zugleich waren sie auf pragmatische Lösungen bedacht, um sich im totalitären System der DDR behaupten zu können. Als die Kirche im Westen mit ihrer Demokratie-Denkschrift 1985 die Demokratie quasi theologisch begründet habe, sei dazu in der DDR aus Vorsicht kaum etwas gesagt worden, erinnert sich ein Teilnehmer des Symposions. Ein anderer sagt, die Denkschrift sei von vielen in Ostdeutschland als Beweis für eine zu große Nähe der westdeutschen Kirche zum Staat interpretiert worden. Die Kirche galt schon als ,weichgeklopft'. Die zögerliche Reaktion auf das Papier hält der derzeitige Bischof der Kirchenprovinz Sachsen, Axel Noack, heute für einen Fehler: Wir hätten uns äußern sollen.
Versäumnisse gab es aber auch auf der anderen Seite. Wir haben in den Gesprächen bei denen nicht genug nachgebohrt, die den Sozialismus noch für verbesserungsfähig hielten, urteilt der einstige EKHN-Kirchenpräsident Helmut Spengler. Generell haben sich die Dialogpartner aus West und Ost bei heiklen Themen eher geschont, wie gleich mehrere Zeitzeugen hervorheben. Wir haben uns nach den Besuchen schon gefragt, ob wir zu oberflächlich waren, sagt die frühere Pröpstin für Rhein-Main, Helga Trösken. Diese Frage haben wir uns nie gestellt. Die Informationen über westliches Denken, aber auch über neue Fachstandards in der diakonischen Arbeit waren uns sehr wichtig, entgegnet Christoph Demke, von 1983 bis 1997 Bischof der Kirchenprovinz Sachsen und Vorgänger Noacks.
Zwischen Zurückhaltung und Einmischung
Zu den heiklen Themen gehörte die griffige, aber auch in der DDR-Kirche kritisierte Formel Kirche im Sozialismus. Unser Interesse war es nicht, unsere Gesprächspartner hier zu korrigieren, sagt Walter Weispfenning, bis zur Wende Oberkirchenrat in der Landeskirche von Kurhessen-Waldeck. Auch für die EKHN galt der Grundsatz, die Selbständigkeit der Partnerkirche zu achten, wie es Spengler ausdrückt. Wären wir kritischer gefragt worden, hätten wir diese Formel auch besser erläutern können, hält Demke entgegen. Es ist nämlich eine sehr gute Formulierung. Auch Demkes Vorgänger, Bischof Werner Krusche, ist bei der Tagung und verteidigt die Formel: Sie war nie ein Lobgesang auf den Sozialismus, sondern ein Ausdruck dafür, daß wir uns einmischen wollten.
Mit dem Kurs ihrer Kirche auf der Grenze zwischen Zurückhaltung und Einmischung waren nicht alle Pfarrer einverstanden. Zu den tragischsten Ereignissen gehört die Selbstverbrennung von Pfarrer Oskar Brüsewitz. Er hatte sich 1976 vor der Michaeliskirche in Zeitz mit Benzin übergossen und angezündet und war wenige Tage später seinen Verletzungen erlegen. Er wollte mit der Kirche gegen den Staat demonstrieren, war aber auch über seine Kirche enttäuscht, sagt Schultze. Und darüber haben wir damals noch lange gesprochen.
Im Zentrum des Symposions stehen die Kontakte der damaligen wie heutigen Kirchenführer. Daneben gab und gibt es Beziehungen zwischen Gemeinden und anderen kirchlichen Gruppierungen. Noack ruft etwa die Erfahrungen mit der Marburger Evangelischen Studentengemeinde in Erinnerung. Fast alle waren dort in der DKP. Das war spannend. Über die Wiedervereinigung wurde nie gesprochen, sagt Erhard Giesler, bis zum vergangenen Jahr Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks in Kurhessen-Waldeck. Außer theologischen Fragen, dem Leben der Kirchen in zwei unterschiedlichen Staatswesen oder der Aufrüstungsdebatte war hingegen die Finanzhilfe ein wichtiges Thema.
Eine Lehre aus der deutsch-deutschen Vergangenheit
Von West nach Ost floß viel Geld: entweder als direkte Hilfe der beiden hessischen Landeskirchen an ihre Partnerkirche - vermittelt über die Diakonischen Werke - oder über die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), in deren Hilfsfonds alle westdeutschen Kirchen einzahlten. Scholz-Curtius rechnet vor, daß die EKHN allein im Jahr 1988 rund 845.000 Mark direkt gezahlt und fünf Millionen Mark der EKD überwiesen hatte. Ein wichtiger Grundsatz für die Finanzbeziehungen war die von der DDR-Regierung verlangte Vertraulichkeit. Das Geld tauchte im Etat der Kirchenprovinz Sachsen immer nur unter dem Titel Betriebsmittel auf. Eine Kirchensteuer gab es in der DDR nicht.
Ein großer Teil des direkt an die Kirchenprovinz gezahlten Geldes wurde für die Anschaffung von Autos verwendet. Hinzu kamen Sachspenden. Einmal wurden sogar zwei Schornsteine mit einer Spezialtransportfirma in die Partnerkirche geschafft, berichtet Scholz-Curtius. Erwähnt ist in den Akten auch einmal eine Tonne Nägel. Nichts zu tun hatten die beiden hessischen Landeskirchen mit Überweisungen für den sogenannten Häftlingsfreikauf. Diese wurden über das Diakonische Werk der EKD abgewickelt, das Geld kam vom Bund. Von 1964 bis 1990 hat er 3,4 Milliarden Mark aufgebracht, um Häftlingen zur Freiheit zu verhelfen.
Nach der Wende sind die Kontakte zwischen den beiden hessischen Kirchen und der Kirchenprovinz Sachsen - deren Gebiet hauptsächlich in Sachsen-Anhalt liegt und kleinere Teile in Thüringen, Brandenburg und Sachsen hat - relativ rasch zur Routine geworden. Und doch bleibt bei vielen die Erinnerung an ostdeutsche Kirchenleute, die theologisch sauberer gesprochen und geschrieben hätten. Das Wort galt damals viel, gerade in einem totalitären System wie der DDR, sagt Demke. Und wir hatten den Leuten etwas zu sagen, ergänzt Noack. Die missionarische Herausforderung habe man früh entdeckt und frommer geredet, als das im Westen so üblich war. Im Westen hat man auf Worte der Kirche eher mit Achselzucken reagiert, meint EKHN-Kirchenpräsident Peter Steinacker. Das müsse sich ändern. Wir sagen heute viel zuviel und müssen uns konzentrieren auf Worte, die gehört werden. Auch eine Lehre aus der deutsch-deutschen Vergangenheit.
Text: F.A.Z., 03.06.2006
Bildmaterial: dpa/picture-alliance
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